Fürstin Libussa und Vysehrad

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Von Martina Schneibergova.

Willkommen zum heutigen Spaziergang durch Prag - wie immer in der jeweils letzten Ausgabe dieser Sendereihe im Monat wollen wir Ihnen auch heute eine berühmte Frauenpersönlichkeit vorstellen, die mit der tschechischen Metropole verbunden ist. Zum Unterschied von den bekannten Pragerinnen, die wir Ihnen im Rahmen unserer kleinen Sendereihe bislang vorgestellt haben, ist die Hauptperson des heutigen Spaziergangs jedoch nur von mystischer Natur, denn Beweise von ihrer Existenz hat man in der tschechischen Metropole bisher nicht gefunden. Um so mehr Legenden sind mit der Zeit über sie entstanden, die Dichter sowie Tonkünstler inspirierten. Die Rede ist von der mythischen Stammmutter der Tschechen - der Fürstin Libuse, die im Deutschen als Libussa bezeichnet wird und die ihren Sitz angeblich auf dem altehrwürdigen Vysehrad hatte. Dieser einstige Herrschersitz inspirierte den tschechischen Komponisten Bedrich Smetana zur gleichnamigen sinfonischen Dichtung.

Verhältnismäßig ausführlich erzählt der Chronist Kosmas über Libussa und ihre Schwestern, die Töchter des Herrschers Krok waren. Er misst ihnen eine führende Rolle im Volk bei. Kosmas´ Notizen wurden in weiteren Chroniken durch verschiedene Einzelheiten ergänzt, in denen sich die aktuelle Meinung über die Rolle der Frau in der Gesellschaft wiederspiegelte.

Die älteste von Kroks Töchtern, Kazi, wurde traditionsgemäß für eine hervorragende Ärztin gehalten, die mit Heilkräutern verschiedene Krankheiten zu kurieren wusste. Die erste mit Namen genannte Frau in der tschechischen mythischen Geschichte hat erstaunlicherweise einen Beruf, der zu den ersten Berufen gehört, in denen sich die Frauen in der Neuzeit durchsetzten. Das dankbare Volks soll Kazi nach ihrem Tod einen hohen Grabhügel am Ufer des Flusses Mze errichtet haben. Noch zu Zeiten des Chronisten Kosmas hat es Kazis Grabhügel gegeben.

Die zweite der Töchter, Teta, war Fürstin. Laut Kosmas soll sie die gesamte Aberglaubenlehre und götzendienerische Zeremonien im Land eingeführt haben. Die dritte Schwester, Libussa, war - wie der Chronist betont, was das Alter betrifft, die jüngste, was jedoch ihre Weisheit anbelangt die älteste der Schwestern. Sie soll eine einzigartige Frau gewesen sein, die schlagfertig zu reden wusste. Alle Töchter Kroks hatten ihre eigenen Sitze - die nach ihnen benannten Burgen Kazin, Tetin und Libusin. Kosmas schrieb, dass Libussa ihre berühmte Prophezeiung über die Stadt Prag in der Gemeinde Libussin unweit von Kladno ausgesprochen hat.

Der tschechische Schriftsteller Alois Jirasek, dessen Buch "Alte böhmische Sagen" für viele Generationen tschechischer Schülerinnen und Schüler Pflichtlektüre war, ging in seiner Sage über Libussa von der Chronik von Vaclav Hajek aus Libocany aus, der zum Unterschied von Kosmas weniger objektiv war. Nach Jirasek hatte die legendäre böhmische Fürstin Libussa auf dem Felsen über der Moldau ihren Sitz. Libussas Vater Krok hatte diesen Platz bestimmt. Da Libussa besonders begabt war, wurde sie Nachfolgerin ihres Vaters im Herrscheramt. Die Krieger kritisierten jedoch die offensichtlich allzu milde Herrscherin, denn es war für sie unerträglich, Befehle ausgerechnet von einer Frau entgegenzunehmen. Libussa selbst erfuhr, dass sich das Volk eine stärkere Hand wünschte.

Libussa als Seherin zeigte ihren Boten den Platz, wo sie den böhmischen Fürsten treffen würden. Die Boten ließen sich von Libussas Pferd führen und fanden einen Pflüger namens Premysl. Seitdem herrschte er und seine Nachkommen - die Premysliden - über den Stamm der Tschechen. Libussa wurde als Seherin verehrt und sie hatte in einer Vision den Ort für die Gründung Prags bezeichnet und der Stadt eine große Zukunft prophezeit.

Soweit also die Sagen, die mit Libussa und dem Vysehrad verbunden sind. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und im 11. Jahrhundert war der Vysehrad eine bedeutende Burg der böhmischen premyslidischen Fürsten. Die Blütezeit erlebte der Vysehrad unter dem böhmischen Fürsten und dem späteren ersten böhmischen König Vratislav im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts. Streitigkeiten mit seinem Bruder, dem Bischof Gebhart, bewogen Vratislav zur Übersiedlung von der Prager Burg auf den Vysehrad, wo er ein Stiftskapitel errichtete, das nicht dem Prager Bischof, sondern direkt dem Papst untergeordnet war.

Das zur St.-Peter- und Paulus-Kirche zugehörige Stiftskapitel war eine bedeutende geistliche und kulturelle Institution. 1085 entstand das außerordentliche Krönungsevangeliar König Vratislavs I., ein Höhepunkt der europäischen Buchmalerei. Als die Premysliden nach 1140 wieder auf den Hradschin zurückkehrten, geriet der Vysehrad in eine Randlage. Erst Karl IV. schenkte dem Vysehrad wieder eine große Aufmerksamkeit. Er legte fest, dass sich der künftige König zu Fuß auf den Vysehrad begeben müsse und dieser Weg am Beginn der Krönungszeremonie zu stehen habe. Dies sollte die Verbundenheit des Königs mit der Premyslidendynastie symbolisieren.

Mit dem Vysehrad sind viele Sagen verbunden, mit denen die Herkunft und die Stellung der böhmischen Herrscherdynastie erläutert wird und die die älteste Geschichte Tschechiens beschreiben. In diesen Sagen vermischen sich antike Elemente mit slawischen, germanische mit romanischen Traditionen, die heidnische Weltanschauung wird darin mit christlichen Einflüssen vermischt. Bestimmte Motive dieser Sagen entstanden bereits im 10. Jahrhundert auf dem Herrscherhof. Allmählich kamen jedoch weitere literarische und historische Motive hinzu. Im tschechischen Nationalbewusstsein leben diese Mythen in der Form aus der Zeit der nationalen Wiedergeburt des 19. Jahrhunderts wieder auf.

Die Existenz der Slawen kann man auf dem Vysehrad erst in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts mit archäologischen Funden nachweisen. Der mythische Vysehrad auf einem steilen Felsenabhang zog die Aufmerksamkeit vieler tschechischer Künstler des 19. Jahrhunderts an. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Vysehrad ein Friedhof mit berühmten Persönlichkeiten des Landes errichtet - dies zeugt von der Bedeutung, die damals diesem Ort beigemessen wurde.