Generaldirektor Duhan: "Rundfunk schöpft Ethos aus historischen Ereignissen"

Peter Duhan (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Wir haben schon mehrfach darüber informiert, es gibt etwas zu Feiern: Am kommenden Samstag begeht der Tschechische Rundfunk sein 90-jähriges Jubiläum. Der öffentlich-rechtliche Sender begann seine ersten Programme am 18. Mai 1923 auszustrahlen, damals noch als Tschechoslowakischer Rundfunk. Über die 90-jährige Geschichte des Senders, seine Bedeutung und die Perspektiven hat Radio Prag mit Rundfunk-Generaldirektor Peter Duhan gesprochen.

Emil Zátopek (Foto: Roger Rössing, Deutsche Fotothek, CC 3.0)
Viele Hörer in Tschechien können sich bis heute an ihre erste Begegnung mit dem Tschechoslowakischen Rundfunk erinnern. Auch Generaldirektor Peter Duhan erinnert sich:

„Mein erstes Erlebnis mit dem Rundfunk war eine Reportage von den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki. Sie handelte vom Marathonlauf, den Emil Zátopek gewann. Mit meinen Eltern habe ich den Lauf am Radio verfolgt, und als der Stadionsprecher den Sieg von Zátopek verkündete, hat mein Vater vor Freude losgeheult. Von dieser Zeit an weiß ich, dass der Rundfunk mit einem erheblichen Teil seiner Produktionen Emotionen wie Freude, Trauer oder Hoffnung hervorrufen kann. Gerade weil wir diese Emotionen transportieren können, wage ich zu behaupten, dass es den Rundfunk ewig geben wird.“

Der Tschechoslowakische beziehungsweise Tschechische Rundfunk hat in den zurückliegenden 90 Jahren auch über eine ganze Reihe von großen historischen Ereignissen berichtet. Erwähnt seien nur das Kriegsende 1945, der Prager Frühling 1968 oder die Samtene Revolution 1989. Ereignisse, die den Sender auch nachhaltig geprägt haben, so Duhan:

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Der Rundfunk war bei allen großen Ereignissen hautnah dabei, die dann auch seinen ethisch-moralischen Unterbau bilden. Man kann schon vom Ethos des Rundfunks sprechen. Ich sage nicht, dass wir dieses Ethos Tag für Tag transportieren müssen. Ich denke jedoch, dass sämtliche Mitarbeiter im Rundfunk, die wirklich gern beim Sender sind, ihre tägliche schöpferische Arbeit mit dem Bewusstsein dafür machen, auf welchem Boden der Rundfunk steht.“

Zur technischen Entwicklung sagte der Rundfunkchef:

„Wenn ich so zurückschaue, dann sind die 1920er Jahre bis zum Beginn der 1930er Jahre diejenige Periode gewesen, in der alle grundlegenden Formen der Rundfunkausstrahlung entstanden sind. Auf jener Basis bauen wir bis heute auf. Das gegenwärtige Zeitalter wiederum wird geprägt vom großen Aufschwung der Sendeplattformen, die wir heute nutzen. Es gibt nicht mehr nur den Radioempfänger, sondern die Sendungen können nun auch über ein TV-Gerät, über den Mobilfunk oder das Internet empfangen werden.“

Peter Duhan (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Trotz der großen Konkurrenz durch die Medien Fernsehen und Internet, bei denen neben dem gesprochenen Wort auch noch Bilder produziert werden, habe der Rundfunk eine einzigartige Seite vorzuweisen, meint Duhan:

„Die Einzigartigkeit des Rundfunks besteht gerade darin, dass er keine Bilder liefert, denn den imaginären Bildschirm haben wir alle in unserem Kopf. Und mit den Mitteln einer Rundfunksendung, also dem gesprochenen Wort, der Musik und Geräuschen, aber auch mit Pausen und Stille schaffen wir ein eigenes Bild. Das Bild fehlt also nicht, es wird nur bei jedem Hörer in seiner eigenen Phantasie ganz individuell erzeugt. Das ist die Domäne, die Intimität des Rundfunks.“

Foto: Ludek, Wikimedia CC 3.0
Schließlich hatte Rundfunkchef Peter Duhan auch ein paar Worte der Hoffnung für alle Kurzwellenfans von Radio Prag:

„Leider haben wir ohne eigene Schuld unsere erdgebundenen Funksender verloren. Der Grund dafür ist in der finanziellen Situation des tschechischen Staates zu suchen. Der Verlust der Sender ist ein großer Fehler. Ich weiß nicht, ob dieser Prozess noch einmal rückgängig gemacht werden kann, denn darüber gibt es verschiedene Ansichten. Ich persönlich würde mich aber freuen, wenn der Tschechische Rundfunk erneut seine Programme auch terrestrisch über die Kurzwelle ins Ausland senden würde.“

Autor: Lothar Martin
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