serie

5) Der erste Staat auf dem Gebiet Tschechiens: Die Herrschaft der Přemysliden

Grundriss der Kirche der Jungfrau Maria in Budeč

In unserer Reihe „Ausgegraben: Erfolge der tschechischen Archäologie“ geht es heute um das frühe Mittelalter. Die Přemysliden waren eines der bedeutendsten Herrschergeschlechter auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens. Im heutigen Teil der Serie geht es darum, wie sie hier den ersten Staat errichtet haben.

Jan Mařík | Foto: Loreta Vašková,  Radio Prague International

Die Přemysliden bestiegen Ende des 9. Jahrhunderts den böhmischen Thron – und regierten auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens bis zum Jahr 1306. Zu ihrer Herrschaft liegen bereits schriftliche Quellen vor. Dennoch beschäftigen sich auch Archäologen mit der Erforschung der Epoche. Einer von ihnen ist Jan Mařík. Im Interview mit Radio Prag International erläutert er, dass man sich bei den historischen Quellen zu dem Adelsgeschlecht nicht immer sicher sein kann.

Přemysliden im Buch „Curia ducis,  curia regis. Panovnický dvůr za vlády Přemyslovců“ | Foto: Adriana Krobová,  Tschechischer Rundfunk

„Die Geschichte der Přemysliden ist eng mit den Böhmischen Ländern verbunden. Alles, was wir jedoch darüber wissen, stammt aus Legenden und Chroniken. Diese wurden zudem oft mit großem zeitlichem Abstand verfasst. Wir kennen auch nur jene Ereignisse, die der Autor dieser Texte mitteilen wollte und für wichtig hielt“, so der Leiter des Archäologischen Instituts an der Akademie der Wissenschaften. Daraus ergibt sich, dass nicht alle Ereignisse nachzuvollziehen sind.

Burgstätte in Libice nad Cidlinou | Foto: Martin Gojda,  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

„Wir können überlegen, welche Ereignisse entscheidend zur Entstehung des Přemysliden-Fürstentums und später des Königreichs und des Staates beigetragen haben. Wir wissen das aber nicht. Denn von vielen Ereignissen haben wir noch nie etwas gehört.“

Als einer der bedeutenden Schritte zur Machtübernahme der Přemysliden wird der Sieg über die Slavnikiden am 28. September 995 angesehen. Die Tötung des verfeindeten Adelsgeschlechts in Libice nad Cidlinou gilt in der tschechischen Geschichte als eines der bedeutendsten Ereignisse des frühen Mittelalters. Jan Mařík zweifelt die tatsächliche Relevanz des Kampfes jedoch an.

Burgstätte der Slavnikiden in Libice nad Cidlinou | Foto: Josef Morávek,  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

„Diese Geschichte kann man als ein ganz unbedeutendes Scharmützel abtun. Man kann sie aber auch als den großen Moment darstellen, der dazu geführt hat, dass die Přemysliden an die Macht gekommen sind. Meiner Meinung nach herrschte das Adelsgeschlecht bereits zuvor. Einfluss hatte der Kampf eher für das Geschlecht der Slavnikiden, als für die Přemysliden und die Weiterentwicklung des Königreichs.“

Burgstätte der Slavnikiden in Libice nad Cidlinou | Foto:  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

Was geschah am 28. September 935?

Tod des Heiligen Wenzel in der Chronica Boemorum | Foto: Tschechisches Fernsehen

Zum Gründungsmythos eines eigenständigen böhmischen Staates gehört aber bereits die Herrschaft Wenzels von Böhmen. Aber auch da liegt einiges im Argen. Denn Jan Mařík zufolge sind zum Beispiel die genauen Todesumstände des Heiligen Wenzel unklar. Als Todestag des Přemysliden-Fürsts wird der 28. September 935 angenommen. Bis heute wird in Tschechien an diesem Datum ein Staatsfeiertag begangen. Doch dem Forscher zufolge lässt sich das Sterbedatum ebenso wenig überprüfen wie die weit verbreitete Annahme, dass Wenzel von seinem Bruder Boleslav ermordet wurde. Solche Informationen genau zu verifizieren, könne aber auch keine Aufgabe der Archäologie sein, betont Jan Mařík:

Tod des Heiligen Wenzel in der Böhmisch-Mährischen Chronik

„In den 1950er bis 1980er Jahren hat man vielerorts versucht, einzelne historische Ereignisse ‚auszugraben‘. Das funktioniert so jedoch zumeist nicht. Die Archäologie erzählt viel mehr über das Alltagsleben und die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Zeit. Das hat in der Vergangenheit zu einigen Missverständnissen, zu bewusster Manipulation und zu enttäuschten Erwartungen geführt.“

Und so ist die genaue Untersuchung der Todesursache des Heiligen Wenzel eher eine Aufgabe der Geschichtswissenschaften.

Dušan Třeštík | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Wir wissen, dass es zu diesem Ereignis gekommen ist“, sagt der Archäologe. „Aber wie der Historiker Dušan Třeštík gesagt hat, sind Zweifel angebracht, was das Datum angeht, also den 28. September. Auch die Umstände des Todes sind unklar,“ so Mařík.

Ehemalige Burgstätte in Libušín  (rechts) | Foto: Martin Gojda,  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

Dennoch kann man durch die Archäologie einiges über die Zeit der Přemysliden erfahren. Jan Mařík:

„Die wichtigsten Informationen konnten wir aus der Untersuchung von Siedlungsbauten bekommen. Die Burgstätten sind die wichtigsten Monumentalbauwerke, die hierzulande entstanden sind – und sie sind bis heute erhalten.“

Archäologie als politisches Instrument

Modell der přemyslidischen Burgstätte in Levý Hradec | Foto: Militärhistorisches Institut in Prag

Viele Bauwerke aus der Zeit der Přemysliden sind bereits früher archäologisch untersucht worden, Jan Mařík weist aber auf ein besonderes Problem hin:

„Wir müssen noch umfangreiches Material auswerten, das bisher nicht publiziert und analysiert wurde. Das betrifft einige bedeutende Orte von der Prager Burg über Budeč, Levý Hradec und Libušín bis zu Tetín. All diese Orte wurden schon intensiv untersucht. Und dabei konnte einiges an Material sichergestellt werden, das zur Verfügung steht und noch nicht in Augenschein genommen wurde.“

Illustrationsfoto:  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

Das Material, das noch ausgewertet werden muss, stammt dabei vor allem aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Verzögerung hängt auch damit zusammen, dass die Archäologie in der Geschichte Tschechiens mehrfach missbraucht wurde. In der Zeit der Nationalen Wiedergeburt sollte sie die Identität der Tschechen betonen. Unter diesem Blickwinkel wurde auch das frühe Mittelalter betrachtet.

Illustrationsfoto: Mährisches Landesmuseum

„Das frühe Mittelalter war eine Zeit, in der sich Staaten und damit Identitäten herausgebildet haben. Natürlich kam es erst in der Neuzeit wirklich zur Nationenbildung. Aber oft wird eben nach den Wurzeln und Zusammenhängen gesucht. Die Archäologie unterlag dabei oft dem gesellschaftlichen und politischen Druck. Mitunter nahm das wirklich bizarre Formen an. In der Zeit der Besetzung durch die Nazis wurden einige Dinge gewaltsam im Sinne des Nationalsozialismus durchgesetzt.“

Slawenapostel Kyrill und Method | Foto: Jiří Sedláček,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0

Auch während des Kommunismus wurde die archäologische Forschung missbraucht und die Epoche des Mittelalters anders als heute bewertet:

„Die Archäologie sollte damals das Konzept der Klassengesellschaft bestätigen und darlegen, wie sich diese herausgebildet hat. Zudem gab es einige geopolitische Vorgaben. Die Forschung orientierte sich also mehr in Richtung Osten. Die Mission der Slawenapostel Kyrill und Method und ihre Verbindung nach Byzanz wurde deshalb stark betont. Andere Missionierungen – beispielsweise aus Bayern – wurden hingegen ignoriert. Zudem mussten gewisse Archäologen der Doktrin der Partei folgen. Das zeigt sich auch in einigen Archivmaterialien.“

Selbst heute wird laut Mařík das Frühmittelalter nicht immer objektiv und wertfrei untersucht. In Tschechien werde sich aber zumindest darum bemüht, so der Wissenschaftler.

Das Vermächtnis der Přemysliden

Burgstätte der Slavnikiden in Libice nad Cidlinou | Foto: Martin Gojda,  Archäologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

Und so kommen wir zurück zu den Přemysliden. Jan Mařík stellt ihre Bedeutung in den Kontext der damaligen Zeit.

„Die Přemysliden waren nicht alleine. Ja, sie übernahmen tatsächlich die Herrscherrolle und wurden hoch angesehen als Herrscher der Böhmischen Länder. Es gab aber noch zahlreiche weitere Burgstätten, die unter der Kontrolle anderer Fürsten standen. Diese nahmen mit großer Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit den Přemysliden-Fürsten an den Reichstagen teil – auch wenn sie nicht zur Dynastie gehörten. Bekannt ist etwa die Familie der Slavnikiden. Wir kennen sie aber nur, weil aus ihrem Geschlecht jemand heiliggesprochen wurde (Adalbert von Prag, Anm. d. Red.). Deshalb wird die Familie auch in den Legenden und in Kosmas‘ ‚Chronica Boemorum‘ erwähnt. Derartige Geschlechter gab es jedoch eine ganze Reihe.“

Wenzel III.,  Lithographie von Josef Kriehuber | Quelle:  Wikimedia Commons,  gemeinfrei

Am 4. August 1306 wurde Wenzel III. bei einem Feldzug ermordet. Da man sich auf keinen Nachfolger einigen konnte, endete die Dynastie der Přemysliden. Den Thron in Prag übernahmen schließlich die Luxemburger. Aber welche Bedeutung hatten die Přemysliden für das spätere Tschechien?

„Das Vermächtnis der Přemysliden ist sehr interessant. Denn während ihrer Herrschaft haben sich ein Staat und eine Machtstruktur herausgebildet. Diese Entwicklung lässt sich mit anderen Gebieten vergleichen. Zudem kann das eine Grundlage sein für die Untersuchung weiterer Epochen, in denen es zur Nationenbildung kam. Und es ist noch ein Punkt bedeutend: Zur Zeit der Přemysliden wurde festgelegt, wo sich Böhmen in Europa befindet. Das begleitet uns bis heute! Wir haben enge Beziehungen zur westlichen Welt, befinden uns aber an ihrem östlichen Rand. Es kommt uns eine Vermittlerrolle zu, und die erfüllt Tschechien bis heute.“

Die Serie entsteht in Kooperation mit dem Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften in der Tschechischen Republik.