Drei Nationaltheater, Faust und junge Talente

Vojtěch Stříteský (Foto: Martina Schneibergová)

Das Musikfestival Smetanas Litomyšl beginnt erst im Juni. Nun wurde aber bereits der Kartenverkauf gestartet und die Veranstalter haben das Programm der Festspiele vorgestellt.

Vojtěch Stříteský  (Foto: Martina Schneibergová)
Die ostböhmische Unesco-Stadt Litomyšl / Leitomischl ist die Geburtsstadt des Komponisten Bedřich Smetana. Deshalb trägt auch das wichtigste Musikfestival dort seinen Namen. Im Juni wird es zum 61. Mal veranstaltet. Auf dem Programm steht vorwiegend klassische Musik, zu hören sind aber auch andere Genres wie Jazz oder Rock. Während der 25 Festtage finden an verschiedenen Orten in Litomyšl insgesamt 41 Veranstaltungen statt. Die Opernreihe sei diesmal umfangreicher als sonst, erzählte Vojtěch Stříteský. Er ist künstlerischer Leiter des Festivals.

„Es ist wirklich etwas Besonderes, dass wir zehn Opern aufführen werden. Als Höhepunkt gilt dabei Smetanas ‚Dalibor‘. Diese wurde beim Festival übrigens vor 70 Jahren auch vom Ensemble des Prager Nationaltheaters aufgeführt. Es werden aber auch weitere bekannte tschechische Opern gespielt wie Das ‚Schlaue Füchslein‘ von Leoš Janáček oder ‚Die Marienspiele‘ von Bohuslav Martinů. Auf dem Programm stehen aber auch internationale Kompositionen wie Puccinis ‚Il triticco‘, Donizettis ‚Liebestrank‘ oder ‚Lady Macbeth von Mzensk‘ von Dmitri Schostakowitsch. Zudem werden eine Barockoper, eine Gegenwartsoper sowie Jiří Temls Kinderoper ‚Der gestiefelte Kater‘ aufgeführt. Die Auswahl ist recht bunt.“

Aleš Březina  (Foto: Vojtěch Havlík,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)
Beim Festival stellen sich die Ensembles aller drei tschechischen Nationaltheater vor: aus Prag, Brno / Brünn und vom Mährisch-Schlesischen Nationaltheater Ostrava / Ostrau. Die Vorstellungen finden dabei in historischen Räumlichkeiten statt: im Schlosshof oder in Smetanas Geburtshaus. Die Barockoper „Paris und Helena“ von Christoph Willibald Gluck wird im nahegelegenen Schloss Nové Hrady / Neuschloss gespielt.

Das Schicksal der Malerin Charlotte Salomon

Das Opus „Charlotte“ vom tschechischen Gegenwartskomponisten Aleš Březina wird als ein Kammeroper-Musical bezeichnet. Vojtěch Stříteský dazu:

Oper ‚Zítra se bude‘  (Foto: Hana Smejkalová,  Archiv des Nationaltheaters in Prag)
„Wir haben im Smetanas Geburtshaus vor einigen Jahren schon zwei Opern von Aleš Březina aufgeführt. Die Oper ‚Toufar‘ erzählt das Schicksal des Pfarrers Josef Toufar, der vom kommunistischen Geheimdienst zu Tode gefoltert wurde. Das Thema der zweiten Oper ‚A zítra se bude‘ ist der Schauprozess gegen die Abgeordnete Milada Horáková, die 1950 von den Kommunisten hingerichtet wurde. Mit Aleš Březina sind wir ständig in Kontakt. So sind wir auch auf sein Werk ,Charlotte: Ein dreifarbiges Werk mit Gesängen‘ gekommen, wobei mich das Thema des Stücks sehr tief beeindruckt hat. Es handelt sich um die Lebensgeschichte der hochbegabten jüdischen Malerin Charlotte Salomon. Sie hat mit mehr als 800 Gemälden das Leben eines Mädchens dargestellt, das in der Zeit des aufsteigenden Nationalsozialismus erwachsen geworden ist. Die Malerin wurde 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Wir wollen beim Festival neben der Klassik auch Werke vorstellen, die durch das Schicksal von Persönlichkeiten aus der jüngsten Vergangenheit inspiriert worden sind. Denn diese Grausamkeiten dürfen sich nicht wiederholen.“

Das Libretto schrieb der Kanadier Alon Nashman, das Stück wird vom Theater Theaturtle Toronto in englischer Sprache gespielt.

In Smetanas Geburtsstadt erklingt diesmal auch eines der bekanntesten Gitarrenepen, und zwar „Jesus Christ Superstar“.

‚Jesus Christ Superstar‘  (Foto: YouTube Kanal des Mährisch-Schlesischen Nationaltheaters)
„Die Rockoper entstand vor 50 Jahren. Darum haben wir uns entschieden, sie nach Litomyšl zu holen. Ganz zufällig haben wir vergangene Ostern die erfolgreiche Inszenierung im Mährisch-Schlesischen Nationaltheater in Ostrava gesehen und die Künstler nach der Vorstellung sofort angesprochen. Es gibt dabei einige technische Innovationen: Die beiden Vorstellungen finden im Schlosshof statt, aber die begleitende Bigband wird in der gegenüber stehenden Reitschule spielen.“

Plachetka singt Händel

Adam Plachetka  (Foto: Luboš Vedral,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Beim Festival treten mehrere international renommierte tschechische Künstler auf. Der Bassbariton Adam Plachetka ist seit dem vergangenen Jahr Residenzkünstler von Smetanas Litomyšl.

„Adam Plachetka hat sich ein spezielles Programm zusammengestellt. In der Piaristenkirche erklingen die schönsten Arien und Chöre aus Händels Oratorien – darunter aus Messiah, Saul oder Judas Maccabaeus. Nach zehn Jahren wird außerdem die Mezzosopranistin Magdalena Kožená wieder beim Festival singen. Sie kommt mit dem Programm ‚Il giardino dei sospiri‘ – zu Deutsch der Garten der Seufzer. Mit ihr wird zum ersten Mal in Litomyšl Václav Luks mit dem Ensemble Collegium 1704 auftreten.“

Jakub Hrůša, der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, wird bei zwei Festivalkonzerten die Tschechische Philharmonie leiten. Ein weiterer junger tschechischer Dirigent, Jiří Rožeň, der im Ausland mit renommierten Orchestern auftritt, wird sich mit der Kammerphilharmonie Pardubice / Pardubitz vorstellen.

Kateřina Kněžíková  (Foto: Adam Kebrt,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Das Festival bietet auch viel Raum für ganz junge Musik-Talente. In Litomyšl erreicht das einjährige Projekt „MenArt“ seinen Höhepunkt. Es wurde von Magdalena Kožená ins Leben gerufen. Besonders begabte Kinder hatten die Möglichkeit, mit anerkannten jungen Virtuosen, Dirigenten oder Komponisten zusammenzuarbeiten. Vojtěch Stříteský dazu:

„Es ist ein ganz spezielles Projekt, und es freut uns, dass die erste Auflage von MenArt bei uns ihren feierlichen Abschluss findet. Sopranistin Kateřina Kněžíková, Dirigent Tomáš Netopil sowie Pianist Ivo Kahánek vermitteln den Kindern ihre Erfahrungen und Kenntnisse und beraten sie. Bei den Konzerten wird beispielsweise die hervorragende achtjährige Pianistin Klára Gibišová spielen. Aber auch die Lektoren selbst werden auftreten. Mit diesen Konzerten bereiten wir als Veranstalter den Boden für die Künstler der Zukunft.“

Zweimal Faust

Josef Suk  (Foto: Bundesarchiv,  Bild 183-47198-0003 / CC-BY-SA 3.0)
Bei der Zusammenstellung des Festivalprogramms habe er sich auch durch einige Jahrestage inspirieren lassen, erzählt der künstlerische Leiter von Smetanas Litomyšl. Einer davon ist der 150. Todestag des französischen Komponisten Hector Berlioz. Beim Festival wird dessen dramatische Legende „Fausts Verdammung“ bei einem Konzert aufgeführt.

„Es ist eine der anspruchsvollsten und zugleich schönsten Kompositionen. ,Faust‘ heißt auch der Orgelzyklus, der in der Kapitelkirche erklingen wird. Der Komponist Petr Eben, hätte vor kurzem seinen 90. Geburtstag gefeiert. Er war ein großer Freund des Festivals. Genauso alt wäre der Violinist Josef Suk geworden. An ihn wird bei einer Matinee erinnert.“

Vor 100 Jahren wurde der Komponist Jiří Šust geboren. Er hat unter anderem Musik für mehrere Filme von Jiří Menzel geschrieben. Seine Musik wird beim Abschlusskonzert, dem sogenannten „großen Finale“ gespielt.

Seit einigen Jahren stellt sich in Litomyšl jedes Jahr ein Opernstar vor. In diesem Jahr wird es die russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko sein. Neben Klassik und Rockmusik gibt es diesmal auch eine ordentliche Portion Jazz bei Smetanas Litomyšl. Der Jazzpianist Emil Viklický wird sein Melodram für ein Jazzensemble und zwei Rezitatoren vorstellen. Es heißt „Das Geheimnis des Menschen“. Viklický wurde 2003 vom US-amerikanischen Produzenten Todd Barkan gebeten, ein Melodram auf die Texte von Václav Havel für die Wynton Marsalis Concert Band zu schreiben. Der Jazz-Pianist traf einige Mal mit dem damaligen tschechischen Präsidenten zusammen, um zu beraten, welche Texte aus seinem Werk er benutzen sollte. Zum ersten Mal wurde es am 28. Oktober 2004 bei der Eröffnung der Frederick P. Rose Hall in New York gespielt. Vojtěch Stříteský dazu:

Das Musikfestival Smetanas Litomyšl findet von 13. Juni bis 7. Juli statt. Der Kartenverkauf hat schon begonnen.

„Beim Festival wird Marcus Printup Trompete spielen. Er ist Solist der Wynton-Marsalis-Band. Er hatte auch bei der Premiere gespielt. Mit der Aufführung des Melodrams möchten wir an die Samtene Revolution von 1989 erinnern.“

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