Fußball-WM 2006: In erster Linie wird alles zu Geld gemacht...
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ist ein Viertel des Turniers vorüber, denn mit den Spielen Spanien - Ukraine und Tunesien - Saudi Arabien am Mittwoch hat jede Mannschaft der 32 Teilnehmerländer ihr erstes Spiel absolviert. Wenn man schon ein erstes Zwischenresümee ziehen will, dann kann man getrost davon sprechen, dass dies eine WM der langen (Autobahn-)Wege und vieler, wenn auch zum Teil abnormer Besonderheiten ist. Denn unser Mann vor Ort, Lothar Martin, ist erst letzte Nacht quer durch Deutschland und mit vielen Eindrücken zurückgekehrt und kann uns diese nun ein wenig schildern.
"Ja, es ist in Deutschland allseits zu spüren, dass hier ein Riesenereignis stattfindet. Je näher Sie mit dem Pkw den WM-Städten bzw. den WM-Stadien kommen, umso voller sind die Autobahnen. Sie treffen auf viele Fahrzeuge, die mit wehenden Nationalfähnchen durch die Gegend fahren. Auf der Anfahrt zu WM-Spielen überholen Sie auf der Autobahn ständig Kolonnen des Roten Kreuzes oder Sie sehen verstärkt Fahrzeuge der Polizei im Einsatz. Überall gut sichtbar ist auch ein Heer von Ordnern und anderen WM-Hilfskräften.
Positiv hervorzuheben ist auch die tolle Stimmung bei den Fans, und das trotz der gepfefferten Preise in und rund um die Stadien. Denn sie alle wollen eine große, lange Party feiern, und sie zeigen sich bei all ihrer Ausgelassenheit gern in nationalen Outfits nach dem Motto: ´Seht her, ich bin ein Tscheche, ich bin ein Brite usw.´
Aber es ist auch die WM des Mega-Big-Business und der entsprechenden Abnormitäten. Ein Beispiel: Ich brachte mir bei der jetzt auch in Deutschland herrschenden Hitze ein gekühltes Eistee-Getränk mit zum Spiel USA - Tschechien, aber ich durfte es nicht mit ins Stadion nehmen, da es sich um kein offizielles WM-Getränk handelte. Es wird halt alles zu Geld gemacht, was sich zu Geld machen lässt, und das - ja man kann es so sagen - unter dem Diktat der FIFA. Uns Journalisten stehen zwar modern ausgestattete Pressezentren und sehr gute Tribünenplätze für die Berichterstattung zur Verfügung, aber auch wir haben unter diesem ´Monopoly-Spiel´ zu leiden: Trotz der Hitze lässt selbst ein Global Player unter den WM-Sponsoren wie Coca Cola diesmal nicht so wie früher Gratisgetränke an die hart arbeitenden Journalisten verteilen, und auch SB-Kaffeeautomaten gibt es nicht. Es ist in der Tat so: Jeder, der mit der Fußball-WM nur irgendwie in Berührung kommt, ob nun als Gast oder als Berufstätiger, soll bitte schön zahlen, zahlen, und nochmals zahlen."Nach dem Spiel USA gegen Tschechien, das du live auf der Tribüne der Gelsenkirchener WM-Arena verfolgen konntest, gab es viele Diskussionen um die Verletzung des tschechischen Top-Torjägers Jan Koller. Wird er noch bei dieser WM spielen können?"Ja, das ist fürwahr ein trauriges Kapitel. Man muss nämlich wissen, dass Jan Koller gerade erst von einem Kreuzbandriss genesen ist, der ihn sieben Monate lang außer Gefecht gesetzt hatte. In der kurzen Zeit der WM-Vorbereitung hat sich Koller hervorragend wieder herangekämpft und in Form gebracht. In den Vorbereitungsspielen erzielte er zwei Treffer, und jetzt hier das erste Tor für Tschechien bei der WM. Seine Oberschenkelzerrung gehört aber leider zu den hartnäckigen und nur langsam auskurierbaren Verletzungen. Denn wenn Mannschaftsarzt Dr. Jiri Fousek davon sprach, dass Koller eventuell in zehn Tagen wieder spielen könne, dann ist das die optimistische Variante für einen möglichen Kurzeinsatz unter gedrosselter Belastung. Um aber wieder eine volle Leistung von Anbeginn an bringen zu können, bräuchte Koller jetzt vielmehr bis zu sechs Wochen absolute Ruhe für eine vollständige Regeneration, sagte Dr. Fousek gegenüber uns Journalisten im Vertrauen. Und dieser Ausfall wiegt wirklich schwer für das tschechische Team."
Das sind ja wenig erfreuliche Nachrichten aus dem Lager der tschechischen Auswahl. Wozu ist das durch die Verletzungen von Baros, Koller und Smicer arg gehandicapte Team deiner Meinung nach bei dieser WM fähig?"Ja, das ist eine gute Frage. Ich drücke der tschechischen Mannschaft schon die Daumen, weil sie wirklich tolle Spieler und in Karel Brückner einen sehr sachlichen und kompetenten Trainer hat, der von der ganzen Medialisierung und Marketingisierung des Fußballs schon sichtlich genervt ist. Wenn alle Stars und ´Wasserträger´ an Bord und fit wären, dann könnte diese Mannschaft tatsächlich weit kommen. Die Gruppenphase sollte sie überstehen können, entscheidend für das mögliche Weiterkommen im Achtelfinale wird auch der Gegner sein. Wenn man im Achtelfinale erfolgreich bleiben sollte, dann kommt Tschechien auch noch bis ins Halbfinale. Dort wird aber vermutlich Schluss sein, weil der Mannschaft aufgrund ihres dezimierten Kaders dann die Kraft fehlen wird."







