Fußball in Tschechien: Pilsen und Sparta Prag lassen Top-Spieler nicht mehr ziehen

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Am vergangenen Wochenende ist die erste tschechische Fußball-Liga, die so genannte Gambrinus Liga, in ihre 21. Saison gestartet. Das Teilnehmerfeld besteht erneut aus 16 Mannschaften. Jedes Team ist jedoch mit unterschiedlichen Ambitionen in den Punktekampf gegangen.

Jiří Štajner (Foto: ČTK)
Es sollte eigentlich sein Abend sein, der Abend von Ex-Bundesligaprofi Jiří Štajner, der jetzt für den FK Mladá Boleslav spielt. In seinem ersten Spiel für die Autostädter, am Montag vor eigenem Publikum gegen Příbram, war der 37-jährige Mittelfeldstratege der überragende Mann auf dem Platz. Allerdings verpasste er es, aus seinen Möglichkeiten ein Tor zu machen, auch wenn er dem Treffer ganz nahe war. Nach einer mustergültigen Kombination seiner Mitspieler in der gegnerischen Hälfte tauchte er plötzlich frei vor dem Gästetorwart auf, traf aber dann das Tor nicht. Nach der Partie auf seine Chance angesprochen, sagte Štajner:

„Das ärgert mich natürlich, das ist klar. Ich hätte zumindest in Richtung gegnerisches Gehäuse schießen müssen, doch im Strafraum habe ich etwas die Orientierung verloren. Anstatt ins Tor ging der Ball nur ans Außennetz.“



František Straka (Foto: ČTK)
Zu diesem Zeitpunkt führten die Gastgeber bereits durch ein Tor von Jasmin Ščuk mit 1:0, und hätte Štajner seine Großchance genutzt, wären die drei Punkte gewiss in Mladá Boleslav geblieben. Stattdessen kam die Elf von Trainer František Straka noch zum 1:1-Ausgleich. Ihn besorgte ein weiterer Oldie, der erst vor der Saison von Brno / Brünn nach Příbram gewechselte Petr Švancara:

„Ich denke, dass ich Jiří Štajner nicht in den Schatten gestellt habe. Im Gegenteil, ich wünsche ihm, dass er der beste Spieler in der Liga ist, so wie er es schon in der vergangenen Saison war.“

David Lafata (rechts). Foto: ČTK
Wie Štajner ist auch der 35-jährige Torjäger Švancara einer der Top-Spieler, die die Gambrinus Liga zu bieten hat. Zu ihnen gehören auch noch die Pilsener Mittelfeldspieler Pavel Horváth und Vladimír Darida sowie der Goalgetter von Sparta Prag, David Lafata. Alle diese Akteure konnten von ihren Clubs gehalten werden, so dass erstmals seit über einem Jahrzehnt kein herausragender Spieler die Liga vor der Saison in Richtung Ausland verlassen hat. Für Darida und Spartas Jungstar Václav Kadlec lagen zwar interessante Angebote auf dem Tisch, doch Spitzenclubs wie Viktoria Pilsen und Sparta Prag verkaufen ihre Leistungsträger schon nicht mehr um jeden Preis. Viktorias Coach Pavel Vrba:

Pavel Vrba (Foto: ČTK)
„Ich denke, dass niemand uns für einen Spieler mehr zahlen wird, als wir in der Champions League verdienen können. Für uns hat es folglich Priorität, die Qualifikation zur Champions League zu meistern, erst dann können wir über mögliche Spielerverkäufe reden. Ein Weggang von Vladimír Darida ist daher praktisch unmöglich.“

Auch der 21-jährige Kadlec, der bei der Frankfurter Eintracht im Gespräch war, bestätigte, dass er weiter für Sparta spielen werde:

„Ich weiß nichts davon, dass ich zu einem anderen Verein hätte gehen sollen“, erwiderte Kadlec auf die entsprechende Frage eines Journalisten.

Der Hintergrund für Kadlec’ Aussage aber liegt auf der Hand: Sein Verein Sparta Prag, in der letzten Saison zum dritten Mal in Folge ohne Titelgewinn, will endlich zurück auf den Meisterthron. Das hat Sparta-Trainer Vítězslav Lavička schon im Frühjahr sehr deutlich gemacht:

Vítězslav Lavička (Foto: ČTK)
„Ich bin enttäuscht, dass es insgesamt nicht gereicht hat. Viktoria Pilsen war für uns über die ganze Saison hinweg ein großer Rivale, dem wir auf diesem Wege zum Titel gratulieren. Doch wir werden alles daransetzen, dass wir in der nächsten Saison das erfolgreichere Team sind.“

Kurz vor Saisonbeginn, als Sparta die Trikots für die neue Spielzeit präsentierte, setzte Lavička noch einen drauf:

„Die Tradition des Vereins, die auf dem Trikot in Brusthöhe symbolisch verewigt ist, sollte für alle Spartaner eine große Motivation sein, um in der neuen Saison die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen und nach der Trophäe zu greifen.“

Baumit Jablonec nad Nisou - Zbrojovka Brünn (Foto: ČTK)
Mit einem 4:1-Auswärtssieg in Jihlava / Iglau ist dem Vizemeister zumindest der Saisonstart schon einmal trefflich gelungen. Ein anderer Mitfavorit, Pokalsieger und Supercup-Gewinner Baumit Jablonec nad Nisou, kann selbiges nicht von sich behaupten. Vor heimischer Kulisse kamen die Nordböhmen nicht über ein torloses Remis gegen Brünn hinaus:

„Uns fehlte der präzise finale Pass, wir hatten mehrfach die Situation, dass drei oder vier Offensivakteure von uns nur drei Abwehrspielern des Gegners gegenüberstanden. Aber wir haben nichts daraus gemacht“, nannte Baumit-Kapitän Karel Piták einen der Gründe für den mäßigen Teilerfolg. Kurz danach aber versuchte er die Seinen schon wieder aufzurichten:

Slavia Prag - Baník Ostrava (Foto: ČTK)
„Wir wollen wieder oben mitspielen. Schon in diesem Spiel aber war zu sehen, wie ausgeglichen die Liga ist. Es gibt keine leichten Gegner. Brünn hat heute sehr gut gespielt und sich den Punkt letztlich auch verdient.“

Nicht minder unzufrieden nach dem 1. Spieltag war auch der zweite große Prager Traditionsclub Slavia Prag. Zu Hause gelang den Rot-Weißen nur ein 1:1 gegen Baník Ostrava. Andererseits ist dieses Ergebnis kaum verwunderlich, kommen die Hauptstädter zum Punktspielauftakt doch schon seit Jahren nicht so richtig aus den Startlöchern. Dazu bemerkte Mittelfeldspieler Tomáš Mičola:

„Ich muss zugeben, dass wir das im Kopf hatten. Slavia hat nun vermutlich schon zum fünften Mal in Folge das Saisonauftaktspiel nicht gewonnen.“

Dukla Prag - Znojmo (Foto: ČTK)
Stimmt nicht ganz: das Remis gegen Ostrava / Ostrau war schon der sechste Fehlschlag der Prager in Serie am 1. Spieltag. Ebenfalls 1:1 in Prag trennten sich Gastgeber Dukla und der Aufsteiger aus Znojmo / Znaim. Für die Grenzstädter, die ein absoluter Neuling sind, aber war es eine gelungene Liga-Premiere:

„Für uns ist jeder Punkt, den wir auswärts holen, Gold wert. Erst recht auf dem Platz von Dukla. Ich tippe, dass die Prager sich im oberen Feld der Tabelle einreihen werden“, resümierte Znaims Trainer Leoš Kalvoda.

Ladislav Valášek (Foto: ČTK)
Überhaupt nicht zufrieden mit dem Auftakt sein konnte indes der andere Aufsteiger – der Prager Kultclub Bohemians 1905. Nach nur einem Jahr in der zweiten Liga gelang den Grün-Weißen zwar der sofortige Wiederaufstieg, doch in Plzeň / Pilsen mussten sie sofort erfahren, dass im Oberhaus ein ganz anderer Wind weht. Gegen den Meister kamen sie mit 0:5 unter die Räder. Einen Grund für die Unterlegenheit der Hauptstädter nannte Clubdirektor Ladislav Valášek schon vor Saisonbeginn:

„Wir sind nicht in der Position, dass wir die finanziellen Mittel haben, um einige Stars oder aber große Talente zu kaufen und damit eine starke Mannschaft zu formieren.“

Jozef Weber (Foto: ČTK)
Auf jener Pressekonferenz ließ die sportliche Leitung von Bohemians bereits anklingen, dass man sich noch bis zum Transferschluss Ende August auf ein, zwei Positionen verstärken wolle. Nach der biederen und – so Bohemians-Trainer Jozef Weber – ebenso emotionslosen Vorstellung seiner Schützlinge in Pilsen, wisse er nun genau, welchen Spielertyp man noch zur Komplettierung des Kaders brauche:

„Wir suchen noch zwei, drei Spieler mit Charakter, denn es fehlen uns echte Spielerpersönlichkeiten. Wir müssen auch ins Kalkül ziehen, dass einer dieser Spieler von seiner Art her, ein in Anführungszeichen ´typischer Stinkstiefel´ sein muss.“

Viktoria Pilsen - Zeljeznicar Sarajevo (Foto: ČTK)
Titelverteidiger Viktoria Pilsen wiederum ist dank des 5:0-Heimsieges nicht nur erster Tabellenführer, sondern hat auch international wieder ein Zeichen gesetzt. In der zweiten Runde der Qualifikation zur Champions League haben sich die Westböhmen mit zwei Siegen gegen den bosnischen Meister Zeljeznicar Sarajevo durchgesetzt. In der dritten Runde wartet nun mit dem estnischen Titelträger JK Nomme Kalju eine weitere lösbare Aufgabe auf die Pilsener.

Autor: Lothar Martin
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