Ende einer Komödie – Letzter Vorhang für das erfolgreichste Prager Theater

Foto: Archiv des Theaters Komedie

Das Ende der Komödie ist das Ende einer festen Größe im Prager Kulturbetrieb. Am 31. Juli fiel der letzte Vorhang für das renommierte Theater Komödie in Prag. Das Ensemble, das mit Vorliebe Stücke von österreichischen und deutschen Autoren spielte, hat aufgrund von Streitereien mit dem Prager Rathaus aufgegeben. Es ging, wie so oft, ums Geld.

„Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ (Foto: Archiv des Theaters Komedie)
Zur letzten Vorstellung drängten sich die Menschen, das Theater war ausverkauft. Gegeben wurde „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ von Peter Handke, natürlich auf Tschechisch. Das Stück passt in das Programm des Theaters, das sich in den zehn Jahren seiner Existenz auf Werke mitteleuropäischer Autoren spezialisiert hatte: Neben Handke auch Rainer Werner Fassbinder, Thomas Bernhard, Werner Schwab oder Elfriede Jelinek. Kein einfacher Stoff also, der vom Ensemble der Komödie aber äußerst erfolgreich inszeniert wurde. Dramaturgin Viktorie Knotková erklärt, warum ausgerechnet ein Werk von Handke für die letzte Vorstellung ausgewählt wurde:

Viktorie Knotková
„Das Stück ist aus dem Jahr 1992 und ist das im Ausland am häufigsten gespielte Stück von Peter Handke. Hier bei uns ist es eine Premiere. Die Inszenierung des Stücks wurde von Begegnungen aus den letzten zehn Jahren unserer Tätigkeit hier inspiriert. Der Zuschauer wird also Begegnungen mit Figuren und Formen haben, die er vielleicht schon vergessen hat, die aber die verschiedensten Inszenierungen der letzten zehn Jahre widerspiegeln.“



Die Komödie wurde 2002 aus der städtischen Theatergesellschaft herausgelöst und vom Betreiber, dem Prager Kammertheater übernommen. Seitdem hat das Ensemble unter der Leitung von Dušan Pařízek Großes geleistet. Dreimal wurde es zum Theater des Jahres gewählt und die Kritiker waren fast einstimmig der Meinung, es handele sich um das einzige tschechische Ensemble von europäischem Format. Auch die Besucher trauerten:

„Sie haben sich auf Dinge eingelassen, die anderen Ensembles überhaupt nicht in den Sinn gekommen wären“, so eine junge Frau nach der Aufführung am letzten Tag. Und ein anderer Zuschauer kommentierte mit Blick auf die Schließung:

„So etwas darf im Kulturbetrieb einfach nicht passieren. Einrichtungen, die so viele Auszeichnungen haben, müssen in die Welt hinausfahren und für die tschechische Kultur werben.“

Das Theater Komedie liegt im Prager Zentrum, genau an der Straßenecke Vodičkova und Lazarská im Kellergeschoss eines funktionalistischen Gebäudes aus dem Jahr 1930. In den 1930er und 40er Jahren war Vlasta Burian Direktor des Theaters. Nach dem Krieg kam es in die Obhut der Stadt, wo es bis 2002 blieb. Danach übernahm die Gesellschaft Prager Kammertheater den Betrieb. Regisseur und Geschäftsführer Pařízek führte nicht nur progressive und innovative Methoden ein, sondern gestaltete auch die Räumlichkeiten neu.

Marta Smolíková
Allerdings galt das Theater seitdem als Privatunternehmen. Es wurde daher nicht direkt von der Stadt finanziert, konnte aber immer Zuschüsse beantragen. Die ehemalige Beraterin für Kulturangelegenheiten des Prager Magistrats, Marta Smolíková, betont, dass der Betreiber das Gebäude nur von der Stadt gemietet habe. Der Magistrat habe nie die Pflicht gehabt, das Theater finanziell zu unterstützen. Trotzdem habe es aber immer vergleichsweise große Zuschüsse erhalten.

„Das Theater Komödie ist ein privates Objekt, das für sich selbst die Verantwortung trägt. Es muss sich aus mehreren Quellen finanzieren, zum Beispiel auch durch Privatunternehmen. Man hat sich aber lieber auf die Theaterarbeit konzentriert und die erdrückende Mehrheit der finanziellen Mittel von der Stadt erhalten.“

Strašnické divadlo (Strašnicer Theater). Foto: Lenka Vybíralová, Creative Commons 3.0
Genau daran ist die weitere Zusammenarbeit gescheitert. Pařízek wollte mehr Geld, vor allem für große Projekte, der Prager Magistrat aber muss sparen. Bereits im Jahr 2010 musste das Theater einige Kürzungen hinnehmen und Zusammenarbeiten mit dem Ausland streichen. Im Jahr 2011 schrieb das Rathaus dann den Vertrag für den Betreiber des Theaters neu aus. Das Interesse war groß, insgesamt 17 Bewerbungen gingen ein. Für den damaligen Stadtrat für kulturelle Angelegenheiten, Lukáš Kaucký, war bei der Auswahl des Betreibers wichtig, dass er hohe künstlerische Qualität bei gleichzeitig niedrigen Kosten garantieren könne. Gewinner der Ausschreibung wurde die Divadlo company.cz. Das Ensemble betreibt bereits seit sieben Jahren das Strašnické divadlo, ein kleineres Haus im Prager Stadtteil Strašnice. Eva Bergerová, Direktorin des neuen Betreibers, scheint mit den gekürzten Zuwendungen des Magistrats keine Probleme zu haben:

Eva Bergerová (Foto: Archiv des Strašnicer Theaters)
„Wir machen seit sieben Jahren Theater unter Bedingungen, bei denen für eine Inszenierung etwa 5.000 Kronen (200 Euro) reichen. Die Schauspieler spielen für sehr niedrige Honorare. Daher sind wir grundsätzlich auf alles vorbereitet.“

Der bisherige Betreiber Dušan Pařízek war offensichtlich nicht bereit, zu solchen Bedingungen zu arbeiten. Aber auch inhaltlich wird sich einiges ändern. Die neuen Betreiber wollen zwar weiter mitteleuropäische Stücke zeigen, aber einem anderen Nachbarn Tschechiens deutlich mehr Raum geben. Eva Bergerová:

„Das polnische Theater hat Weltbedeutung. Es sind unsere Nachbarn, und wir wissen eigentlich nicht, was das konkret bedeutet. Unser Bewusstsein von der polnischen Kultur, vom polnischen Theater hört bei Gdokowski oder Kantor auf. Gegenwärtig gibt es dort eine Menge großartiger Dramaturgen und Regisseure. Ich habe mit ihnen studiert und fahre sehr oft nach Polen, weil ich sehr enge Verbindungen dorthin habe. Es sollte den tschechischen Zuschauern gezeigt werden, wie man in Polen Theater macht, und es wird eine erstaunliche Erfahrung für die tschechischen Schauspieler, mit polnischen Regisseuren zu arbeiten und polnische Stücke zu spielen.“

Václav Novotný
Die meisten Schauspieler des bisherigen Ensembles wollen aber nicht mit dem neuen Betreiber zusammenarbeiten und gehen eigene Wege. Ein trauriges Ende für ein äußerst erfolgreiches Theaterprojekt? Der derzeitige Stadtrat für Kultur, Václav Novotný, kommentierte das Ende der Erfolgsgeschichte etwas süffisant:

„Ich denke, es war unter anderem auch eine interne Entscheidung des Direktors Pařízek, aufzuhören. Jemand hat einmal gesagt, es ist am besten aufzuhören in dem Moment, in dem man auf dem Höhepunkt ist.“

Pařízek ist enttäuscht von der tschechischen Kulturpolitik und will erst einmal im Ausland Luft holen, wie er nach der letzten Vorstellung seines Ensembles erklärte:

„Der Schwerpunkt meiner Arbeit wird in den nächsten Jahren sicherlich in Deutschland sein beziehungsweise in den deutschsprachigen Ländern. Zunächst werde ich in Düsseldorf arbeiten und dann in einem Theater in Zürich. Erst dann kehre ich wieder nach Tschechien zurück. Ich möchte gerne für das Nationaltheater arbeiten, vorher aber werde ich im Sommer 2013 für das Ständetheater in Prag arbeiten.“