Häusliche Gewalt kostet den Staat 52 Millionen Euro pro Jahr

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40 Prozent der Frauen in Tschechien haben Erfahrung mit Formen häuslicher Gewalt. Das folgt aus einer Untersuchung der Organisation proFem. Die Ergebnisse wurden in dieser Woche im Rahmen einer Konferenz im tschechischen Senat vorgestellt. Zum ersten Mal wurden dabei auch die ökonomischen Folgen häuslicher Gewalt erörtert.

An die 3.000 Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren wurden im Rahmen einer Online-Studie des Beratungszentrums für Frauen proFem befragt. Dabei gaben zwei von fünf an, bereits Erfahrung mit häuslicher Gewalt gemacht zu haben. Statistisch hochgerechnet entspricht dies 1,4 Millionen Tschechinnen. Am häufigsten wurden Demütigungen und körperliche Angriffe genannt, verbreitet sind aber auch sexuelle Gewalt, Stalking und Drohungen.

Aus den Antworten der Frauen folgt auch, dass ein Viertel von ihnen die Übergriffe verheimlicht haben. Dies bestätigt die stellvertretende Direktorin des Zentrums proFem, Soňa Hradecká:

Soňa Hradecká
„Die Opfer vertrauen sich nicht ihren Verwandten an, wenn sie fühlen, dass sie keine Unterstützung in der Familie haben. Manchmal öffnet sich die Frau eher einer Freundin. Die Frauen schämen sich oftmals dafür, was ihnen geschehen ist. Außerdem haben sie Angst es offen zu sagen, weil sie die Reaktion ihrer Partner fürchten.“

Nur ein Zehntel der Frauen hat den Übergriff der Polizei gemeldet. Acht Prozent haben sich an einen Psychologen gewandt und fünf Prozent haben einen Arzt beziehungsweise einen Rechtsanwalt aufgesucht. Als allarmierend bezeichnen die Experten, dass der Übergriff des Partners nur von 55 Prozent der Frauen als häusliche Gewalt bezeichnet wurde, obwohl es sich eindeutig darum gehandelt habe.

Kamil Kunc (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Die Studie hat zum ersten Mal auch die finanziellen Folgen häuslicher Gewalt beziffert. Der Soziologe Kamil Kunc hat die Studie verfasst:

„Das sind Aufwendungen für Dienstleistungen, die von den Gewaltopfern genutzt werden und die meistens aus öffentlichen Mittel gedeckt werden. Also Aufwendungen der Polizei, der Justiz und des Gesundheitswesens. Eine weitere Rolle spielen auch finanzielle Verluste auf der Seiten des Opfers, wie etwa Lohnverlust, und Verluste auf Seiten der Arbeitgeber.“

Den Staat kostet häusliche Gewalt 1,3 Milliarden Kronen pro Jahr, sagt Soňa Hradecká. Das sind umgerechnet 52 Millionen Euro:

„Es sind Kosten für soziale Dienstleistungen, für die Arbeit der Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Gerichte, weiter für das Krankengeld sowie für Belastungen des Gesundheitswesens und im Bereich der Arbeitslosigkeit. Die größte Summe davon, fast eine halbe Milliarde Kronen (22 Millionen Euro), wird im Gesundheitswesen ausgegeben.“

Dem Gesundheitswesen folgt die Justiz - etwa ein Drittel der Scheidungen hängt nämlich mit der häuslichen Gewalt zusammen. Auf das Problem der häuslichen Gewalt verweist seit Anfang Oktober eine Kampagne unter dem Motto: „Dass wir sie nicht sehen, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt“. Sie will die Bürger dazu bringen, aufmerksamer gegenüber ihrer Umgebung zu sein.