Forscher aus Prag entwickeln digitalen Zwilling von Hauptverkehrsader Evropská
Dass die Ampeln auf grün geschaltet werden, wenn etwa ein Krankenwagen durchfahren muss, ist an vielen Orten in Prag bereits Normalität. Verkehrswissenschaftler sind jetzt aber noch weiter gegangen und haben einen „digitalen Zwilling“ einer der Hauptverkehrsadern der Stadt entwickelt. Damit könnten künftig etwa Staus verhindert werden, noch bevor sie entstehen.
Die Evropská ist eine der wichtigsten Ausfallstraßen Prags. Sie führt vom belebten Platz Vítězné náměstí im Viertel Dejvice zum Václav-Havel-Flughafen und zum Autobahnring. Auf ihr und in ihrer Nähe sind nicht nur Autos unterwegs, sondern auch Fahrradfahrer, Züge, Busse, Straßenbahnen und im Untergrund die Metro.
„Es sind hier alle möglichen Verkehrsmodi vertreten, vom Fußgänger bis zum Luftverkehr. Und das macht diese Straße zu einem Unikat – nicht nur in Prag, sondern in ganz Tschechien“, sagt Roman Dostál vom Institut für Verkehrsingenieurwesen der Technischen Hochschule ČVUT. Er beschäftigt sich aus wissenschaftlichem Interesse mit der sieben Kilometer langen Verbindungsader im Westen Prags. Denn, wie es die zentralen Straßen in Großstädten so an sich haben, gibt es auch auf der Evropská ziemlich häufig Staus. Um die zu verhindern, haben die Verkehrsforscher einen sogenannten „digitalen Zwilling“ der Evropská geschaffen. Für dieses Computermodell greifen sie auf verschiedene Quellen zu. So erläuterte Miroslav Svítek vom Tschechischen Institut für Informatik, Kybernetik und Robotik in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Wir sammeln Daten über die Intensität des Verkehrsflusses. Dafür verwenden wir Kameraaufnahmen und die Trassengrafiken der Verkehrsbetriebe. Auch die technische Straßenverwaltung sammelt Daten, ebenso wie das städtische Unternehmen OICT, das eine Datenplattform betreibt. Viel wird zudem mit den Daten der Mobilfunkprovider gearbeitet.“
Als potentielle Quellen könnten künftig auch Drohnen oder Fahrzeugzählstellen hinzukommen. Das Besondere am digitalen Zwilling der Evropská ist dabei, dass alle Daten in Echtzeit abgerufen werden können. Aber wozu das Ganze? Svítek erläutert:
„Wir erlangen Informationen darüber, was etwa passiert, wenn man einen Teil der Straße sperrt oder wenn ein Unfall geschieht. Zudem gibt es historische Daten. Wir können uns also anschauen, wie eine ähnliche Situation in der Vergangenheit bereits gelöst wurde, und daraus lernen.“
Das Modell kann also nicht nur helfen, Staus aufzulösen, sondern unter Umständen auch einschreiten, ehe sie überhaupt entstehen. Und am Computer können die Experten zudem simulieren, wie sich der Verkehrsfluss unter bestimmten Parametern verändert. Durch all das kommen die Menschen nicht nur schneller ans Ziel. Man spart auch Geld, und die Schadstoffbelastung wird reduziert. Zudem ist der digitale Zwilling laut den Fachleuten wichtig für die Stadtplanung – also etwa, wenn es darum geht, wo eine neue Buslinie eingeführt oder ein Fußgängerüberweg gebaut wird.
Die Digitalisierung der Evropská in Prag gilt als Pilotprojekt und gewissermaßen als Versuchskaninchen. Im Ausland bestehen teils aber schon sehr detaillierte digitale Zwillinge ganzer Stadtgebiete, etwa in Singapur oder in Shanghai. Und auch in Deutschland wird die Forschung auf dem Gebiet vorangebracht. So gab es zuletzt etwa ein gemeinsames großangelegtes Projekt von Leipzig, München und Hamburg.







