„Freiheit ist eine Aufgabe“ - Bischof Malý am Gedenktag für Opfer des Kommunismus

Foto: Martina Schneibergová

Der 27. Juni wird in Tschechien als Tag des Gedenkens an die Opfer des kommunistischen Regimes begangen. Zu diesem Datum im Jahre 1950 wurde die tschechische Politikerin Milada Horáková nach einem Schauprozess von den Kommunisten hingerichtet. Auch in diesem Jahr wurde am Gedenktag an mehreren Orten Tschechiens an die Opfer des Regimes erinnert.

Menschen mehrerer Generationen trafen am Donnerstag bei Gedenkveranstaltungen, Filmvorstellungen, Happenings und Diskussionen zusammen. So verwandelte sich ein großer Marktplatz im zweiten Prager Stadtbezirk für einen Tag in den so genannten „Markt des Gedächtnisses“. Anstelle der üblichen Gemüsehändler begegneten die Besucher dort ehemaligen politischen Gefangenen, Dissidenten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. An einem der Stände diskutierte der Prager Bischof und ehemalige Dissident, Václav Malý, mit den Besuchern. Für Radio Prag stand er für ein Gespräch bereit.

Herr Bischof, worin liegt für Sie die Bedeutung der Veranstaltung mit dem Titel „Gegen Gedächtnisverlust“?

„Ich halte sie für sehr wichtig, denn man darf nicht vergessen: Wir leben in der Gegenwart, knüpfen aber an die Vergangenheit an. Ich meine, dass die Eltern der heutigen jungen Generation, die noch vor 1989 aufgewachsen sind, ihren Kindern nicht viel über die Vergangenheit erzählen. Darum ist eine derartige Veranstaltung sehr nützlich. Es geht um keine Rache, keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern darum, genau zu wissen, was geschehen ist und dass wir jetzt in Freiheit leben. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Veranstaltung, denn ich habe mit vielen Menschen über ihre ganz normalen Sorgen sprechen können. Ich finde es für wichtig, mit den Menschen zu sein und mit ihnen das zu teilen, was sie erleben. Ich will ihnen dabei auch eine Hoffnung geben.“

Václav Malý
Wonach haben die Menschen am häufigsten gefragt? Wofür haben sie sich an Ihrem Stand besonders interessiert?

„Sie haben vor allem gefragt: Wie geht es weiter? Denn wir leben in einer sehr komplizierten gesellschaftlichen und politischen Lage. Ich habe immer wiederholt, dass es eine Hoffnung gibt. Diese Hoffnung ist in uns. Es kommt darauf an, wie wir uns als verantwortliche Bürger verhalten werden.“

Sind Sie der Meinung, dass ein Teil der Bevölkerung wirklich vergessen hat, was vor 1989 gewesen ist? Wo sehen Sie möglicherweise die Ursachen dieses Gedächtnisverlustes?

„Ich sehe mehrere Gründe: Die soziale Lage ist für bestimmte Bevölkerungsschichten vor allem auf dem Lande nicht einfach. Zweitens geben die Politiker kein gutes Beispiel ab. Sie sind nicht imstande, einen Dialog mit den Bürgern zu führen und das Gemeinwohl zu berücksichtigen. Die anständigen Politiker sind nicht so sichtbar wie die weniger anständigen. Dies ist ein weiterer Grund für die Skepsis. Hinzu kommt noch ein Grund: In der Vergangenheit mussten die meisten Menschen die Verantwortung nicht übernehmen. Im demokratischen System spielt die Frage einer persönlichen Verantwortung jedoch eine maßgebende Rolle. Die Freiheit ist nicht gegeben, sie ist eine Aufgabe. Um wirklich in Freiheit zu leben, setzt voraus, dass ich auch etwas Verantwortung auf meinen Schultern trage. Es ist anscheinend leichter, zu gehorchen, Befehle von oben zu akzeptieren und sich nicht als ein verantwortlicher Bürger zu verhalten.“

Fotos: Martina Schneibergová