Geschichte einer politischen Liebe

Marcia Davenport (Foto: Tschechisches Fernsehen)
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Am 16. Januar 1996 starb Marcia Davenport – eine amerikanische Romanautorin und Musikkritikerin, die sich während des Zweiten Weltkriegs für die Tschechoslowakei engagierte. Dafür hatte sie einen ganz persönlichen Grund: Ab 1941 war sie mit dem tschechoslowakischen Exilaußenminister Jan Masaryk liiert. Im Folgenden mehr zu dieser Liebesgeschichte mit politischem Hintergrund.

Marcia Davenport (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Unter dem Titel „Stärker als Phantasie“ erschienen 1969 im damaligen West-Deutschland die Memoiren von Marcia Davenport. In einer Rezension im Spiegel hieß es dazu damals:

„Das Buch hat flaue Stellen, zumal Frau Davenport dem ‚Ungeist‘ der Epoche eher mit Entsetzensschreien als mit Überlegungen begegnet. Trotzdem gibt sie gerade den Historikern ihr Bestes: Sie beschreibt die letzten Jahre und die letzten Wochen des tschechischen Außenministers Jan Masaryk.“

Foto: Winkler Verlag
Das Buch blieb natürlich auch in der Tschechoslowakei nicht unbemerkt. Es war viel diskutiert worden über den geheimnisvollen Tod des beliebten Politikers Jan Masaryk im Jahr 1948. Wurde der Sohn des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten ein paar Tage nach der kommunistischen Machtergreifung ermordet – oder schied er freiwillig aus dem Leben? Marcia war von der ersten Variante überzeugt.

In Prag sterben

Doch wer war die Frau, die Jan Masaryk offensichtlich am nächsten stand? Als Abigail Glick wurde sie 1903 in New York in eine musikalische Familie geboren – ihre Mutter war Opernsängerin. Ihren Taufnamen änderte Abigail zu Beginn der 1920er Jahre zu Marcia. Den Nachname Davenport nahm sie nach ihrer Heirat 1929 an. Damals hatte sie den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Ihr erstes Werk handelte von Wolfgang Amadeus Mozart – weil es damals, wie sie sagte, in den USA keine gute Biographie über den Komponisten gab. Für die Recherchen wollte Davenport alle mit Mozart verbundenen Orte besuchen. 1930 führte sie ihr Weg nach Prag. 60 Jahre später erinnerte sie sich daran im Tschechoslowakischen Rundfunk.

Ema Destinnová (Foto: Public Domain)
„Damals hatte ich noch keine Rückenschmerzen, ich ging also los vom Hotel Esplanade und wanderte ohne Ziel durch die Stadt. Ich bummelte den ganzen Nachmittag über den Wenzelsplatz, den Altstädter Ring und die Karlsbrücke, bis es dunkel wurde. Was ich sah, fand ich faszinierend: Die Atmosphäre und die Architektur der Stadt waren einzigartig. Ich hatte zuvor noch nie mit einem Menschen aus Böhmen gesprochen, außer mit Ema Destinnová, als sie in New York konzertierte, wo auch meine Mutter engagiert war. Seit langem hatte ich jedoch Gefallen gefunden an schöner Architektur. In Prag konnte ich sie gar nicht genug genießen. Abends lehnte ich total erschöpft an einer kleinen Mauer auf dem Hradschin. Obwohl ich damals erst 26 war, hatte ich nur einen einzigen Gedanken im Kopf: In dieser Stadt möchte ich sterben.“

Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen – und die Umstände, unter denen Marcia Davenport Prag später kennen lernen konnte, wären ihr zu dieser Zeit wohl unvorstellbar erschienen. Die 1930er Jahre waren jedoch noch glücklich – die Mozart- Biographie brachte ihr großen Erfolg, sie wird übrigens in den USA noch heute hoch geschätzt. Darüber hinaus kommentierte Davenport Aufführungen der Metropolitan Opera im Rundfunk.

Spitzname „Playboy“

Jan Masaryk (Foto: United States Library of Congress, Public Domain
1941 kam es zum folgenreichen Treffen mit Jan Masaryk. Wie sie in ihren Memoiren schreibt, kam Jan Masaryk aus London nach New York und äußerte selbst den Wunsch, sie zu besuchen. Masaryk war laut Davenport damals einer der populärsten Diplomaten in Europa. Mit seinen Witzen, seinem Charme und seiner Jovialität verdiente er sich den Spitznamen „Playboy“. Als langjähriger tschechoslowakischer Botschafter in London war er mit allen Nuancen der englischen Sprache und der Mentalität vertraut. Auch Masaryks dunkelbraune Augen waren laut Davenport faszinierend: einfach Liebe auf den ersten Blick. Und diese Liebe übertrug Davenport spontan auch auf die Tschechoslowakei, sagt der Publizist Pavel Hlavatý.

„Marcia Davenport arbeitete im Komitee der amerikanischen Hilfe für die Tschechoslowakei – das war eine von tschechoslowakischen Emigranten gegründete Organisation, die auch von der amerikanischen Regierung unterstützt wurde. Des Weiteren half sie auf Masaryks Wunsch bei den tschechischen Sendungen von ‚Voice of America‘ in das Protektorat Böhmen und Mähren. Ihre Wege verbanden sich dann, als sich Davenport 1944 von ihrem Ehemann scheiden ließ. Dass sie und Masaryk ihre enge Beziehung nicht verborgen hielten, dafür spricht auch ihr Verhalten in Prag. Dorthin war sie nach dem Krieg gemeinsam mit dem tschechoslowakischen Außenminister gezogen.“

Marcia Davenport mietete sich eine Wohnung in der Loreta-Gasse (Foto: Barbora Kmentová)
Marcia Davenport mietete sich eine Wohnung in der Loreta-Gasse auf dem Hradschin, also ein paar Schritte vom Außenministerium entfernt. In ihren Erinnerungen merkte sie an, dies sei die schönste Gasse der Welt. Zugleich behielt sie aber auch ihre Wohnung in New York, wo sie ihren neuesten Roman vollenden wollte. Er hieß „East Side, West Side“ und wurde wie ihr früheres Buch „The Valley of Decision“ verfilmt. Marcia Davenport war damals eine offensichtlich erfolgreiche und finanziell abgesicherte Frau. Die Journalistin Albína Wiesenbergerová besuchte die amerikanische Schriftstellerin 1947 in ihrer Prager Wohnung – und 1990 berichtete sie davon im Tschechoslowakischen Rundfunk:

„Ich war um 6 Uhr bei ihr zum Abendessen eingeladen. Ein solches Festmahl hatte ich noch nie zuvor erlebt, es dauerte fast drei Stunden lang. Ihre Dienerin trug immer neue Gänge auf den Tisch: mehrere Suppen, Obst- und Käseplatten, Kuchen, dann wieder Gemüse, Säfte, Kaffee und anderes. Dazwischen plauderten wir über Politik, Literatur, Amerika, Europa oder Mode – und in den Pausen wurden immer etwas Neues serviert. Schließlich schaute sie auf die Uhr und sagte zu mir: ‚Sehen sie, das ist meine Entspannung. So ruhe ich mich jeden Tag aus.“

Dann klingelte das Telefon

Machtübernahme durch die Kommunisten im Februar 1948 (Foto: ČT24)
Die glücklichen Zeiten neigten sich aber bereits dem Ende zu. Albína Wiesenbergerová verbrachte nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Februar 1948 insgesamt elf Jahre im Gefängnis, weil sie verfolgten Demokraten half, die Tschechoslowakei zu verlassen. Doch schon vor dem politischen Umsturz war die Entwicklung beklemmend: Die Kommunisten gründeten in Fabriken und Schulen sogenannte „Aktionsausschüsse“. Sie verhielten sich wie bloße Gewalttäter, merkte Davenport in ihren Erinnerungen an. Zugleich musste sie ansehen, wie Masaryk das Geschehen entglitt. Pavel Hlavatý:

Pavel Hlavatý (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Wie sie selber schrieb, bemühte sie sich, ihre politische Position nicht preiszugeben, um Masaryks Depression nicht zu vertiefen. Masaryk wusste genau, dass die Demokratie in der Tschechoslowakei zu Grunde ging und dass er spätestens nach dem 25. Februar 1948, als er als einziger Nichtkommunist in der Regierung blieb, politisch unter Druck stand. Damals veränderte er sich stark. Er verlor seine gute Laune, zeigte sich immer verschlossener und äußerte sich zu seinen Plänen nur noch sehr unklar. Davenport behauptete, Masaryk habe emigrieren und sich an die Spitze des ausländischen Widerstandes stellen wollen, seine weiteren Mitarbeiter haben dies aber abgestritten. Diese Frage müssen wir also offen lassen.“

Beerdigung von Jan Masaryk (Foto: CC0 1.0)
Tatsache ist, dass Marcia Davenport am 7. März 1948 von Prag nach London flog. Masaryk sollte bald nachkommen, sie wollten heiraten. Am Morgen des 10. März klingelte im Hotel, in dem Marcia wohnte, das Telefon. Jan sei angekommen, dachte sie. Stattdessen kam die Nachricht, dass man ihn unter dem Balkon seiner Wohnung in Prag tot aufgefunden hatte. An einen Selbstmord konnte sie nie glauben, ihrer Überzeugung nach war es ein politischer Mord. Marcia lebte dann in Italien und in den USA. In den 1960er Jahren besuchte sie noch mehrmals die Tschechoslowakei. Am 16. Januar 1996 starb sie mit 92 Jahren in Kalifornien.