Geringe Wahlbeteiligung und „Abschließen von der Außenwelt“

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Diesmal im Hörerforum: die Kreis- und Senatswahlen in Tschechien und warum haben 63 Prozent der Menschen nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht? Außerdem: wie ein Deutscher in Tschechien das Phänomen des „Abschließens von der Außenwelt“ betrachtet.

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Hallo und herzlich willkommen zum Hörerforum! Zu Beginn: Vielen herzlichen Dank für Ihre wieder einmal zahlreichen Briefe, Postkarten und E-Mails! Beginnen wollen wir mit einer Anmerkung zum aktuellen politischen Geschehen in Tschechien. Ralf Urbanczyk aus Eisleben schreibt:

„Sehr interessant fiel das Politgespräch mit dem Politologen Robert Schuster zum Ausgang der Kreis- und Senatswahlen aus. Auffallend war für mich nicht etwa der Linksruck oder der verstärkte Zuspruch für die unabhängigen Kandidaten. Das finde ich ja noch ganz normal, nach dem umfangreichen Sparprogramm der bürgerlichen Regierung Nečas. Es ist mehr oder weniger die geringe Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent, welche ziemlich bitter ist. Die Legitimation der gewählten Volksvertreter, der ganzen Demokratie, leidet darunter, so würde ich das zumindest interpretieren. Ich hoffe ja, dass diese geringe Wahlbeteiligung ein zentrales Thema der Auswertung dieser Wahlen in Tschechien bleibt. Es wäre interessant zu wissen, warum 63 Prozent der Menschen nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben.“

Foto: Archiv ČRo 7
Die Politikverdrossenheit der Bürger wird am häufigsten als die Ursache der geringen Wahlbeteiligung genannt. In Tschechien herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, wen man aus dem Angebot wählen kann. Das hat wohl dazu geführt, dass viele nicht zu den Urnen gegangen sind. Ein anderer Grund könnte die große Zahl der Wahlen auf mehreren Stufen sein, dies erschwert die Orientierung. Die Kreisvertretungen sind für die Bürger wahrscheinlich am wenigsten interessant: Die Entscheidungsträger in der eigenen Gemeinde kennt man hingegen, und man weiß selbstverständlich, wer den Staat regiert. Die Mitglieder der Kreisvertretungen und auch die Kreishauptleute sind vielen Menschen eher unbekannt. Als Drittes wird auch der Trend angeführt, dass sich die tschechischen Bürger immer weniger gesellschaftlich interessieren und weniger bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es nur die Teilnahme an einer Wahl ist.

Foto: Archiv ČRo 7
Soweit zur Politik, wir kommen nun zu einem leichteren Thema. Von Hermann Heyne-Pietschmann aus Erfurt haben wir eine E-Mail bekommen, bei deren Lektüre einem das Wasser schon im Mund zusammenläuft:

„Es ist bekannt, dass die tschechische Küche einen guten Ruf hat. Dieser ist auch im Ausland verbreitet. Kein Wunder also, dass Vertreter der weißen Zunft nach Erfurt kamen, um mit einer Nationalmannschaft an der Kocholympiade 2012 teilzunehmen. In einer gläsernen Schauküche stellten sie unter den Augen der Jury und vielen Besuchern ihr Wissen und Können unter Beweis. Zu Beginn ihres Menüs gab es Lachsvariationen, anschließend gebratene Schweinelende mit edlen Zutaten und schließlich ein Dessert vom Feinsten. Doch auch die Jugend-Nationalmannschaft offerierte Leckeres auf dem Herd. Es fing an mit Panna Cotta mit Ziegenkäse auf Spinat-Biskuit und mit Blumenkohl gefüllten Cannelloni, ergänzt von Pilz-Kaviar. Weil Fisch besonders gesund ist, bereiteten die jugendlichen Köche aus Tschechien ein Zanderfilet mit besonderem Beiwerk zu. Inzwischen kochen die tschechischen Kochkünstler wieder in ihrem Heimatland. Aber die Erinnerung an Erfurt wird wahrscheinlich lange im Gedächtnis bleiben. Vielleicht wurde bei einigen Besuchern der Wunsch geweckt, dem Land Tschechien einen Besuch abzustatten, nicht nur wegen des guten Essens, aber ein triftiger Grund könnte das durchaus sein. Die Messeleitung in Erfurt hat die Kocholympiade gut organisiert und ein erfolgreiches Gelingen garantiert.“

Plattenbausiedlung Prag-Háje (Foto: Archiv ČRo 7)
Herr Heyne-Pietschmann hat über die Leistungen der Tschechen, in diesem Fall der tschechischen Köche in Deutschland geschrieben. Im folgenden Brief wollen wir Reflexionen eines Deutschen zitieren, der in Tschechien lebt und einige Sachen hierzulande ein bisschen anders beziehungsweise schärfer als die Einheimischen sieht. Markus Wolf reagiert auf einen Bericht über das Leben in der Plattenbausiedlung Prag-Háje. Er nennt seine eigenen Erfahrungen mit dem Leben in einem Plattenbau in Prag, wo er und seine Familie oft die Oma besuchen. Dass man in einem Plattenbau aus den umliegenden Wohnungen mehr hört, als man sich wünschen würde, ist eine bekannte Sache. Markus Wolf hat aber noch ein Phänomen entdeckt, das er typisch für Tschechien hält:

Foto: Archiv ČRo 7
„Die Eingangstüren der Häuser sind meist abgeschlossen, da große Angst vor ungebetenen Gästen herrscht. Für mich, aus Hamburg kommend, wo es auch eine recht große Kriminalität gibt, ist das recht ungewohnt. Ist von außen an der Tür statt eines Türgriffs eine Kugel angebracht, könnte auch so kein Fremder eintreten, außer man ließe ihn hinein. In mir kommen Gedanken hoch des ´Eingesperrtseins´. Was, wenn ein Feuer ausbricht oder eine der oft älteren, verwitweten Bewohnerinnen einen Arzt braucht? Darüber scheint sich keiner Gedanken zu machen.“

Ein ähnliches Phänomen des „Abschließens von der Außenwelt“ hat Herr Wolf auch in Mnichovice nahe Prag, an der dortigen Grundschule erlebt:

Foto: Archiv ČRo 7
„Meine beiden Kinder besuchen dort die erste und die fünfte Klasse. Auch dort sind fast ausnahmslos alle Türen (Notausgänge) versperrt beziehungsweise immer oder fast ganztägig verschlossen. Meine Tochter fragte nach, was das solle. Sie bekam zur Antwort, man habe Angst vor Dieben oder dass Kinder entführt werden könnten. Ich habe nie davon gehört, dass Kinder aus ihren Klassen ´geklaut´ würden, wie man hier im Dorf sagt. Auch sind die Umkleideräume der Kinder, wo wohl kaum Smartphones oder andere Wertgegenstände herumliegen, verschlossen. Diebe nutzen bei Schuleinbrüchen hier die versteckt liegenden Fenster der Klassenzimmer. Es sind uralte Fenster, die schnell geöffnet werden können. Meine Sorge, dass im Falle eines Brandes die Kinder in der Schule durch Qualmentwicklung diese wohl nicht mehr lebendig verlassen könnten, wird nicht ernst genommen. Vielleicht können sie ja auch mal in ihrer Sendung vom Schulalltag auf dem Lande berichten. Hier gibt es im Gegensatz zu Deutschland zu viele Kinder. Deshalb wird hier unter anderem ein Notausgang als Umkleidekabine genutzt.“

Grundschule in Dolní Břežany (Foto: jasik, Panoramio.com)
Danke für Ihre Anmerkungen, Herr Wolf, und auch für den Tipp. Sie haben am Ende Ihres Briefes ein Problem berührt, dass besonders Schulen im Umland von Prag betrifft. Dort sind in den letzten Jahren Tausende Häuser gebaut worden. Bewohnt werden sie meistens von jungen Familien mit Kindern. Eben am vergangenen Wochenende wurde im Fernsehen über dieses Problem berichtet. Als Beispiel wurde die Grundschule in Dolní Břežany genannt – gebaut wurde sie für 120 Kinder, besucht wird sie heute von 370 Schülern. Die Schulen im Prager Umland sind überfüllt und den Gemeinden fehlt es an Mitteln, die Schulgebäude zu erweitern.

Illustrationsfoto: Archiv ČRo 7
Eine traurige Nachricht ist jüngst aus Heidenheim bei uns angekommen. Unser Hörer, Erwin Winter, ist am vergangenen Freitag überraschend gestorben. Sein Sohn, Klaus Winter, schreibt an seine Hobbyfreunde:

„Euer Kurzwellenfreund Erwin Winter aus Heidenheim ist von uns gegangen. Er blieb bis zuletzt seinem Hobby treu. Seit seinem 16. Lebensjahr war er ununterbrochen begeisterter DXer. Er wird sicher den Radiostationen und Hobbyfreunden in guter Erinnerung bleiben!“

Danke für die Nachricht, Herr Winter, auch wenn sie sehr traurig ist. Wir möchten unser aufrichtiges Beileid zum Ausdruck bringen.

Abschließend wollen wir noch ein Versprechen erfüllen und eine Hörerfrage beantworten.

Foto: Kruno Knezevic, Stock.xchng
„Gibt es auch in Tschechien Vorwürfe gegen Schriftsteller und Künstler, zu sehr mit den früheren kommunistischen Machthabern kooperiert zu haben?“

Diese Frage hat uns Lutz Winkler gestellt. In der Literatur ist es einfach so, dass man nach der Wende solche Schriftsteller gelesen hat, die man bis dahin nicht lesen durfte – also Exilautoren und Werke aus dem Samisdat. Vor 1989 existierten drei Strömungen der tschechischen Literatur: die offizielle, die unter dem Motto des sozialistischen Realismus stark vom kommunistischen Schriftstellerverband geprägt war, des Weiteren die Exilliteratur und die so genannte Samisdat-Literatur, die nur inoffiziell erschien und für die breitere Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Nach der Wende war es auf einmal möglich, die bis dahin verbotenen Autoren herauszugeben und zu lesen, und der Hunger danach war groß. Diejenigen, die als Lautsprecher der kommunistischen Machthaber galten, las man einfach nicht mehr. Es war ein natürlicher Weg, das Angebot war auf einmal groß, und die Leser waren an anderen Schriftstellern interessiert. In einem anderen Bereich aber genießen die Künstler, die mit den kommunistischen Machthabern kooperiert haben, immer noch große Popularität: in der Pop-Musik. Ab und zu wird ihnen die Vergangenheit zwar vorgeworfen, trotzdem stehen sie immer noch auf der Bühne, füllen die Titelseiten von Boulevard-Zeitungen und Webseiten und sind nach wie vor populär.

Foto: Archiv ČRo 7
Wir sind am Ende unseres Hörerforums angelangt. Über ihre Briefe, Postkarten, E-Mails und Empfangsberichte freuen wir uns auch weiterhin. Schicken können Sie alles an die bekannten Adressen, also per Post an: Radio Prag – Deutschsprachige Redaktion, Vinohradská 12, 120 99 Prag 2, Tschechische Republik, oder auf elektronischem Weg an: deutsch@radio.cz.