Hat ein Buch dein Leben verändert? Roland Schwarz fragt von Prag bis Shanghai

Roland Schwarz

Bücher können dem Leben eine neue Richtung geben. Gemeint sind nicht Sachbücher, Ratgeber und Anleitungen, die einen direkt auf den Weg bringen wollen. Die Rede ist von Werken der Belletristik, deren Protagonisten und Geschichten inspirierend sein und Menschen zu außergewöhnlichen Taten verleiten können. Roland Schwarz hat solche wahren Geschichten und Beispiele in unterschiedlichen Ländern gesammelt und in bisher zwei Bänden zusammengefasst.

Herr Schwarz, Sie kommen aus Österreich, leben aber derzeit in Prag und sind Lehrer am hiesigen österreichischen Gymnasium. Was hat Sie nach Tschechien geführt, und wann war das?

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„Das erste Mal 2017. Und ich bin jetzt zum zweiten Mal nach Prag gezogen. Beim ersten Mal wollte ich einfach eine Veränderung. Ich habe in einer kleinen Stadt in Oberösterreich gelebt und wollte unbedingt in eine Großstadt ziehen. Dann habe ich gesehen, dass eine Lehrerstelle frei ist, habe mich beworben – und so bin ich in Prag gelandet. Und nach sieben Jahren habe ich mich dann entschieden, dass es erst einmal reicht und ich jetzt ein Jahr lang nur Bücher schreiben möchte. Während dieses Jahres habe ich aber Prag so vermisst, dass ich zurückgekommen bin. Also bin ich seit August wieder hier.“

Hat Prag Ihre Erwartungen an eine Großstadt erfüllt? Oder was haben Sie vermisst?

Illustrationsfoto: wobbuffet13,  Pixabay,  Pixabay License

„Ja, eigentlich schon. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt: unbedingt. Aber ich habe im letzten Jahr sehr viel Zeit in China verbracht, und da hat sich die Definition, was eine Großstadt ist, für mich ein bisschen verändert. Aber ja, für mich erfüllt Prag alles, was ich brauche. Also inspirierende Leute, gute Kaffeehäuser, viele verschiedene Restaurants. Man hat alle Möglichkeiten in dieser Stadt, und es ist nie langweilig.“

Sie haben im Laufe Ihrer Jahre in Prag zwei Bücher veröffentlicht. 2022 war das „Mit Moby Dick aufs Containerschiff“ und in diesem Jahr „Ein Nachmittag im südlichen Blütenland“. Die beiden Bücher haben einen gemeinsamen Leitfaden, und zwar die Macht von Büchern, oder wie Bücher unser Leben verändern. Wie haben Sie selbst die Lust am Schreiben entdeckt?

„Ich frage seit Jahren jeden Menschen, den ich kennenlerne: Was ist dein Lieblingsbuch?“

„Über die Lust am Lesen. Denn vor dem Schreiben kommt immer das Lesen, und gelesen habe ich immer gerne. Mich hat immer interessiert, welche Bücher die Leute lesen, auch aus eigenem Interesse, um Empfehlungen für weitere Literatur zu haben. Das heißt, ich frage seit Jahren jeden Menschen, den ich kennenlerne: Was ist dein Lieblingsbuch? Hast du ein Buch, das dich geprägt hat? Hast du ein Buch, das dein Leben sogar verändert hat? So ist auch mein erstes Buch entstanden. Denn irgendwann habe ich begonnen, diese Geschichten aufzuschreiben. Die erste Geschichte – das erklärt auch den Titel des ersten Buches – war die Geschichte meines Freundes Martin, der ‚Moby Dick‘ gelesen hat. Und es hat sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er ist heute Kapitän eines Containerschiffs. Ich habe diese Geschichte meinen Freunden in Graz erzählt, und die haben gesagt, sie würden jetzt auch ‚Moby Dick‘ lesen. Ich habe dabei etwas gelernt, nämlich: So bringt man die Leute zum Lesen.“

Und als Lehrer versuchen Sie auch, Ihre Schülerinnen und Schüler immer zum Lesen zu bringen...

„Als ich dann gemerkt habe, dass die Leute dann ein Buch lesen, wenn sie eine persönliche Geschichte dazu gehört haben, dacht ich mir: Jetzt schreibe ich ein Buch, ich sammle weitere Geschichten. Und so ist das erste Buch entstanden. Dann haben mir noch weitere Leute Geschichten erzählt, und insgesamt sind es jetzt zwei Bücher.“

Wie finden Sie die Leute, die bereit sind, Ihnen ihre persönlichen Geschichten zu erzählen?

„Martin hat ‚Moby Dick‘ gelesen. Und es hat sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er ist heute Kapitän eines Containerschiffs.“

„Ich bin ein kommunikativer Typ. Ich frage bei jeder Gelegenheit, egal wo: im Kaffeehaus, in der Schule, im Jogastudio. Einmal war ich sogar mit einem Freund bei einem Speed-Dating in Prag und habe jede der Damen gefragt, ob sie ein Lieblingsbuch habe.“

Wie sind die Reaktionen der Menschen? Nennen Sie gleich ein Buch, das ihr Leben geprägt hat? Oder ist es schwierig, sie auf dieses Buch zu stoßen?

„Dazu habe ich auch eine Beobachtung. Normalerweise haben Menschen, die wenige Bücher lesen, sofort ein Lieblingsbuch. Denen fällt sofort das Buch ein, das ihr Leben verändert hat. Und Menschen, die sehr viel lesen, haben es schwer, nur ein Buch zu nennen. Viele Menschen, die mir Geschichten erzählt haben, sind eigentlich keine Vielleser.“

Bedeutet das, dass Sie persönlich kein solches Buch für sich selbst nennen können? Oder gibt es doch so ein literarisches Werk, das Ihr Leben verändert hat?

„Es gibt ein Buch, das ich immer wieder lese. Und das ist ‚Der Zauberberg‘ von Thomas Mann.“

„Ich könnte wahrscheinlich Dutzende Bücher nennen, die mein Leben irgendwie geprägt oder stark bereichert haben. Oder die mir irgendwann einmal geholfen haben im Leben. Das hängt natürlich auch davon ab, wie alt ich zu jenem Zeitpunkt war. Die Jugendjahre prägt ein anderes Buch als die Studentenjahre oder jetzt das Erwachsenen-Dasein. Normalerweise lese ich ein Buch nur ein einziges Mal, aber es gibt ein Buch, das ich immer wieder lese. Und das ist ‚Der Zauberberg‘ von Thomas Mann. Das ist mein absolutes Lieblingsbuch.“

Thomas Mann  (1875-1955) | Foto: Topfoto / Profimedia

Und warum?

„Das Buch ist absolut faszinierend. Erstens ist die Sprache wunderschön. Ich wünschte, ich würde nur ab und zu so einen schönen Satz schaffen wie Thomas Mann. Aber die Geschichte ist auch faszinierend. Das sind tausend Seiten, und alles spielt in diesem entlegenen Sanatorium in den Schweizer Alpen. Eigentlich passiert überhaupt nichts in dem Buch. Der junge Mann, Hans Castorp, verbringt sieben Jahre dort. Er lernt alle möglichen Menschen kennen. Er spricht über Philosophie, über Politik. Er verliebt sich einmal. Und das ist so ein Mikrokosmos, der faszinierend ist. Immer wenn ich in diesem Buch lese, verlasse ich Prag und bin in den Schweizer Alpen. Das ist wunderbar.“

Sie haben gesagt, Ihr Ziel sei, die Menschen zum Lesen zu motivieren. Ihre Bücher enthalten einige Dutzend Geschichten, das heißt, einige Dutzend Bücher. Haben Sie alle diese Bücher zuvor gekannt, die Ihnen von Ihren Gesprächspartnern genannt wurden? Und falls nicht, haben Sie diese Bücher dann gelesen?

Foto: Verlag Edition Tandem

„Ja, ich habe alle Bücher, die ich in meinen Büchern nenne, gelesen. Das war eine Bedingung, die ich mir selber gestellt habe. Bei meinem ‚Moby Dick‘-Band war es so, dass ich die meisten Bücher gekannt habe. Für das ‚Blütenland‘-Buch musste ich sehr viel lesen, denn es enthält viele Geschichten aus der chinesischen Literatur. Zwar handelt es sich zum Teil um Bestseller-Autoren, in China mehrere Hunderttausend Bücher verkaufen, aber in Europa werden sie nicht gelesen. Das war wahnsinnig interessant, ich habe sehr viel über chinesische Literatur gelernt.“

Wie kam es dazu, dass der zweite Band so stark von China geprägt ist? Schon der Titel verweist auf das Land.

„Ja, der Titel des Buches erinnert an den fernen Osten. Es gibt ein Buch des chinesischen Philosophen Zhuangzi, der ungefähr vor 2000 Jahren gelebt hat und dessen Werk man früher als das ‚wahre Buch des südlichen Blütenlands‘ bezeichnete. Den Titel verwendet man nicht mehr, aber ich habe mir gedacht, er wäre doch ein schöner Titel für mein Buch. Und dazu kommt das Cover mit dem Schmetterling, das ein Schweizer Künstlerfreund von mir gestaltet hat.“

Wie ist es zu diesem  Schwerpunkt gekommen, haben Sie selbst Erfahrungen mit China?

„Ich war vor ungefähr zehn Jahren einmal in China, knapp drei Monate, um Tai-Chi und Kung-Fu zu lernen, und seitdem fasziniert mich das Land.“

„Ich war vor ungefähr zehn Jahren einmal in China, knapp drei Monate, um Tai-Chi und Kung-Fu zu lernen, und seitdem fasziniert mich das Land. Aber die Idee für den zweiten Band ist eigentlich ein bisschen anders entstanden. Als der ‚Moby Dick‘-Band erschien, wurde er in den österreichischen Zeitungen und im Radio rezensiert. Zum Glück positiv, aber in der Wiener Zeitung (damals hat es die Wiener Zeitung noch gegeben), stand in der Buchkritik, das Buch sei sehr westlich, darin gehe es hauptsächlich um europäische und amerikanische Literatur. Das stimmt, aber ich habe mir gedacht: Was soll ich machen? Ich kenne niemanden hier, der chinesische, japanische oder thailändische Literatur liest. Dann habe ich mir gedacht, dass ich nach Asien gehen sollte. Ich war dann drei Monate lang in Shanghai, und dort habe ich diese Geschichten gesammelt. Es war eine wunderschöne Zeit.“

Und wie haben Sie da ohne Chinesisch-Kenntnisse leben und arbeiten können?

„Naja, mit Übersetzungs-Apps, mit Händen und Füßen, mit der Hoffnung, dass einige dann doch gut genug Englisch können. Und das war auch der Fall, gerade bei der jüngeren Generation, vor allem in den großen Städten wie Shanghai. Aber es gestaltete sich nicht einfach. Zum Teil war es extrem schwierig, die Bücher, von denen mir erzählt wurde, in Übersetzung zu finden. Manchmal habe ich mit ChatGPT oder Google Translate einiges übersetzt, nur um einen Eindruck zu bekommen, um was für ein Werk es sich handelt. Es ist sehr schade, dass nur ganz wenig von chinesischer Literatur übersetzt wird.“

Im Band „Ein Nachmittag im südlichen Blütenland“ spielen viele Erzählungen eben in China. Es gibt aber auch andere Handlungsorte…

„Es ist sehr schade, dass nur ganz wenig von chinesischer Literatur übersetzt wird.“

„Prag natürlich. Einige Geschichten im zweiten Buch spielen hier in der Stadt. Die habe ich noch aufgeschrieben, bevor ich nach China ging. Das heißt, ich habe im Sommer 2024 einige Leute in Prag interviewt und die Geschichten dann in Shanghai aufgeschrieben..“

Können Sie ein Beispiel nennen?

„Es gibt zum Beispiel ein Prager Architektenpaar, Michael und Radmila. Sie haben das Buch einer Amerikanerin über die Toskana gelesen, und das hat ihnen so gefallen, dass sie jetzt ein Haus dort haben. Ich habe ihnen versprochen, sie nächstes Jahr einmal dort zu besuchen. Eine zweite Geschichte aus Prag ist die einer Kollegin von mir. Anička ist Spanischlehrerin, und ihr Vater war Schriftsteller, er ist mittlerweile verstorben. Erstens hat er ihre Liebe zu Büchern extrem geprägt und zweitens einen Roman, der halb fertig ist, am Computer hinterlassen. Und irgendwann wird sie oder ihre Schwester diesen Roman fertig schreiben. Dieser Gedanke hat mich so fasziniert – dass ein unfertiges Werk noch da ist, das von irgendjemandem fertig geschrieben werden muss. Und diese Geschichte ist sehr berührend, eigentlich handelt es sich um eine meiner Lieblingsgeschichten in dem Buch.“

Ist das Projekt mit diesen zwei Büchern beendet, oder haben Sie noch Ideen oder Erzählungen von Menschen, die Sie getroffen haben, auf dem Lager?

„Ich plane etwas ganz anderes. Und dafür habe ich mehrere Ideen. Eine davon ist ein Prag-Roman, bei dem ich nicht verrate, worum es geht. Und eine zweite hat den Arbeitstitel ‚Prager Orte der Weltliteratur‘. Ich interviewe dafür keine Menschen, sondern versuche selbst essayistisch aufzuspüren, wo Weltliteratur entstanden ist. Eigentlich möchte ich jetzt andere Bücher schreiben, denn zwei Bände reichen, aber es kommen natürlich immer wieder Menschen zu mir. Ich erhalte auch E-Mails, in denen es heißt, dass mir jemand seine Geschichte erzählen möchte. Und dann ich nicht einfach sagen: Nein, es ist fertig, ich schreibe keine Buchgeschichten mehr. Denn ich rufe ja im Nachwort meines Buches sogar dazu auf, dass sich die Leute bei mir melden. Also sammle ich natürlich weiter, aber langsamer. Der dritte Band, wenn man so möchte, wird ein langsames Projekt, der vielleicht über die nächsten Jahre hinweg entsteht.“

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