Die Volman-Villa in Čelákovice: Ein Stück Côte d’Azur an der Elbe
Wer funktionalistische Architektur mag, wird die Volman-Villa in Čelákovice lieben. Das imposante Wohnhaus wurde in den 1930er Jahren für einen wohlhabenden Unternehmer gebaut. Später fristete es ein trostloses Dasein. Doch mittlerweile wurde die Villa restauriert und kann besucht werden.
Das Bild wirkt fast schon zu perfekt, um wahr zu sein. Der Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten, darüber erhebt sich wuchtig und doch filigran die Villa. Von der sandfarbenen Fassade heben sich einige Flächen in Pfirsich ab. Die großen Fenster werden von Rahmen in grüner Lackierung und warmen Holztönen umfasst. Vom Himmel strahlt mit aller Kraft die gleißende Augustsonne, es sind an die 40 Grad. Eine Palme steht unter einer Brücke, die zu einem Pool mit Wasser führt. Verlockend, das kühle Nass… Man fühlt sich weniger wie in Mittelböhmen, als vielmehr vor einer Luxusresidenz an der Côte d’Azur.
„Das freut mich, dass Sie sich wie an einer Sommervilla fühlen – und noch dazu in Frankreich. Denn die beiden Architekten, Karel Janů und Jiří Štursa, die 1937 den Auftrag für dieses Haus bekamen, waren sehr von Frankreich inspiriert. Ihr großes Vorbild waren die Arbeiten Le Corbusiers. Sie hatten also den richtigen Riecher.“
Zuzana Kadlečková kennt sich aus mit der Geschichte der Volman-Villa, die in Čelákovice unweit der Elbe steht. Das Haus, so sagt sie, sei ein Paradebeispiel für den späten Funktionalismus in Tschechien – und für moderne Architektur allgemein: lange Fensterreihen, Flachdach und eine Konstruktion aus Eisenbeton.
Benannt ist die Villa heute nach Josef Volman. Der 1883 geborene Unternehmer ist auf zeitgenössischen Fotos im Anzug mit Krawatte, Brille und braunem Hut zu sehen. Ein wenig pummelig wirkt er und damit geradezu wie der Prototyp eines Großindustriellen seiner Zeit.
„Zwischen den beiden Weltkriegen wurden Werkzeugmaschinen von Čelákovice in alle Welt versandt. Sie trugen die Marke Josef Volman. Es handelte sich um eine Aktiengesellschaft des hiesigen Fabrikanten, Volman war gewissermaßen der Baťa unserer Region. Er gehörte zu den erfolgreichsten Unternehmern der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Seine Firma beschäftigte mehr als 3000 Mitarbeiter, sie hatte Handelsvertretungen in über 30 Ländern auf praktisch allen Kontinenten der Erde.“
Anders als man es vermuten könnte, soll sich Volman dabei hervorragend um seine Mitarbeiter gekümmert haben.
„Seine Sorge um die Angestellten endete nicht hinter dem Werktor. Er bot ihnen stattdessen ein umfassendes Bonuspaket an: Mietwohnungen, Sportklubs, aber auch ein kulturelles Angebot hier in Čelákovice. Denn er wusste, dass es dadurch am Ende allen besser gehen würde – nicht nur seinen Mitarbeitern und deren Familien, sondern auch seinem Unternehmen. Und dadurch würde am Ende die gesamte Stadt profitieren.“
Penible Kostenplanung
Wie es sich für einen Großunternehmer seines Kalibers gehörte, sehnte sich Josef Volman nach einer stattlichen Behausung. Seine Villa sollte eine der teuersten ihrer Zeit werden, Volman verlangte von den Architekten, dass sie eine Millionen Kronen kostete – eine für damalige Verhältnisse astronomische Summe.
„Mit diesem Geld hätte man zehn normale Wohnhäuser bauen können. Eine schöne Villa in guter Lage in Brünn oder Prag kostete damals 250.000 Kronen. Es handelte sich also um das Vierfache des Preises für ein repräsentatives Wohnhaus.“
Der Bauherr legte dabei großen Wert darauf, dass die geforderte Summe auf Heller und Pfennig genau erreicht wird…
„Architekt Štursa erinnerte sich später daran, dass der Kostenvoranschlag zunächst ein wenig niedriger war. Volman lehnte ihn mit den Worten ab, dass er ein Haus für eine Million verlangt habe und diese Summe nun auch aufgebraucht werden solle. Wenn man das Haus heute betritt, kommt man an einer Wand aus Glasbausteinen vorbei. Der Legende nach entspricht ihre Größe genau der Summe, die damals noch fehlte, um die eine Million Kronen zu erreichen.“
1000 Quadratmeter für zwei Bewohner
Errichtet wurde die Volman-Villa von 1938 bis 1939. „Die Innenfläche beträgt über 1000 Quadratmeter. Aber die Anzahl der Bewohner lag lediglich bei zwei“, sagt Zuzana Kadlečková. Diese zwei Bewohner waren neben dem Unternehmer auch dessen Tochter Luďa; die Ehefrau Ludmila war bereits 1932 verstorben. Die immense Größe des Anwesens rechtfertigt allerdings zumindest ein Stück weit der Fakt, dass das Haus auch repräsentativen Zwecken der Firma diente. In der Villa wurden Gäste empfangen, Geschäftstreffen abgehalten und Verträge unterzeichnet. Kadlečková verweist auf den kerzengeraden Zufahrtsweg, der vom Tor zum überdachten Eingangsbereich führt.
„Der Herr Fabrikant wünschte sich, dass der Besuch bequem mit dem Auto zum Haupteingang gelangen konnte. Der Chauffeur konnte hier halten und den Gast herauslassen, der dann ins Innere des Hauses ging. Das Ganze ist so elegant gelöst wie in einem Hotel. Denn der Fahrer konnte anschließend durch den Kreisverkehr wenden und den Wagen außerhalb des Geländes oder in der Garage abstellen.“
Während Kadlečková ins Innere führt, erklärt sie, dass das Haus ein Spiel verschiedener Formen, Farben und Materialien sei. Und das zeigt sich überall in dem Gebäude: Der Boden besteht mal aus Holz, mal aus Kork, mal aus Marmor. Das Geländer der Treppe im Eingangsbereich ist mit kreisrunden Bohrungen versehen, davor hängen kugelrunde Leuchten von der Decke. Anderswo dominieren scharfe Kanten, etwa bei den Kaminen, die meist weit in die Mitte der Zimmer hineinragen.
Ein Wohnzimmer so groß wie drei Wohnungen
Wie groß man diesen Raum schätze, fragt Kadlečková, während sie ins Wohnzimmer führt. Der Blick schweift über einen Esstisch, einen Flügel und zwei Sitzecken mit Bauhausmöbeln. Kadlečková erlöst vom Rätselraten: Es sind 170 Quadratmeter.
„Heute könnte man auf 170 Quadratmetern bequem zwei oder drei Wohnungen einrichten. Die Architekten wollten aber, dass man sich wirklich überwältigt fühlt, wenn man das Wohn- und Esszimmer der Volmans betrat. Es ist der größte der Innenräume im Haus.“
Doch auch das Obergeschoss, welches der Privatbereich der einstigen Bewohner war, ist nicht weniger großzügig gestaltet.
„Auf dieser Etage gab es ursprünglich drei Schlafzimmer und drei Bäder. Es war seiner Zeit voraus, jedem der Bewohner und den Gästen ein eigenes Bad zu spendieren.“
Interessant ist dabei, dass das Bad von Volmans Tochter Luďa in Blautönen gehalten ist. Im Badezimmer des Unternehmers hingegen strahlen die Wanne, die Dusche und die Seifenablagen in einem kräftigen Altrosa.
„Die Farbgebung des Herrenbades kann schon überraschen. Die Architekten wählten diesen Rosaton als Kontrastfarbe. Denn am Boden sieht man einen sehr dunklen Marmor. Es ist sicherlich der interessanteste Marmor in dem Haus und mein persönlicher Favorit.“
Von der Bruchbude zur Architekturikone
Während auch das Arbeitszimmer des Fabrikanten besucht werden kann – und ein Stockwerk höher das Billardzimmer und die Dachterrasse mit Elbblick –, verweilt der Besucher auch in Josef Volmans einstigem Schlafzimmer. Denn hier wurde eine kleine Ausstellung installiert, die den Besuchern die Geschichte der Villa näherbringt.
Wie Zuzana Kadlečková berichtet, starb Josef Volman bereits 1943 – im Alter von nur 59 Jahren – an einer Krebserkrankung. Zuvor hatte sich der Unternehmer gegen die Besatzung der Nationalsozialisten und die Ausrufung des Protektorats eingesetzt. Er finanzierte die Familien politischer Gefangener und verstecke einen Teil des Archivs von Tomáš Garrigue Masaryk in seinem Betrieb.
Nach dem Tod des Vaters lebte Luďa, die mittlerweile verheiratet war und zwei Kinder hatte, weiterhin in dem Haus. Doch Kadlečková zeigt auf das Foto eines Briefs vom 25. Februar 1948. Darin heißt es, dass die Villa verstaatlicht worden sei.
„Die Familie musste ihr Zuhause binnen weniger Tage verlassen. Aus der Villa wurde ein ‚Aufklärungslokal‘ und eine Kaderschule der Kommunistischen Partei.“
In den 1950er Jahren entschied man, das Gebäude als Kindergarten zu nutzen. Ein Schicksal, das laut der Kuratorin vielen ähnlichen Gebäuden aus der Zeit der Ersten Republik widerfuhr. Allerdings sei diese Entscheidung für die Volman-Villa eine gute gewesen. Zwar sei der Kork-Fußboden durch PVC ersetzt worden, die Einrichtungsgegenstände verschwanden und die Fenster wurden billig saniert. Aber unterm Strich kümmerte man sich um die Immobilie. Mit der Samtenen Revolution änderte sich das jedoch schlagartig…
„Ab 1990 stand das Haus leer, niemand interessierte sich dafür. Bis das Restitutionsverfahren abgeschlossen wurde und sich die Familie zum Verkauf des Hauses entschloss, vergingen sechs Jahre. Und die waren für das Haus schicksalsträchtig.“
Die Villa wurde zum Unterschlupf von Obdachlosen und Drogenabhängigen. Alles was man zu Geld machen konnte, etwa die Kupferrohre und die Gusseisen-Heizkörper, wurde verscherbelt. Die Käufer, die 1996 auf den Plan traten, hatten das Ziel, die Villa in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.
„Das war ein langer Weg mit vielen Herausforderungen nicht nur finanzieller Natur. Denn es mussten auch zahlreiche Nachforschungen angestellt werden, wie das Haus einmal ausgesehen hatte. Das war damals völlig unklar.“
Die Besitzer verließen sich deshalb auch auf die Hilfe eines erfahrenen Fachmannes: auf den Architekten Marek Tichý. Dieser hat mittlerweile auch weitere prestigeträchtige Bauten des 20. Jahrhunderts restauriert, so etwa den Palast der Elektrobetriebe unweit des Strossmayerovo náměstí in Prag oder das einstige Hotel InterContinental am Moldauufer in der Hauptstadt.
Das Projekt der Volman-Villa war eines von Tichýs ersten, bereits 2017 konnten die Arbeiten abgeschlossen werden. 2022 wurden die Türen des Gebäudes dann für das interessierte Publikum geöffnet.
10.000 Besucher pro Jahr
Dass die Villa lange Jahre leer stand, vor sich hin rottete und anschließend aufwendig saniert werden musste, habe auch einen positiven Aspekt, sagt Kadlečková. Denn betrete man die Villa heute, befände man sich nicht in einem Museum…
„Sie sind hier in einem lebendigen Haus. Man darf sich auf die Möbel setzen, man kann hier auch übernachten und die Dusche benutzen. Das unterscheidet uns von anderen Einrichtungen, die streng restauriert wurden und eher eine Galerie sind. Bei uns darf man alles anfassen.“
Jährlich würden die Villa heute 10.000 Menschen besuchen, sagt Kadlečková. Im Wohnzimmer finden zudem Kammermusikkonzerte und Theatervorführungen statt. Wer die Volman-Villa für sich haben will, der kann sich für eine Nacht in dem Haus einmieten. Und wem auch das nicht reicht, der kann sich in dem Ort mit seiner bewegten Geschichte sogar das Ja-Wort geben. Allerdings öffne man die Villa maximal dreimal im Jahr für Hochzeitsgesellschaften, sagt Zuzana Kadlečková. Denn allzu sehr will man die alten Gemäuer dann doch nicht strapazieren.
In der Villa werden mehrmals pro Woche Führungen in tschechischer Sprache angeboten, zur Verfügung gestellt wird dabei auch ein englischsprachiger Audioguide. Auf Anfrage werden zudem Führungen auf Deutsch organisiert. Die Wände der Volman-Villa schmücken abwechselnd Arbeiten verschiedener zeitgenössischer Künstler. Noch bis Ende September sind Kunstwerke von Pavel Dušek, František Jungvirt und Pavlína Šváchová zu sehen.
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