Filme und Ausstellungen – tschechische Kultur in München und Wien

Foto: Idea go, FreeDigitalPhotos.net

An dieser Stelle präsentieren wir normalerweise das Programm jeweils eines Tschechischen Zentrums im deutschsprachigen Raum. Diesmal aber sind es gleich zwei: München und Wien. Es geht dabei um jede Menge tschechische Filme und mehre Ausstellungen. Dazu Interviews mit Zuzana Jürgens, der Leiterin des Tschechischen Zentrums in München, und mit Martin Krafl, der das Tschechische Zentrum in Wien leitet.

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Frau Jürgens, zum Sommer in München gehört traditionell auch die tschechische Filmwoche - gilt das auch in diesem Jahr?

„Das gilt natürlich auch in diesem Jahr. Mitte Juli startet schon die 13. Filmwoche mit aktuellen Filmen aus Tschechien; dieses Jahr sind nicht nur Spielfilme, sondern auch Dokumentarfilme und Kurzfilme zu sehen.“

Und welche Streifen haben Sie für die Filmschau ausgewählt? Gibt es einen gemeinsamen Nenner?

Die Blütenknospen
„Eigentlich ja, obwohl ich zugeben muss, dass wir erst dann versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, wenn das Programm schon steht. Ich denke aber, dass uns dies auch in diesem Jahr gelungen ist. Bei der Mehrheit der Filme stehen junge Leute im Mittelpunkt, die gerade erst ins Leben starten, was nicht immer einfach ist. So ist es auch im Film ‚Poupata’ (Die Blütenknospen) von Zdeněk Jiráský aus dem Jahr 2011, der mit vielen tschechischen Löwen gekrönt wurde. Der Film spielt in einer kleinen industriellen Stadt in Mähren, und im Mittelpunkt steht eine Familie. Die Kinder sind fast erwachsen und würden gerne ein anderes, besseres Leben führen, aber die Realität ist einfach unerbittlich und lässt dies nicht zu. Ein großes Thema in dem Film ist auch die Spielsucht. Der Vater wird zunehmend von Spielautomaten abhängig und setzt damit letztlich auch das Glück und Geld der Familie aufs Spiel. Ein anderer Film, in dessen Zentrum auch Jugendliche stehen, ist ‚Můj pes Killer’ (Mein Hund Killer) von Mira Fornay. Es ist bereits ihr zweiter Film und war ebenfalls bei Filmfestivals sehr erfolgreich. Auch diese Geschichte spielt in der Provinz, diesmal in der Slowakei, an der mährisch-slowakischen Grenze. Ein Junge, der nur mit seinem Vater zusammenlebt und nichts hat außer seinem Kampfhund, trifft gezwungenermaßen auf seine Mutter, die ihn vor Jahren verlassen hat. Diese Begegnung hat fatale Folgen, nicht nur für ihn. Das ist eine kleine Auswahl jener Filme mit dem Thema Jugend. Mich freut es aber sehr, dass wir auch einen ganz besonderen Eröffnungsfilm haben, nämlich den Krimi ‚Ve stínu’ (Im Schatten) von David Ondříček, in dem Ivan Trojan und Sebastian Koch die Hauptrollen spielen.“

Münchner Arena-Filmtheater  (Foto: Google Street View)
Das sind also einige Tipps. Wo und wann genau findet die 13. Tschechische Filmwoche statt?

„Bereits zum dritten Mal im Münchner Arena-Filmtheater in der Hans-Sachs-Straße. Wir starten am 10. Juli, und das Programm dauert bis Sonntag, 14. Juli. Was ich gerne noch erwähnen möchte: Wir präsentieren diesmal auch eine Auswahl an Kurzfilmen aus Deutschland und Tschechien. Auf diese Gegenüberstellung bin ich sehr neugierig. Zudem machen wir dieses Jahr auch ein Konzert, eine Filmparty am Samstag und einen Filmbrunch mit einem Gespräch über das aktuelle tschechische Kino. Alle sind herzlich eingeladen!“

Bereits an diesem Donnerstag wird in München auch eine Ausstellung bildender Kunst eröffnet. Sie nennt sich „Stille“. Die Künstlerin Markéta Jelenová ist in Deutschland wahrscheinlich nicht bekannt; die Besucher ihres Zentrums kennen aber dennoch ihre Werke - stimmt das?

Markéta Jelenová: Zieglein
„Das stimmt vollkommen. Markéta Jelenová ist bildende Künstlerin, aber auch Grafikerin. Seit drei Jahren gestaltet sie die Druckmaterialien des Tschechischen Zentrums, vor allem unser Programm oder eben auch den Flyer für die Tschechische Filmwoche. Ich weiß von vielen Besuchern, dass sie diese Grafiken sehr schätzen und sehr schön finden. Diese Rückmeldung war für uns der Anlass, Markéta Jelenová nun auch als bildende Künstlerin in München vorzustellen. Ich freue mich sehr, dass zur Ausstellungseröffnung am 4. Juli im Tschechischen Zentrum auch ihre zwölfjährige Tochter mitkommt. Die Tochter spielt Klavier und komponiert sogar auch eigene Stücke, mit denen sie bereits mehrere Preise gewonnen hat. Sie ist sozusagen ein aufgehender Stern der jungen Klaviermusik und wird bei der Vernissage dann auch spielen.“

Die Ausstellung „Stille“ ist bis Ende August im Tschechischen Zentrum zu sehen. Ich möchte zum Schluss noch auf einen Vortrag hinweisen: Der tschechisch-amerikanische Historiker und Politikwissenschaftler Igor Lukeš hat Ihre Einladung nach München angenommen. Worüber wird er am 23. Juli im Tschechischen Zentrum sprechen?

„Igor Lukeš wird bei uns sein Buch „On the Edge of the Cold War: American Diplomats and Spies in Postwar Prague“ vorstellen. Ich habe den Titel jetzt absichtlich auf Englisch gelesen, weil der Vortrag auf Englisch stattfindet. Herr Lukeš unterrichtet an der Boston University in den Vereinigten Staaten, und es ist für mich etwas Besonderes, das er nach München kommen und hier dieses hochinteressante Buch vorstellt. Es geht darin um die unmittelbaren Nachkriegsjahre und die Rolle, welche die amerikanischen Diplomaten damals in der politischen Entwicklung der Tschechoslowakei gespielt haben. Ich weiß, dass Herr Lukeš dafür eine sehr tiefgehende Archivarbeit geleistet hat und Fakten und Informationen ans Licht bringt, die bislang unbekannt waren.“


‚20 Jahre auf Prager Plätzen’  (Foto: Martina Schneibergová)
Herr Krafl, im Tschechischen Zentrum in Wien beginnt so langsam die Sommerpause. Das heißt aber nicht, dass die Menschen in der österreichischen Hauptstadt nun komplett auf Kultur aus Tschechien verzichten müssen. Am Donnerstag, 4. Juli, wird eine Ausstellung eröffnet, die den ganzen Sommer über zu sehen ist. Und zwar ist es eine Schau zum 20-jährigen Bestehen der Tschechischen Republik. Dort werden auf großen Panels Foto-Aufnahmen gezeigt. Was sind das für Aufnahmen und was haben sie mit dem 20. Geburtstag der Tschechischen Republik zu tun?

Begeisterung über sportliche Erfolge in Nagano | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International
„Die Ausstellung zeigt historische Highlights der letzten zwei Jahrzehnte. Als Wanderprojekt durch die Tschechischen Zentren weltweit macht die Werkschau ‚20 Jahre auf Prager Plätzen’ in der deutschen Sprachmutation auch in Wien halt. Wir haben die Ausstellung zusammen mit der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und mit der Tschechischen Presseagentur ČTK vorbereitet. Prag kann als Hauptbühne des öffentlichen Lebens der Tschechischen Republik gesehen werden. Hier, konkret auf den Straßen und Plätzen beginnen und enden Kundgebungen, Demonstrationen, Umstürze sowie Feste. Neben dem Wenzelsplatz greift die Ausstellung unter anderem folgende öffentliche Räume auf: den Altstädter Ring, der oft spontanen Ansammlungen eine Bühne bietet, den Kleinseitner Ring, der häufig als Ausgangspunkt für Märsche vor das Parlament dient, den Hradschiner Platz, von dem aus sich Transparente in Richtung der Präsidentschaftskanzlei zeigen lassen, die Letná-Ebene oder der Jan-Palach-Platz. Chronologisch werden in dieser Ausstellung in Foto und Text wichtige Ereignisse der letzten 20 Jahre in den genannten öffentlichen Räumen Prags dargestellt: zum Beispiel 1993 der Abschied von der Tschechoslowakei, 1995 Proteste gegen die Regierung, 1998 die Begeisterung über sportliche Erfolge in Nagano, 1999 und 2004 die Beitritte der Tschechischen Republik zu Nato und zu EU oder 2011 der Trauerzug anlässlich des Begräbnisses von Václav Havel.“

Ausstellung „Magic Prague“
Um Prag geht es auch in einer weiteren Ausstellung, sie heißt „Magic Prague“. Vielleicht können Sie ein bisschen beschreiben, wer der Autor der Ausstellung ist und was dort zu sehen sein wird...

„Zeitgleich werden in der ‚Windows Gallery’ des Tschechischen Zentrums Wien unter dem Motto ‚Magic Prague’, wie Sie gesagt haben, Werke des österreichischen Fotografen Marius Höfinger gezeigt. Der Meisterfotograf stellt seine Impressionen aus der Goldenen Stadt vor. Die Fotosammlung Prag ist Teil des Lebenswerkes von Marius Höfinger, Inhaber des Traditionsfotobetriebes in vierter Generation mit böhmischen Wurzeln in Herzogenburg. Und außerdem haben wir für den Donnerstag, 4. Juli, für das Wiener Publikum eine Präsentation von Prag vorbereitet. Passend zur Sommerreisesaison lädt ‚Prag Tourism’ mit exklusiven Kulturtipps zu einem Besuch der tschechischen Hauptstadt ein. Der diesjährige Schwerpunkt heißt Jugendstil-Saison, und wir werden über die Ausstellung von Alfons-Mucha-Plakaten aus der Ivan-Lendl-Sammlung sprechen. Dabei werden wir auch auf zwei neue, speziell konzipierte Jugendstil-Spaziergänge hinweisen: ‚Prag um 1900’ sowie ‚Alfons Mucha und Prag’.“

Vielleicht noch kurz: Bis wann gehen die beiden Ausstellungen, die ab Donnerstag zu sehen sind?

Die Ausstellung ‚20 Jahre auf Prager Plätzen’ bleibt in der Galerie des Tschechischen Zentrums bis zum 13. September, die zweite Ausstellung, ‚Magic Prague’, bis Ende August.“

Im August gibt es dann auch tschechisches Kino zu sehen, und zwar beim Kurzfilm-Open-Air im Gartenpalais Schönborn. Die Wiener werden wohl wissen, wo das ist. Auf jeden Fall werden dort zwei Streifen von Jan Svěrák gezeigt. Ich nenne das Stichwort Kolja, das war sein großer Erfolg. Aber die Kurzfilme scheinen doch ziemlich anders zu sein als der Kolja-Film...

‚Die Ölfresser’
„Genau. Ich muss zuerst aber sagen, dass es mich freut, dass wir bereits zum zweiten Mal beim Festival ‚espressofilm’ vertreten sind. Letztes Jahr haben wir einen vielfältigen Einblick in das Trickfilm-Schaffen der Prager Filmhochschule Famu gegeben. Dieses Mal sind, wie Sie gesagt haben, Filme des tschechischen Oscar-Preisträgers, Regisseurs und Drehbuchautors Jan Svěrák zu sehen. Der erste Film heißt ‚Odyssee im Weltraum 2’ und er handelt von einer Rentnerin, die eine andere Rentnerin besuchen will. Dabei muss sie von ihrem Plattenbau-Wohnblock zum gegenüberliegenden laufen. Manche Menschen würden denken, dass sei ein banales Ereignis, aber das ist nicht so, wenn der Filmstudent Jan Svěrák hinter der Kamera steht und die Filmsprache amerikanischer Science-Fiction-Filme ausschlachtet, um den Spaziergang festzuhalten. Der zweite Film heißt ‚Die Ölfresser’. Für diesen Film hat Jan Svěrák 1989 den Studenten-Oscar bekommen. In diesem Film werden wir das nordböhmische Braunkohleabbaugebiet besuchen. Hier hat er eine neue Tierart entdeckt: scheue und zugleich wie riesige Kröten aussehende Lebewesen, die sich von Diesel und Kunststoff ernähren. Es ist ganz spannend, weil wir in diesem Film das Leben dieser Wesen beobachten werden und dabei sehen, ob sie überhaupt in dieser Landschaft überleben können.“

Soweit sind das also die Sommeraktivitäten des Tschechischen Zentrums. Wann startet bei Ihnen dann im Herbst wieder das reguläre Programm?

„Das reguläre Programm für das Wiener Publikum beginnt wieder ab dem 9. September.“