Ein Haus, das Tausend Geschichten erzählt: Die Villa des Abenteurers Miroslav Zikmund in Zlín

Zikmund-Villa

Die Expeditionen des Abenteurers Miroslav Zikmund haben in Tschechien Kultstatus. Einst hat er mit seinem Gefährten Jiří Hanzelka die ganze Welt bereist. Zuhause war Zikmund in Zlín, wo er in einer funktionalistischen Villa aus den 1930er Jahren wohnte. Heute kann das Gebäude besichtigt werden.

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Wenn man das Haus in der Žlebová 2894 in Zlín betritt, fühlt man sich weniger wie in einem Museum als vielmehr wie bei jemandem auf Besuch, der nur gerade kurz einkaufen gegangen ist. Bücher stehen in den Regalen, in der Küche ist auf Marmeladengläsern handschriftlich vermerkt, welches Gewürz sich darin befindet, und es riecht ganz besonders, so wie eben jedes Haus und jede Wohnung ihren eigenen Geruch hat. Dass das so ist, ist kein Zufall. Denn noch bis vor wenigen Jahren war hier der 2021 verstorbene tschechische Weltreisende und Abenteurer Miroslav Zikmund zuhause, der die Villa der Nachwelt hinterließ.

Miroslav Zikmund | Foto: Jindřich Böhm,  PiranhaFilm

Dagmar Výlupková leitet den Stiftungsfonds der Zikmund-Villa und erläutert im Interview für Radio Prag International:

„Die Villa wurde nicht für Miroslav Zikmund gebaut, sondern ist viel älter. 1935 erfolgte die Bauabnahme. Der Architekt war František Lýdie Gahura, und gebaut wurde sie für den ersten Hauptmann des Kreises Zlín, Josef Januštík. Gemeinsam mit seiner Frau lebte er hier bis 1953.“

Wohnbereich | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die Entstehung der Villa ist eng mit dem Firmenimperium von Tomáš Baťa verbunden. Der Schuhfabrikant machte aus Zlín einen wichtigen Wirtschaftsstandort, und überall sprossen funktionalistische Bauten aus dem Boden. Die Villa im eher ruhigeren Stadtteil Nivy wechselte 1942 erstmals den Besitzer. Damals kaufte der Regisseur Elmar Klos das Gebäude, der der Sohn von Marie Januštíková war. Selbst lebte der Filmemacher, der später auch mit einem Oscar bedacht wurde, aber nie in der Villa.

Mitbringsel aus aller Welt

1953 suchte Klos einen Käufer für das Gebäude. Denn seine Mutter und deren Ehemann waren gezwungen auszuziehen. Als Interessent trat Miroslav Zikmund auf den Plan.

Zikmunds Villa in Zlín | Foto: Anna Fodor,  Radio Prague International

„Herr Zikmund stammte gebürtig aus Pilsen und war Wahl-Zlíner. Er kam nach seiner ersten Reise in die Stadt. Gemeinsam mit Jiří Hanzelka arbeitete er im hiesigen Filmstudio nämlich an einem Dokumentarfilm über ihre gemeinsame Fahrt nach Afrika und Südamerika. Zlín, das damals noch Gottwaldov hieß, gefiel ihm sehr gut, weil es im Grünen lag. Zikmund dachte, dass es der ideale Ort für ein Familienleben und die Vorbereitung auf die nächsten Reisen sein könnte. Als das Angebot von Elmar Klos kam, schlug er also zu – allerdings nicht so sehr wegen des Gebäudes an sich, sondern wegen des Gartens, der zu dem Zeitpunkt bereits seit 20 Jahren angelegt war.“

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Ehe Zikmund aber in die Immobilie einzog, ließ er zunächst umfangreiche Umbauarbeiten durchführen, die der Architekt Zdeněk Plesník plante.

„Auch das gesamte Interieur wurde abgeändert. Als Designer war Miroslav Navrátil dafür verantwortlich, der sich auf die Vorschläge von Miroslav Zikmund bezog.“

Wohnbereich | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Im lichtdurchfluteten Wohnbereich etwa ließ Zikmund den Erker vergrößern und amerikanische Schiebefenster verbauen, die in der Fassade verschwinden, wenn man sie öffnet. Dagmar Výlupková verweist zudem auf ein weiteres Detail:

Objekte an der Präsentationswand | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Die Dominante des Wohnbereichs ist die Präsentationswand. Je nach Bedarf konnte Herr Zikmund die Holzstifte und Regalbretter umstecken. Die Gegenstände, die er hier ausstellte, stammten von seinen Reisen, oder er bekam sie von seinen Freunden geschenkt. Oben links hängen beispielsweise die Fähnchen, die bei der ersten Expedition an dem berühmten Tatra 87 befestigt waren.“

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Zikmund und Hanzelka – Weggefährten und Nachbarn

Die enge Freundschaft zwischen Hanzelka und Zikmund führte dazu, dass aus den beiden Abenteurern auch Nachbarn wurden.

Jiří Hanzelka und Miroslav Zikmund | Foto repro: Československý voják,  číslo 16,  1956 / Digitální studovna Ministerstva obrany ČR

„Herr Zikmund überredete Herrn Hanzelka, sich das angrenzende Grundstück zu kaufen. Dort ließ der sich ebenfalls eine Villa errichten, die von Zdeněk Plesník geplant wurde. Heute befindet sich darin eine Einrichtung der Tagespflege für Kinder mit Behinderungen. Hanzelka lebte nur zwei Jahre in der Villa, während dieser Zeit besuchte er seinen Nachbarn aber regelmäßig. Die Gärten waren über ein Tor miteinander verbunden. Auf Fotos ist zu sehen, wie die beiden Abenteurer in Zikmunds Villa ihre zweite Reise planen und über Karten brüten. Spannend ist zudem, dass die beiden Häuser trotz ihrer Nähe über eine Telefonleitung miteinander verbunden waren. Das war in der damaligen Zeit ganz und gar nicht üblich.“

Treffen in der Bibliothek | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Während Hanzelka nur zwei Jahre im Zlíner Villenviertel wohnte, lebte Miroslav Zikmund fast 70 Jahre in dem Haus – auch nach der Trennung von seiner Frau Eva. Nachdem er sich 1968 auf die Seite der Reformkommunisten schlug, wurde er während der Zeit der Normalisierung mit einem Publikationsverbot belegt und aus dem öffentlichen Leben verbannt. Die Villa jedoch wurde ein nicht unwichtiger Treffpunkt von Dissidenten. Bei den Treffen in der Bibliothek war etwa der Schriftsteller Ludvík Vaculík zugegen. Der Raum atmet noch heute den Geist dieser Zeiten. Das Bärenfell auf dem Boden brachte Zikmund einst aus der Sowjetunion mit. Und in dem hölzernen Bücherregal, dessen Böden durch ein ausgefeiltes System verstellt werden können, steht immer noch ein Großteil der 11.000 Bücher, die Zikmund einst besaß – versehen mit einem Katalogsystem wie in einer Bibliothek.

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Im Gästezimmer übernachtete einst Václav Havel

Gästezimmer | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Geschichtsträchtig ist aber auch das Obergeschoss, in das man über eine knarzende Holztreppe gelangt. Oben befindet sich etwa das Gästezimmer, in dem im August 1985 Václav Havel übernachtete. Dagmar Výlupková verweist auf mehrere Landkarten, die auf der Matratze des Bettes liegen…

Karte des Gartens | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das sind Karten des Gartens. Als Miroslav Zikmund hier einzog, ließ er eine leere geodätische Karte des Geländes anfertigen. In ihr trug er später alle Änderungen ein, die er vornahm: was er hier anpflanzte, was er ausgrub oder fällte. Dadurch können wir die Geschichte des Gartens, die bis ins Jahr 1935 zurückgeht, bis heute nachvollziehen.“

Auch in Miroslav Zikmunds Schlafzimmer fällt dem Besucher gleich eine Landkarte ins Auge. Allerdings liegt sie nicht auf dem Bett, sondern hängt an der Wand – und sie ist um einiges größer. Es handelt sich um eine historische Darstellung Böhmens.

Schlafzimmer | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das ist eine Karte von Johann Christoph Müller, der einer der wichtigsten Kartographen seiner Zeit war. Sie stammt aus dem Jahr 1720. Heute wird sie wegen ihres historischen Werts geschätzt, früher war sie aber wegen ihres kartographischen Werts von Bedeutung. Denn die Darstellung ist sehr genau und zeigt auch kleine Details.“

Arbeitszimmer | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

An das Schlafzimmer schließt sich das Arbeitszimmer an. Auf dem Tisch liegt ein Kursbuch der Tschechischen Bahnen, ein Tagebuch, ein Radio wartet darauf, eingeschaltet zu werden. Auch einen Globus und eine Schreibmaschine findet man hier vor. Einen Computer sucht man hingegen vergebens – wenngleich Miroslav Zikmund in hohem Alter einen Rechner besaß, benutzte er ihn nur kaum. Dagmar Výlupková verweist auf die umfassende Bücherwand.

Arbeitszimmer | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das Arbeitszimmer ist eher wie eine Bibliothek eingerichtet. Es gibt hier 3000 Bücher. Teils sind das Titel, die Zikmund und Hanzelka zusammen geschrieben haben, es finden sich hier aber auch Wörterbücher und Enzyklopädien. Und die gelben Buchrücken sind alles Ausgaben der National Geographic. Herr Zikmund hatte eine komplette Sammlung dieses Magazins, da er bis an sein Lebensende ein Ehrenabonnent war.“

Ein weiterer Hingucker im Arbeitszimmer ist zudem die große Weltkarte, auf der Miroslav Zikmund mit verschiedenfarbigen Kordeln seine Reisen dokumentiert hat. Blau steht für die erste Reise, die durch Afrika und Südamerika führte. Der rote Bindfaden zeigt die Route der zweiten Expedition, die von 1959 bis 1964 durch Asien und Ozeanien sowie durch die Sowjetunion ging. Die restlichen Fäden symbolisieren jene Reisen, die Zikmund nach der Samtenen Revolution ohne seinen Weggefährten Hanzelka unternahm.

Foto: Anna Fodor,  Radio Prague International

Fitnessgeräte und Fotolabor

Fotolabor | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Überraschungen und Gegenstände mit Geschichte finden sich an vielen Orten in der Villa. So etwa im Bad, wo an den Wänden Fitnessgeräte befestigt sind, mit denen sich der einstige Bewohner fit hielt. Im Erdgeschoss gibt es zudem ein vollwertiges Fotolabor, in dem Zikmund die Aufnahmen von seinen Reisen entwickeln konnte. Dass all das noch originalgetreu erhalten ist und das Haus seit den 1950er Jahren nie umfassend umgebaut wurde, mag daran liegen, dass Miroslav Zikmund den Großteil der Zeit alleine dort lebte. Výlupková sagt aber auch:

Dagmar Výlupková im Gespräch mit Ferdinand Hauser | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das hängt sicherlich mit dem Charakter von Miroslav Zikmund zusammen. Er war ein sehr sparsamer und bedachter Mensch. Er mochte es, wenn die Dinge funktionierten und ihren Dienst taten. Und warum sollte man sie dann austauschen? Außerdem zeigt die Villa, dass ein Gegenstand, der sinnvoll entworfen wurde, auch gut und gerne 70 oder 80 Jahre halten kann. Das Thema Nachhaltigkeit war also vielleicht schon vor unserer Zeit gelöst.“

Im Jahr 2000 wurden die Villa und der dazugehörige Garten auf die Liste des tschechischen Kulturerbes aufgenommen. Ab 2016 zog Miroslav Zikmund allmählich zu seiner Lebensgefährtin Marie Macalíková ans andere Ende von Zlín um. 2020 entschied er sich, das Haus definitiv zu verlassen und der Nachwelt zu vermachen. Als Käufer fand sich der Zlíner Unternehmer und Mäzen Čestmír Vančura, der noch im gleichen Jahr den Stiftungsfonds einrichtete.

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Ein Jahr später, am 1. Dezember 2021, starb Miroslav Zikmund im seligen Alter von 102 Jahren. Beim Verkauf der Villa war ihm daran gelegen, dass das Haus künftig der Öffentlichkeit dient. Und dem ist heute so, denn es werden nicht nur Führungen durch das Gebäude angeboten. In der Villa finden heute auch Lesungen und Diskussionsveranstaltungen statt.

Die Villa von Miroslav Zikmund | Foto: Onomono Photography

Die Zikmund-Villa in Zlín kann nach Voranmeldung besucht werden. Führungen werden auch auf Englisch angeboten. Wer sich für die Geschichte der Abenteurer Miroslav Zikmund und Jiří Hanzelka interessiert, dem sei auch eine Ausstellung empfohlen, die bis Ende August im Gebäude des Tschechischen Rundfunks in Prag zu sehen ist. Präsentiert werden historische Fotografien von den Expeditionen der beiden Tschechen und Aufnahmen, die die entsprechenden Orte heute zeigen. Geöffnet ist dienstags und mittwochs von 14 bis 18 Uhr, am Donnerstag von 12 bis 18 Uhr.

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