Archäologen entdecken einzigartige byzantinische Kirche in Prag

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Archäologen haben in Prag eine einzigartige Entdeckung gemacht. Auf dem Vyšehrad-Hügel sind sie auf Überreste einer der größten Kirchen Mitteleuropas aus dem frühen Mittelalter gestoßen. Der Bau zeigt byzantinische Einflüsse und könnte laut Historikern die bisherige Theorie in Frage stellen, dass Böhmen im Grunde von Westen her christianisiert wurde.

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Die Kirche könnte im späten 10. oder im frühen 11. Jahrhundert entstanden sein. Sie hat einen quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 25 Metern und drei Apsiden. Die Einzigartigkeit des Baus beruhe erstens in seiner Größe, sagt der Archäologe von der tschechischen Akademie der Wissenschaften Ladislav Varadzin.

„Die Fläche der Kirche ist um etwa 40 Prozent größer als die der Sankt-Veits-Rotunde auf der Prager Burg. Sie galt bisher als der größte Kirchenbau auf dem heutigen Gebiet Tschechiens und im Raum der Westslawen aus der betreffenden Zeit.“

Die neu entdeckte Kirche ist keine Rotunde. Ihr quadratischer Grundriss entspricht der Baukunst auf dem Balkan und im östlichen Adria-Raum. Dort wurden ähnliche Gotteshäuser gebaut und mit einer Turmnische abgeschlossen. Diese Bauweise hat die Tragmauern sehr belastet und stellte daher hohe Ansprüche an den Baumeister hinsichtlich der Statik. Archäologen gehen davon aus, dass es im frühen Přemysliden-Staat keinen Architekten gab, der eine solch anspruchsvolle Bauweise beherrscht hätte.

„Wegen ihrer Form verweist die Kirche auf ein byzantinisches Umfeld. Daher besteht nun die Frage, welcher Herrscher einen erfahrenen Architekten nach Böhmen einlud, um eine Kirche solchen Typs erbauen zu lassen, und wer dieser Architekt war.“

 Der quadratische Grundriss mit drei Apsiden (Foto: ČT24)
Dass auf dem Vyšehrad ein Gotteshaus im byzantinischen Stil gestanden war, dürfte laut Varadzin auch die Historiker interessieren. Diese Tatsache könnte nämlich dazu führen, dass die Geschichte des frühen Christentums in Böhmen umgeschrieben werden müsste. Die Frage, woher der frühe Přemysliden-Staat christianisiert wurde, beschäftigt die Forscher hierzulande seit mehr als hundert Jahren.

„In der letzten Zeit überwiegt die Meinung, dass sich die Přemysliden überwiegend an der westlichen, lateinischen Liturgie orientierten und sie aus dem Heiligen Römischen Reich übernahmen. Dieser Fund stellt wieder die Frage nach der slawischen Liturgie und nach der Tradition, die die Slawenapostel Kyrill und Method gegründet hatten. Es wurde bisher angenommen, dass diese Tradition nach dem Niedergang Großmährens verschwand.“

Es gebe nur wenige Belege der slawischen Liturgie auf dem Gebiet Böhmens in der frühen Přemysliden-Zeit, sagt Varadzin:

Ladislav Varadzin (Foto: ČT24)
„Die slawische Liturgie wurde bisher für eine Randerscheinung in Böhmen gehalten, die auf das Gebiet um das Kloster Sázava beschränkt war. Nun wurde ein Bau im byzantinischen Stil und von solcher ungewöhnlichen Größe auf der zweitgrößten Burg Böhmens Vyšehrad entdeckt. Deswegen ist der Fund von grundlegender Bedeutung:“

Die gründliche archäologische Erforschung des Vyšehrad wurde in den 1960er Jahren begonnen. Im Jahr 2011 wurde die südliche Apsis des vermutlichen byzantinischen Baus gefunden, darauf entwarfen die Wissenschaftler die mögliche Form der Kirche. Die weiteren Grabungen und die Entdeckung der östlichen Apsis in den letzten Tagen haben bestätigt, dass es sich wirklich um einen byzantinischen Bau handelt.