Fußball-Liga: Liberec feiert dritten Titel – Ústí steigt auf

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Seit vergangen Samstag hat Tschechien einen neuen Fußballmeister. Es ist der FC Slovan Liberec, der nach 2002 und 2006 seinen nunmehr dritten Titel feiern konnte. Nach 240 Punktspielen ging damit die 19. Meisterschaft des Landes zu Ende.

FC Slovan Liberec feiert seinen dritten Titel (Foto: ČTK)
Die Zuschauer in Liberec feuerten ihre Mannschaft gerade noch einmal an, bevor der Schlusspfiff in der Begegnung zwischen Slovan Liberec und Titelverteidiger Viktoria Pilsen ertönte. Danach herrschte nur noch grenzenloser Jubel unter den 10.000 Besuchern im Neiße-Stadion, denn das Spiel war 0:0 ausgegangen. Ein Resultat, das den Gastgebern genügte, um nach sechs Jahren wieder den Gewinn der Meisterschaft feiern zu können.

Der über die gesamte Saison hinweg überragende Spieler der Liga war zweifelsohne der Mittelfeldstratege der Nordböhmen, Jiří Štajner. Nach dem Schlusspfiff gab Štajner unter anderem zum Besten, dass er schon frühzeitig in der Saison vom Titel geträumt habe:

Jiří Štajner (Foto: ČTK)
„Ich weiß es nicht mehr so genau, aber irgendwann im Dezember habe ich einem unserer hiesigen Sänger gesagt, dass er im Mai für uns auf dem Hauptplatz in Liberec singen wird. Aber das habe ich ihm heimlich geflüstert, nach vier Bieren.“

Als der ehemalige Bundesliga-Profi, der acht Jahre für Hannover 96 spielte, so offen mit den Journalisten redete, war er bereits in Feierlaune. Zu Recht, denn der 35-Jährige war der wohl wichtigste Spieler in einer ansonsten sehr homogenen Meistermannschaft. So sieht es auch Trainer Jaroslav Šilhavý:

Jaroslav Šilhavý (Foto: ČTK)
„Er ist der von den Experten am besten bewertete Spieler der Liga. Er hat 15 Tore geschossen und 16 Torvorlagen gegeben. Er war der Garant für unseren großen Erfolg, er war der Stratege und Antreiber in unserem Team.“

Vor dem lockeren Gespräch mit den Presseleuten hatte sich Štajner daher auch noch sachlich-nüchterner zum schwer erkämpften 0:0 gegen Pilsen geäußert:

„Gott sei Dank haben wir heute Glück gehabt. Der da oben war heute mit uns. In der ersten Halbzeit hatten wir ein paar Chancen, aber in der zweiten dann keine mehr. Die Pilsener haben sehr gut gespielt und uns kaum den Ball überlassen. Es wäre aber schade gewesen, nach unserer guten Saison den greifbaren Titel in nur einem Spiel doch noch zu verlieren.“

Dukla Prag - Sparta Prag 1:1 (Foto: Archiv AC Sparta Prag)
Bei einer Niederlage hätte Liberec die Meisterschaft tatsächlich an die Pilsener abtreten müssen, denn vor dem Duell der beiden verbliebenen Titelkandidaten gab es diese Konstellation: Liberec führte die Tabelle mit 65 Punkten an und hatte drei Punkte Vorsprung auf Pilsen sowie vier Punkte auf Sparta Prag. Die Prager hatten ihre Titelchance am vorletzten Spieltag mit einem 1:1 beim Lokalrivalen Dukla Prag verspielt, Pilsen aber konnte Liberec noch abfangen, denn bei Punktgleichheit entscheidet in Tschechien zuerst der direkte Vergleich. Bei einem Sieg wären die Westböhmen also an Liberec vorbeigezogen, da das Hinspiel in Pilsen 2:2 ausgegangen war.

Jan Koller
Vermutlich aber hat der FC Slovan das alles entscheidende Spiel um die Meisterschaft auch deshalb nicht verloren, weil ihm neben dem göttlichen Beistand, von dem Štajner sprach, auch die Unterstützung eines prominenten Ex-Nationalspielers zuteil wurde. Tschechiens Länderspiel-Rekordtorschütze Jan Koller jedenfalls drückte Liberec die Daumen:

„Es sind die zwei besten Mannschaften, die derzeit wohl auch den schönsten Fußball hierzulande spielen. Pilsen hat den Titel im vergangenen Jahr gewonnen, von daher würde ich ihn diesmal Liberec wünschen. Auch wegen des Trainers Jaroslav Šilhavý, den ich noch aus den Zeiten kenne, als er bei der Nationalmannschaft Co-Trainer war.“

Pavel Vrba (Foto: ČTK)
Der stets ruhig und bescheiden auftretende Šilhavý konnte sich nach dem torlosen Unentschieden dann auch wirklich als Meistertrainer feiern lassen. Aber nicht nur das: In der Umfrage der Sportjournalisten nach den besten Protagonisten der zu Ende gegangenen Spielzeit 2011/12 wurde er am Montag außerdem zum besten Trainer der Saison gekürt. Eine Auszeichnung, die den 50-Jährigen nicht nur stolz machte, sondern die ihm auch von seinem Vorgänger Pavel Vrba vorausgesagt wurde, so Šilhavý:

„Schließlich muss ich noch erwähnen, dass ich Pilsens Trainer Pavel Vrba im vorigen Jahr nicht nur per sms zur Auszeichnung ‚Trainer der Saison’ gratuliert habe, sondern von ihm auch eine prognostische Antwort erhalten habe. Er schrieb mir, dass sich das Ganze im nächsten Jahr umkehren werde und er mir dann gratulieren könne. Also danke ich ihm jetzt dafür, dass er das so vorhergesagt hat.“

Pavel Vrba, der mit seiner Mannschaft in der abgelaufenen Saison vor allem in der Champions League für Furore gesorgt hat, aber wollte den Titel letztlich auch nicht kampflos abgeben. Vor dem Gipfeltreffen mit Liberec hatte sein Team in sechs Begegnungen kein einziges Gegentor mehr erhalten und bei fünf Siegen zudem 11 Tore erzielt. Deshalb hoffte Vrba vor dem Spiel:

„Möglicherweise hatten wir in einigen Spielen auch etwas Glück, doch ganz gewiss sind wir jetzt in der Defensive viel aufmerksamer und energischer als vorher. Das freut mich natürlich, von daher hoffe ich, dass wir auch in Liberec zu Null spielen werden.“

Jan Nezmar (Foto: ČTK)
Das gelang den Pilsnern zwar, doch aus ihrer Sicht stand die Null nachher leider auf beiden Seiten. Ein anderer Schlüsselspieler des neuen Meisters, Verteidiger Jan Nezmar, hofft indes, dass Liberec in der Qualifikation zur Champions League dem guten Beispiel der Pilsener nacheifern kann:

„Ich habe Pilsen im vorigen Jahr aufmerksam verfolgt und ihre Spieler um die Teilnahme an der Champions League auch etwas beneidet. Aber ich habe ihnen natürlich die Daumen gedrückt und denke, dass auch wir in der Lage sind, die Qualifikation zu schaffen.“

Wie in jeder anderen Sportart gibt es aber auch im Fußball nicht nur Sieger, sondern auch Verlierer. Die größten Enttäuschungen mussten dabei in der abgelaufenen Saison vor allem die Hauptstadtclubs einstecken, darunter Rekordmeister Sparta Prag. Nach der Hinrunde hatte der Traditionsverein noch mit sechs Punkten Vorsprung auf Liberec an der Tabellenspitze gelegen, im Frühjahr dann aber eine katastrophale Rückrunde gespielt. Am letzten Spieltag gelang zwar noch ein 3:0-Sieg über Budweis, was den Pragern zum zweiten Platz verhalf. Doch der buchstäblich aus der Hand gegebene Titel wurmte mächtig. Auch die Entdeckung der Saison, der 19-jährige Jungstar Ladislav Krejčí, war deshalb alles andere als begeistert:

Ladislav Krejčí (Foto: ČTK)
„Uns hat es sehr verdrossen, dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben. Das war unser großes Problem. Die Möglichkeiten, die wir im Herbst noch verwertet haben, haben wir im Frühjahr ausgelassen. Das aber ist keine Entschuldigung.“

Noch trauriger dürften nach dem letzten Spieltag die Fans und Spieler zweier anderer Prager Vereine gewesen sein: Viktoria Žižkov und Bohemians 1905. Beide Teams sind abgestiegen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Während im Fall des Clubs aus dem Stadtteil Žižkov ziemlich früh feststand, dass Kader und Leistungen nicht erstligatauglich sind, ist der populäre Verein mit dem Känguru im Wappen aufgrund einer unglaublichen Talfahrt in der Rückrunde noch ins Bodenlose gestürzt. Dies ärgerte Torhüter Radek Sňozík dann auch sehr:

Radek Sňozík (Foto: Archiv Bohemians 1905)
„Vor und während der Saison haben uns fünf gute Spieler verlassen, die wir nicht ersetzen konnten, so wie wir uns das vorgestellt haben. Auf der anderen Seite aber muss man klar sagen: 17 Spiele in Folge nicht zu gewinnen, das ist schon eine Rarität.“

Seit vergangenem Samstag steht auch der erste Aufsteiger in die erste Liga fest. Es ist die Mannschaft aus Ústí nad Labem / Aussig, die nach einem 1:0-Sieg über Vlašim nicht mehr von einem der beiden Aufstiegsränge in der zweiten Liga zu verdrängen ist. Nach der Partie herrschte ausgelassener Jubel in der Kabine der Elbestädter und bei ihrem Kapitän Jan Martykán:

Mannschaft aus Ústí nad Labem (Foto: ČTK)
„Super, endlich haben wir das geschafft, worauf wir hingearbeitet haben. Schön, dass uns das zu Hause gelungen ist. Wir sind natürlich glücklich.“

Zwei Spieltage vor Abschluss der Punktspiele in der 2. Liga hat übrigens Jihlava / Iglau die besten Chancen auf den zweiten Aufstiegsplatz. In Liberec aber kümmert das keinen mehr, denn dort feiern die Fans noch immer ihre Helden.

Autor: Lothar Martin
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