Die Herzöge von Opava – eine vergessene Přemysliden-Linie wird erforscht

Wenzel III. (Foto: Bonio, Wikimedia CC BY 2.5)

Das böhmische Königsgeschlecht der Přemysliden starb 1306 aus, als König Wenzel III. in Olomouc / Olmütz ermordet wurde. So wird es in der tschechischen Geschichtswissenschaft schon seit langem überliefert. Mittlerweile ist diese Sichtweise aber fraglich. Denn es gab noch eine Linie des Geschlechtes, deren letztes Mitglied möglicherweise erst im 16. Jahrhundert starb. Über Jahrhunderte hinweg ist nicht an diese Linie erinnert worden. Seit Herbst vergangenen Jahres erforschen jedoch Archäologen eine Gruft, in der die letzten Přemysliden angeblich beerdigt worden sind. Die Ergebnisse der Forschung könnten die tschechische Geschichtsschreibung korrigieren.

Kirche des heiligen Geistes in Opava (Foto: Oslm, Wikimedia CC BY 3.0)
Wann die Kirche des heiligen Geistes in Opava / Troppau errichtet wurde, ist nicht genau bekannt. Liest man die Chronik des nahegelegenen Minoritenklosters, könnte dies 1234 gewesen sein. Diese Angabe lässt sich aber laut den Historikern nicht überprüfen. Ebenso wenig konnten bisher die Berichte bestätigt werden, dass sich gerade in dieser Kirche die Überreste der Troppauer Linie der Přemysliden befunden haben. Die dortigen Gräber wurden bei einem schweren Brand im 16. Jahrhundert und durch den folgenden Umbau der Kirche im 18. Jahrhundert zugeschüttet. Vor kurzem haben sich aber Archäologen entschlossen, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Sie führten unter anderem Mikrosonden in den Boden und wurden fündig.

Michal Zezula (Archiv des Nationalen Denkmalamt)
Man habe, was man gesucht habe, sagt Michal Zezula vom Nationalen Denkmalamt in Opava. Er fügt hinzu, dass es sich um einen Metallsarg mit einer Aufschrift handle und dass dieser wahrscheinlich zu einem reichen Menschen gehöre. Wer im Sarg tatsächlich liegt, das muss natürlich noch festgestellt werden. Zezula und ein Kollege betrachten die Verzierung des Sarges und schätzen sein Alter auf das 16. Jahrhundert. Das sei eben die Zeit gewesen, als mit Walentin Hrbatý der letzte Přemyslide gestorben sei.

Das bedeutendste böhmische Herrschergeschlecht war eng mit der schlesischen Stadt Troppau verbunden. Alles begann 1261, als Přemysl Otakar II. böhmischer König wurde. Er hatte bereits einen Sohn namens Nikolaus, der aber als uneheliches Kind nicht sein Nachfolger werden konnte. Der damalige Papst erkannte zwar Nikolaus als Königssohn an, aber unter der Bedingung, dass weder dieser noch seine Nachkommen jemals den Thron besteigen dürften. Martin Čapský ist Historiker an der Schlesischen Universität in Opava.

Přemysl Otakar II. (Foto: Acoma, Wikimedia CC BY 3.0)
„Přemysl Otakar II. musste seinen Sohn Nikolaus versorgen. Er beschloss daher, einen Teil der Einnahmen aus der relativ selbständigen Provinz Troppau auf diesen zu überschreiben. Die Přemysliden nannten ihn dann Herzog von Troppau, das Herzogtum entstand aber offiziell erst 1318, als König Johann von Luxemburg die Provinz als Lehen an Nikolaus Sohn überantwortete. Das neue Herrschaftsgebiet umfasste die Gegenden rund um Troppau, Jägerndorf (auf Tschechisch Krnov, Anm. der. Red.) und Freudenthal (auf Tschechisch Bruntál, Anm. der. Red.) im heutigen Tschechien und Leobschütz im heutigen Polen. Nikolaus II. wurde ein wichtiger Diplomat an den Höfen von Johann von Luxemburg und Karl IV. und verteidigte die böhmischen Interessen im nordöstlichen Teil des Landes. Johann von Luxemburg sprach Nikolaus II. zudem das Erbe des Herzogs von Ratibor zu, womit die Troppauer Přemysliden auch dieses Nachbarherzogtum beherrschten.“

Siegel von Přemek der Troppauer (Foto: Public Domain)
Obwohl den Mitgliedern dieser Přemysliden-Linie der königliche Thron verwehrt war, standen sie ihm immer sehr nahe. Als Beispiel lässt sich Přemek der Troppauer erwähnen, der gute Kontakte zu Sigismund von Luxemburg hatte. Der böhmische Herrscher vermittelte ihm sogar die Ehe mit der Tochter des bosnischen Königs. Dabei verfolgte er natürlich eigene Interessen, vor allem wollte er verhindern, dass die Tochter mit einem bosnischen Herzog vermählt wurde. Für Přemek war diese Ehe dennoch eine Angelegenheit von Prestige. Er ließ zu dieser Gelegenheit sogar eine goldene Münze prägen, wahrscheinlich sogar nur ein einziges Exemplar, das bis heute erhalten ist. Die Münze war nach dem Muster der ungarischen Goldenen Dukaten angefertigt und diente Přemek offensichtlich nicht als Zahlungsmittel, sondern als Repräsentationsstück. Denn goldene Münzen durften eigentlich nur Könige prägen lassen. Přemek war also für Sigismund nie ein gleichwertiger Partner gewesen und hätte dies auch nie sein können, meint Martin Čapský.

Martin Čapský (Foto: Archiv der Schlesischen Universität in Opava)
„Wir haben eine Urkunde aus dem Jahre 1421, in der Sigismund von Luxemburg zugibt, er schulde Přemek von Troppau 15.400 ungarische Gulden als Lohn und als Gegenleistung für dessen militärische Ausgaben. Diese Urkunde gelangte später in das Archiv des Herzogtums Oppeln, das nach dem Aussterben der Troppauer Přemysliden deren Ländereien übernahm. Das zeugt davon, dass diese Schulden nie bezahlt wurden. Die Přemysliden bewahrten diese Urkunde wohl über Generationen hinweg auf, glaubten aber wohl nicht mehr an ihre Begleichung. Wichtig war wahrscheinlich die bloße Tatsache, dass der Römische Kaiser Sigismund ihnen 15.000 ungarische Gulden geschuldet hatte.“

Wenzel III. (Foto: Bonio, Wikimedia CC BY 2.5)
Die herrschende Linie der Přemysliden litt an einem Mangel männlicher Nachfahren. Bereits König Přemysl Otakar II. war in seiner Generation der einzige Mann des Geschlechtes. Er hatte nur einen einzigen Sohn, Wenzel II., und dieser auch nur einen, Wenzel III. Nachdem dieser 1306 ermordet wurde, ging der böhmische Thron an die Luxemburger über.

Die Troppauer Linie hatte jedoch ein umgekehrtes Problem: Es gab zu viele männliche Erbfolger. Weil Erbteilung bestand, ging die Familie fast pleite. Je größer der Schuldenberg war, desto schlechter wurden die Perspektiven für den Erhalt des Herzogtums. Vorteilhafte Eheschließungen kamen nicht mehr in Frage. Der Großteil des Besitzes einschließlich der Stadt Troppau ging in den 1460er Jahren an den Hussitenkönig Georg von Podiebrad, den Přemysliden blieb damit nur noch Ratibor.

Ratibor (Foto: Poppei, Wikimedia Public Domain)
„Das letzte Mitglied dieser Přemysliden-Linie stirbt 1521 in Ratibor. Er heißt Walentin und wird in den Chroniken der „Bucklige“ genannt, was auf eine körperliche Behinderung verweist. Über diesen Herzog ist nur wenig erhalten. Man weiß lediglich, dass sein Besitz klein war und er sich nicht in der ‚hohen Politik‘ engagierte. In der Chronik von Breslau steht zu seinem Tod nur eine kurze Notiz: ´Es starb Walentin der Bucklige, der trotz seiner Behinderung ein guter Herrscher gewesen war.´ Als Symbol dafür, dass mit ihm die Troppauer Herzogslinie der Přemysliden endete, wurde ihm ein zerbrochenes Schwert auf den Sarg gelegt. Sonst starb Walentin praktisch unbemerkt, nicht einmal in der Chronik von Ratibor ist sein Tod erwähnt“, so Čapský.

Kirche des heiligen Geistes in Opava (Foto: Adriana Krobová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Kirche, in der laut den Chroniken die Troppauer Premysliden ihre ewige Ruhe gefunden haben sollen, brannte noch im 16. Jahrhundert völlig nieder. Der Neubau begann erst 1690 und dauerte fast 80 Jahre. Mit den derzeitigen Untersuchungen soll auch die Frage beantwortet werden, wie das Bauwerk einmal ausgesehen hat. Man weiß immerhin, dass es damals einer der größten Bauten in Schlesien war, das Presbyterium war beispielsweise etwa 20 Meter hoch. Nach dem Brand wurden die Fundamente der alten Kirche für den Neubau genutzt. Dafür sind die Experten heute sehr dankbar, sagt Eduard Pyš, einer der Archäologen vor Ort:

Kirche des heiligen Geistes in Opava (Foto: Marcin Szala, Wikimedia CC BY-SA 4.0)
„Das Interessanteste, was wir bisher entdeckt haben, sind die Ziegel des Gewölbes. Auf einigen von ihnen sind die Reste einer Polychromie, also einer farbigen Gestaltung zu erkennen. Man sieht da graue und weiße Farbe, womit der Stein und die Fassade imitiert werden sollten. Darunter besteht aber roter Ziegel, hier mit doppelter Riefelung. Der Ziegel, den ich gerade in der Hand halte, gehörte zum Gewölbebogen. Die Nutzung von grauer und weißer Farbe entsprach dem Trend in der Spätgotik. Man übermalte die Ziegeln oder Steine mit Farbe, um die Fugen zu verbergen. Schließlich aber fügte man mit selbst gezogenen farbigen Linien ein eigene Gliederung ein.“

Wie lang die Forschungsarbeiten noch dauern werden, das lässt sich noch nicht genau sagen. Die Experten müssen die Fundamente freilegen, bis in ein Meter Tiefe untersuchen und ausführlich dokumentieren. Vielleicht stoßen sie dabei noch auf die eine oder andere Überraschung. Aber auch das, was sie bereits jetzt herausgefunden haben, gilt als eine Bereicherung der tschechischen Geschichtsforschung.