Ein Leben für den Sport: Jan Kůrka kehrt an Anfangsstätte seiner Karriere zurück

Jan Kůrka (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Er ist einer der Schirmherren des zweiten 30-km-Böhmerwaldlaufs auf Skiern, der in anderthalb Wochen oberhalb der Gemeinde Nová Pec ausgetragen wird. Ansonsten ist es relativ ruhig geworden um den einstigen Olympiasieger im Sportschießen mit dem Kleinkalibergewehr. Die Rede ist vom 69-jährigen Tschechen Jan Kůrka, der seinen größten sportlichen Triumph bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko feierte. Heute widmet sich der Rentner verstärkt der Aufgabe, Jugendliche zu überzeugen, mehr Sport zu treiben.

Jan Kůrka (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Am 29. Mai wird Jan Kůrka 70 Jahre alt. Von Altersmüdigkeit aber zeigt er keine Spur. Im Gegenteil, er ist sich und dem Sport treu geblieben. Seinen größten sportlichen Erfolg errang er in einer Gewehr-Disziplin, die zu den traditionellen olympischen Schießwettbewerben zählt:

„Es ist der Kleinkaliber Liegendkampf 60 Schuss. Das ist eine der ältesten Schießkonkurrenzen, die auch als Englisch Match bezeichnet wird. Auf die Zielscheibe wird aus einer Entfernung von 50 Metern geschossen.“

Olympiasieger in Mexiko (1968). Foto: Tschechisches Fernsehen
Bei einer Zielscheibe der früher üblichen Art war eine „10“ die höchste Ringzahl. Bei 60 Schuss konnte ein Schütze also maximal 600 Ringe erzielen. Eine Trefferquote, die mit der damaligen Gewehrtechnik nahezu unmöglich war. Ein Ergebnis von etwas über 590 Ringen galt schon als Weltklasse. Das olympische Finale von Mexiko aber übertraf alle Erwartungen, erinnert sich Kůrka auch heute noch ganz genau:

„Die Leistungen waren überragend: László Hammerl und ich hatten jeweils 598 Ringe erzielt. In der letzten Serie traf Hammerl 99 Ringe, ich aber die volle Punktzahl von 100 Ringen. Damit war ich dem Reglement nach vor ihm platziert. Danach folgten fünf Schützen mit 597 Ringen. Es ging also sehr, sehr eng zu. Und wenn ich daran denke, dass ich mit nur einem klitzekleinen Fehler am Ende auch nur Siebter hätte werden können, dann läuft es mir heute noch kalt den Rücken herunter.“

László Hammerl (Foto: Sportklub TV)
Vier Jahre zuvor in Tokio war der Ungar Hammerl mit 597 Ringen Olympiasieger geworden. Diese Punktzahl war seinerzeit das Nonplusultra und auch Kůrka, der 1965 die internationale Bühne betrat, wollte nicht so Recht daran glauben, einmal selbst so gut treffen zu können. Sein unbändiger Wille und eine neue Waffe im vorolympischen Jahr aber förderten seinen Aufstieg:

„Eine interessante Neuheit für mich war das Kleinkaliber-Gewehr der Firma Anschütz aus Ulm, das ich im Jahr 1967 bekommen habe. Mit diesem Gewehr konnte ich mein Training intensivieren und meine Treffsicherheit weiter erhöhen. Eine Punktzahl von 100 Ringen auf zehn Schuss war auf einmal für mich kein Problem mehr.“

Ein Gewehr aus dem kapitalistischen Westdeutschland für einen Sportler aus der sozialistischen Tschechoslowakei – war das denn möglich?

Jan Kůrka (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Im Sozialismus hat ein Sportler, der sich als Medaillenhoffnung für große internationale Meisterschaften entpuppte, auch das Beste an Ausrüstung bekommen. Das galt im Wesentlichen auch für die Präzisionsarbeiten in einer Fabrik. Ich habe als Werkzeugmacher für ganz spezielle Werkzeuge gearbeitet. Und wenn es nötig war, bekamen wir auch Maschinen aus der Schweiz.“

Im Gegensatz dazu hat Kůrka die Sportberichterstattung in der damaligen Tschechoslowakei sehr verärgert:

Jan Kůrka auf dem Schießplatz in Pilsen (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Die Ungarn kannten mich ebenso gut wie die Deutschen. In Deutschland wurde ich immer herzlich begrüßt, denn man wusste, was ich kann. Nur im eigenen Land wusste man kaum etwas über mich. Das war aber auch kein Wunder, denn unsere Journalisten sind bekannt dafür, dass sie sich für die etwas weniger populären Sportarten nur in dem Jahr interessieren, in dem Olympische Spiele stattfinden. Ansonsten schreiben sie nur über Fußball, Eishockey, Eishockey, Fußball, Fußball, Eishockey.“

Wie aber ist Jan Kůrka eigentlich ein professioneller Sportschütze geworden?

Jan Kůrka (oben links) während seiner Armeezeit (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Das passierte während meiner Armeezeit. Bis zu meinem 19. Lebensjahr habe ich als junger Werkzeugmacher gearbeitet. Weil ich mich aber im Juniorenbereich schon bis zur nationalen Spitze herangekämpft hatte, bin ich quasi Sportsoldat geworden. Das war in den sozialistischen Ländern so üblich: Die größten Nachwuchshoffnungen wurden bei der Armee gefördert. Der nationale Armeesportverein in der Tschechoslowakei hieß Dukla. Wenn man es dorthin geschafft hatte, gehörte man sozusagen zum handverlesenen Auswahlkader.“

Auch nach seiner aktiven Karriere hat Kůrka weiter in der Armee gedient, hier aber insbesondere im pädagogischen und im logistischen Bereich. So hat er sechs Jahre an der Hochschule für Maschinenbau und Elektrotechnik in Plzeň / Pilsen an einem Lehrstuhl für militärische Ausbildung gelehrt und danach noch einige Zeit an der Militärakademie in Brno / Brünn. Später hat er sich bei einer Stellenausschreibung durchgesetzt und 14 Jahre lang den Posten als Chef des Armee-Schießstadions in Pilsen inne gehabt. Und schließlich hat er noch einige Jahre als stellvertretender Chef des Armeesportvereins Dukla Pilsen im Bereich Logistik gearbeitet. Ein Leben für den Schießsport also, der unter dem Dach des Militärs am effektivsten unterstützt werde, ist Kůrka auch heute noch überzeugt. Nun aber, im hohen Alter, will er junge Menschen davon überzeugen, dass man in seiner Freizeit viel mehr tun kann und muss, als nur vorm PC, TV oder an der Playstation zu hocken. Junge Leute müssten sich wieder mehr bewegen und Sport treiben, und dafür sei das Skilaufen ein guter Einstieg:

Jan Kůrka hilft den Kollegen mit dem 30-km-Böhmerwaldlauf (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Skilaufen sehe ich als eine gute Möglichkeit an, sich sportlich zu betätigen. Dieser Sport ist nicht anstrengend, man muss nur etwas den inneren Schweinehund überwinden. Er scheint uns von Geburt an mitgegeben zu sein, wenn es heißt: Du musst dich bewegen. Wem es aber gelingt, dieses Phlegma abzulegen, der fühlt sich in seinem Leben auch psychisch und physisch besser.“

Jan Kůrka wurde im südböhmischen Pelhřimov / Pilgrams geboren, lebt aber seit seiner Jugend in der westböhmischen Kreisstadt Pilsen. Jetzt aber unterstützt er von ganzem Herzen die südböhmische Region um den Lipno-Stausee, in der in anderthalb Wochen der zweite 30-km-Böhmerwaldlauf stattfindet. Doch auch dafür hat er eine plausible Erklärung:

Böhmerwald (Foto: Archiv ČRo 7)
„Ich habe meine sportliche Karriere im Böhmerwald gestartet. Alles begann mit einem völligen Irrtum: Als 15-Jähriger wurde ich hierher delegiert als Dank dafür, dass ich mich beim sozialistischen Massenturnfest, der so genannten Spartakiade, gut präsentiert hatte. Man hatte mir gesagt, dass ich ein Handtuch und eine Badehose einpacken sollte, doch dann traf ich am Lipno-Stausee auf die 16 besten Sportschützen des Südböhmischen Kreises im Juniorenbereich.“

Und einige Augenblicke später fügt Kůrka dann hinzu:

Böhmerwald (Foto: Archiv ČRo 7)
„Zu der Zeit, als ich als junger Sportsoldat bei Dukla Pilsen trainiert habe, sind wir jedes Jahr im Winter für zwei Wochen zum Krafttraining in den Böhmerwald gefahren. Zu diesem Camp gehörten auch anstrengende Waldarbeiten wie das Fällen von Bäumen durch Handsägen sowie das Abästen und Entrinden dieser Bäume. Vor und nach uns wurden die gleichen Arbeiten zum Beispiel auch von den Fußballern und Gewichthebern des Dukla-Vereins durchgeführt. Wir Armeesportler haben uns also in diesem wunderschönen Waldgebiet ständig abgelöst, und ich habe begonnen, die Natur dieser Gegend zu schätzen und zu lieben.“

Autor: Lothar Martin
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