Experimentelle Kunst in Prag: Klub Roxy und Galerie NoD

Ausstellung „Volkshymne“ (Foto: Martin Polák, Archiv der Galerie NoD)

Sie definiert sich als „Raum für experimentelle Kunst und Kultur“ – die Prager Galerie NoD. Ihren Sitz im historischen Stadtzentrum unweit des Altstädter Rings teilt sie mit dem beinahe schon legendären Musikklub „Roxy“. Vor fast 25 Jahren öffnete die Galerie ihre Tore und bietet seitdem eine breite Palette an: angefangen von Musik- und Multimediaproduktionen über Bewegungstheater bis hin zu ortsspezifischen Installationen. Im Folgenden mehr über die Entwicklung der Galerie NoD und über die neueste Ausstellung dort.

Radio Stalin (Foto: ČT24)
Am Anfang stand die Initiative einer Künstler- und Intellektuellengruppe, sie wurde kurz nach der politischen Wende von 1989 in verschiedenen Kulturbereichen aktiv. Im Herbst 1990 organisierte sie in Prag die Ausstellung „Tschechische Initiative“, in der sich Musik- und Theaterensembles sowie rund 150 bildende Künstler präsentierten. Zur selben Zeit ging der Piratensender „Radio Stalin“ auf Sendung. Sein originell gestaltetes Programm aus Musik und Beiträgen, ausgestrahlt aus den Katakomben des nicht mehr existierenden Stalin-Monuments auf der Prager Letná, fand sofort Anklang in der Öffentlichkeit. Als nach nur sechs Tagen die Schließung amtlich angeordnet wurde, löste dies viel Missfallen aus. Rund 30.000 Menschen protestierten mit ihren Unterschriften gegen das Monopol des staatlichen Rundfunks und Fernsehens. Im Frühjahr 1991 erhielt mit „Radio 1“ der erste Privatsender hierzulande eine Sendelizenz. Und was haben „Radio 1“ und die Galerie NoD miteinander zu tun? Das weiß Pavel Kubesa, Kurator und PR-Manager der Galerie:

Musikklub Roxy (Foto: YouTube)
„An der Wiege des Radiosenders standen auch Menschen, die sich 1987 in der der sogenannten Linhart-Stiftung zusammengeschlossen hatten. Ohne amtliche Zulassung setzten sie sich zum Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Architekten, Bühnenbildnern und bildenden Künstlern zu fördern. Nach der Wende erweiterte sich der Rahmen ihrer Tätigkeit allgemein auf die Unterstützung des kulturellen Geschehens. Heutzutage steht die Stiftung sozusagen hinter drei Tochterbereichen: dem Musikklub Roxy, dem experimentellen Raum für Kunst und Kultur und einem Kommunikationszentrum für Workshops, Autorenlesungen und Vorträge. Die Linhart-Stiftung will aber nicht nur Projekte aus Musik, Theater, bildender Kunst und weiteren Kunstgattungen unterstützen, sondern auch den Dialog zwischen den Religionen und Ethnien fördern.“

Von Radio Stalin zum Roxy

Foto: Chris Beckett, CC BY-NC-ND 2.0
Die Linhart-Stiftung wurde als eine der ersten tschechischen Institutionen dieser Art im August 1990 beim Innenministerium registriert. Zwei Jahre später erhielt sie erste Räume. Sie siegte bei einer Ausschreibung um die Nutzung des ehemaligen Kinos Roxy in der Dlouhá-Straße. Dort fand auch am 13. Juni 1992 das erste Konzert im neu errichteten gleichnamigen Musikklub statt, mit der Hardcore-Kultband Fugazi aus den USA. Auf einen Raum für autonome Ausstellungen zeitgenössischer bildender Kunst musste man aber noch ein paar Jahre warten. Pavel Kubesa:

Pavel Kubesa (Foto: Archiv von Pavel Kubesa)
„Bildende Kunst wurde eine Zeitlang nur in Begleitung zu den Musikkonzerten im Roxy ausgestellt. Dank der Initiative einiger Künstler, darunter auch des inzwischen international bekannten Kryštof Kintera, wurde das Festival ‚Praha akční‘, Prag in Action, aus der Taufe gehoben. Dabei geht es um eine Verknüpfung von szenischem Theater mit bildender Kunst, Performances und Vielem mehr.“

1998 erhielt die Linhart-Stiftung einen Mietvertrag auch für die Räumlichkeiten im ersten Stock des Hauses. Das war der Impuls, um das frühere Art-Deco-Gebäude aus den 1930er Jahren zu renovieren und auf die Bedürfnisse von künstlerischen Veranstaltungen zuzuschneiden. In zwei Monaten entstand in der Dlouhá 33 der größte nichtkommerzielle Raum für Kunst und Kultur in Prag, offiziell „Raum für experimentelle Kunst und Kultur NoD“. Dort hat seit dem Jahr 2000 auch die Galerie NoD ihren Sitz.

Ján Gajdušek, Klára Burianová (Foto: Archiv von Ján Gajdušek und Klára Burianová)
Das Kuratorenteam der Galerie ist ständig auf der Suche nach jungen bildenden Künstlern im In- und Ausland. Dieser Tage bietet es in einer Ausstellung deren Sicht auf ein Thema aus der k. u. k. Monarchie, auf die sogenannten Volkshymnen, das waren ab 1797 die Hymnen auf den jeweiligen Kaiser. Einer der Kuratoren ist Ján Gajdušek:

„Als Kuratoren bemühen wir uns seit geraumer Zeit, Verbindungen zwischen der tschechischen Kunstszene und ausländischen Künstlern herzustellen. Wir wollen das aktuelle Schaffen hiesiger Künstler im internationalen Vergleich präsentieren. Diesmal haben wir ein Thema in Zusammenhang mit dem ehemaligen ‚Österreich-Ungarn‘ gewählt. In Anklang an unseren Namen ist daher die Wahl des Themas ‚Volkshymne‘ schon ein Experiment.“

Kaiserliche Volkshymne ganz anders

Ausstellung „Volkshymne“ (Foto: Martin Polák, Archiv der Galerie NoD)
Dem Leitmotiv „Volkshymne“ haben sich fünf junge Künstlerinnen und Künstler aus Österreich, Ungarn und Tschechien angenommen. Diese drei Länder waren mehr oder weniger vorprogrammiert wegen ihrer gemeinsamen Geschichte in der Habsburger Monarchie. Bei der Darstellung kamen unterschiedliche Formen zur Geltung. Die tschechische Fotografin Alžběta Kočvarová zum Beispiel assoziiert die Volkshymne logischerweise mit dem Bild des Kaisers. Dazu die Kuratorin Klára Burianová:

„Es ist Kaiser Franz Josef II. Beim näheren Hinsehen kann man feststellen, dass die tschechische Künstlerin ihn aus der Sicht eines Menschen von heute abgebildet hat. Sie hat das offizielle, sentimentale historische Kaiserportrait vom Computerbildschirm abfotografiert. Damit deutet sie an, auf welche Weise man sich heutzutage oft mit Geschichte vertraut macht. Zum Beispiel mithilfe von Internetsuchmaschinen.“



Ausstellung „Volkshymne“ (Foto: Martin Polák, Archiv der Galerie NoD)
Mit einem eigenartigen Beitrag präsentiert sich Ondřej Vicena. Dass er den Studiengang „intermediale Studien“ an der Akademie der bildenden Künste in Prag absolviert hat und derzeit kurz vor dem Abschluss des Masterprogramms für neue Medien steht, macht sich auch in seiner Installation bemerkbar. Konkret äußert sich das im beliebten Thema „Beziehung von Mensch und Technik“. Inspirieren ließ er sich von der Autobiografie von Keith Haring. Der bekannte US-amerikanische Künstler hat nach seinen Hotel-Übernachtungen dem jeweiligen Personal immer eine künstlerische „Spur“ hinterlassen. Zum Beispiel auf Handtüchern. Ondřej Vicena:

Ondřej Vicena (Foto: YouTube)
„Ich habe eine Serie von typischen Hotelhandtüchern anfertigen lassen mit je einem aufgedruckten Hotelfoto aus mehreren Städten des ehemaligen Habsburgerreichs mitsamt dem Namen der jeweiligen Stadt. Außerdem habe ich ein Selfie von mir auf jedes Handtuch gedruckt. Damit wollte ich mich als Künstler zu einem Markenzeichen stilisieren, so wie es heute üblich ist. Und das ist meine ‚Message‘ zum Thema der Ausstellung.“

Begleitet wird dies von Musik : Vicenas eigener elektronischer Fassung der Kaiserhymne.

Doppeladler in Grau

Ausstellung „Volkshymne“ (Foto: Martin Polák, Archiv der Galerie NoD)
In der NoD-Galerie stellen auch die beteiligten ausländischen Künstler Kunstwerke im Stil der sogenannten „Appropriation Art“ vor. Allerdings in einer etwas abstrakteren Weise als ihre tschechischen Kollegen. Die ägyptisch-österreichische Künstlerin Sherine Anis löst zum Beispiel virtuell die Form von Gegenständen auf. Dann setzt sie die Einzelteile zu einem Kunstwerk zusammen. Diese Konstruktionen sind labil – und vielleicht auch ein Verweis darauf, dass die Donaumonarchie letztlich scheiterte.

Der Wiener Stefan Reiterer befasst sich in seiner künstlerischen Arbeit mit digitalem „Luftbildmaterial“. Zweidimensionale Landschaftsbilder von Google Earth überträgt er gerne in Malerei auf großformatige Leinwände. Mit Collagetechniken schafft er dann virtuelle dreidimensionale Landschaften, in ihnen kann man mit etwas Phantasie auch ein Stück des nicht mehr existierenden Staatsgebildes sehen.

Ausstellung „Volkshymne“ (Foto: Martin Polák, Archiv der Galerie NoD)
Der dritte ausländische Künstler und gebürtige Ungar Mark Fridvalszki ist Absolvent der Wiener Kunstakademie, derzeit in Berlin und Leipzig lebend. Seine Kunstwerke werden als post-digital bezeichnet. In diesem Stil entstand in der für Fridvalszki typischen grauen Farbe ein anderes Symbol der multinationalen Monarchie – der habsburgische Doppeladler, der auch auf dem Plakat zur Prager Ausstellung abgebildet ist.

Abschließend noch ein Zitat aus dem Begleittext zur Ausstellung „Volkshymne“, unterschrieben von den Kuratoren Klára Burianová und Ján Gajdušek:

Roxy - Experimentální prostor NoD (Experimenteller Raum für Kunst und Kultur NoD)

Dlouhá 33, 110 00, Praha 1

Öffnungszeiten: Mo-Fr 10.00 - 1.00 Uhr / Sa-So 14.00 - 1.00 Uhr; Galerie NoD bis 22.00 Uhr



Ausstellung „Volkshymne“: 11. 4.–7. 5. 2016

„Prag, Wien und Budapest waren bis 1918 Teile eines Kaiserreichs. Der kulturelle Austausch zwischen den Städten funktionierte auf natürliche Weise. In diesen Zentren des kulturellen und gesellschaftlichen Geschehens konnten sich die Künstler in ihrer Suche nach neuen Ausdrucksweisen gegenseitig befruchten. Unsere Ausstellung ist ein Pseudomodell der Situation, in der sich Künstler aus den drei Städten zu einem offenen Dialog begegnen. Andernfalls wäre dazu höchstwahrscheinlich nicht gekommen.“