Haute Couture von der Moldau in der Zwischenkriegszeit

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Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war von Umbrüchen geprägt, die zu großen Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft führten - unter anderem auch in der Mode. Bis zum Ersten Weltkrieg hielt sich beharrlich dekorative und kunstvoll gearbeitete Kleidung mit Korsetts, Rüschen und Schleppen. Nach 1918 nahm der Bedarf an praktischer und einfacher Kleidung zu, bestärkt durch das neue Lebensgefühl der Nachkriegszeit – dies war eine modische Revolution. Die Trends der Goldenen Zwanziger wurden auch in der Hauptstadt der neugegründeten Tschechoslowakei reflektiert, wie die bis zum 13. Mai verlängerte Ausstellung „Prager Modesalons 1900 – 1948“ veranschaulicht. Wer waren die Modeschöpfer, die damals in Prag den Ton angaben?

Laden der Firma „Knize“
Die Prager Schneiderzunft in der Ersten Republik konnte an eine gewisse Tradition anknüpfen. Bereits im 19. Jahrhundert feierten einige Maßschneider aus der Stadt Erfolge bei Weltausstellungen. Zum Beispiel 1862 in London, wo die Firma „Krach“ 35 Kleiderkreationen präsentierte. Oder der böhmische Schneidermeister Josef Kníže. Er gründete 1858 in Wien eine gleichnamige Firma, die sich später zum Hoflieferanten hocharbeitete. In den 1920er Jahren öffnete „Knize“ seine Niederlassungen in Paris und Berlin und 1934 auch in Prag. In der Habsburger Hauptstadt konnten seinerzeit viele Schneider aus Böhmen und Mähren ihr handwerkliches Geschick zur Geltung bringen - nicht zuletzt auch als Mitarbeiter der berühmten Wiener Werkstätte.

Modeschau, Salon Rosenbaum
Prag hat sich indes nie als eine internationale Modehochburg etabliert. Aber auch die Haute Couture von der Moldau erreichte in der Zwischenkriegszeit europäisches Niveau. Unter den Mode-Ateliers, die damals für gehobene Ansprüche fertigten, wurden besonders zwei Namen zum Begriff: „Rosenbaum“ und „Podolská“. Inhaber der erstgenannten Firma, die 1907 gegründet wurde, war Oldřich Rosenbaum. Die Firma hatte er von seiner Mutter Elise übernommen. Das habe Rosenbaums Start in der Branche erleichtert, meint Eva Uchalová, Kuratorin der Ausstellung „Prager Modesalons 1900 – 1948“.

Eva Uchalová (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Er war in dem Salon praktisch aufgewachsen und selbst zum Schneider geworden. 1919 übernahm er die Leitung der prosperierenden Firma von seiner Mutter. Rosenbaum verstand die Bedeutung der Bekleidung und war in der Lage, den Zeitgeist zu treffen. Es gelang ihm auch, ein neues Team von hoch motivierten Mitarbeitern aufzubauen. Zwei von ihnen hatten zuvor ihre Erfahrungen in der Bekleidungsbranche in Wien gesammelt. Die Geschäftsleiterin Kristina Mayerová führte vorher sogar eine Schweizer Filiale der Wiener Werkstätte. Mit ihr und einem ebenfalls aus Wien zurückgekehrten Bekleidungsdesigner reiste Rosenbaum wiederholt nach Paris.“

Abendrobe von Rosenbaum (Foto: Archiv des Prager Kunstgewerbemuseums)
Um Fahrten nach Paris kam kein Modeschneider herum: Es ging um das handwerkliche Geschick, exakte Detailverarbeitung und allgemein den Kontakt zu den französischen Modetrends. Daneben waren aber auch die Impulse aus der hochkarätigen britischen Schneiderkunst wichtig. Beides musste dann mehr oder weniger an kundenspezifische Anforderungen angepasst werden.

Haute Couture brauchte zudem einen repräsentativen Sitz. Oldřich Rosenbaum war unzufrieden mit der Adresse seines Modesalons in der Štěpánská-Straße, einer Seitenstraße vom Wenzelsplatz. 1924 zog er daher in die noble Geschäftsmeile Národní um. Bald wurde sein Atelier zum Synonym höchster Eleganz. 1928 engagierte er sogar einen französischen Gewandmeister, der vorher in Frankreich, Belgien und England gearbeitet hatte. Der erfahrene Spezialist für die Spitzen-Maßanfertigungen sollte das Personal anlernen: zunächst nur ein Jahr lang. Letztlich blieb er bis 1939. Eva Uchalová:



Gesellschaftskostüm von Rosenbaum (Foto: Archiv des Prager Kunstgewerbemuseums)
„Rosenbaum war ständig auf Reisen. Viermal im Jahr besuchte er Paris, und zwischendurch reiste er auch nach Italien, Deutschland, Wien und Budapest. Er kaufte dort Stoffe und Schnitte. Parallel dazu hielt er kontinuierlich Ausschau nach neuen Impulsen in der Mode. Das war der Kleidung aus seinem Salon anzumerken. In den 1930er Jahren wurde Rosenbaum als Jude die zunehmende Gefahr in der Entwicklung Europas bewusst. 1938 überließ er seinen Prager Salon dem Schicksal und emigrierte in die USA. Im New Yorker Stadtteil Manhattan gründete er einen Modesalon, der bis in die 1960er Jahre erfolgreich produzierte.“

Und was geschah mit dem Prager Salon Rosenbaum?

„Der Salon existierte weiter. Wie alle anderen jüdischen Firmen stand er während der Kriegsjahre unter Treuhand-Verwaltung. Später wurde der Salon an drei neue Besitzer verkauft, die ihn bis zum Kriegsende leiteten. Unter den Treuhand-Verwaltern befanden sich auch Offiziere der deutschen Wehrmacht sowie ein SS-Offizier. Die Kundinnen waren Frauen deutscher Offiziere.“

Nach 1945 begann für die Firma wie auch für viele andere der Prozess der Verstaatlichung. Zunächst wurde sie unter die - wie es damals hieß – nationale Verwaltung gestellt, aber weiter von einem Schneider aus dem Hause geleitet. Ein Teil der Belegschaft stammte noch aus der Vorkriegszeit. Mit der Machtübernahme der Kommunisten wurde jedoch alles anders. Eva Uchalová:

„Im Jahr 1948 wurde die Firma endgültig verstaatlicht und erst einmal in das neu errichtete landesweite Netz von Bekleidungsbetrieben mit dem Namen ‚Oděvní tvorba’ eingepasst. 1954 wurde das Unternehmen dem neugegründeten Betrieb ‚Módní závody Praha’ angegliedert, zu dem nur die besten Werkstätten für maßgeschneiderte Kleidung gehörten. Seitdem hieß der Salon ‚Styl’. Bis zu Beginn der 1990er Jahre konnte er bei der maßgeschneiderten Damen- und Herrenmode eine hohe handwerkliche Qualität erhalten.“

Wer in der Vorkriegstschechoslowakei „in“ sein wollte, der ließ seine Kleider, Kostüme, Mäntel oder Hüte auch im renommierten Prager Modesalon „Podolská“ nach Maß fertigen. Natürlich nur, wenn sein Geldbeutel das erlaubte. Die Marke „Podolská“ galt als Luxus. Frauen von Präsidenten und Ministern oder bekannte Filmschauspielerinnen zählten zur Klientel, aber auch die international bekannte tschechische Operndiva Jarmila Novotná war treue Kundin. Ihre bei „Podolská“ gefertigten Kostüme für die Rolle der Violetta, in der sie wiederholt in Verdis „La traviata“ auftrat, werden bis heute als wertvolle Exponate im Archiv der New Yorker Metropolitan Opera aufbewahrt. „Podolská“ kreierte auch mondäne Kostüme für den bekannten tschechischen Film „Kristian“, in dem die bis nach Deutschland bekannte Schauspielerin Adina Mandlová brillierte.

Bis heute sei der Name Podolská hierzulande ein Begriff, wesentlich mehr als der Name Rosenbaum, sagt Uchlová:

„Hana Podolská war eine künstlerisch sehr begabte Dame, die auch unternehmerischen Geist hatte. Sie führte Modenschauen auf dem Laufsteg ein, was dem Zeitgeist und den Bedürfnissen der damaligen Prager Gesellschaft entsprach. Podolská konzentrierte sich nicht nur auf Prag. Ihre Kundschaft kam aus dem ganzen Land, und sie wurde auch außerhalb der Landesgrenzen bekannt. Zum Erfolg verhalf ihr bestimmt auch ihr Charakter, denn über Frau Podolská lässt sich nur positiv berichten.“

Ballkleid von Podolská (Foto: Archiv des Prager Kunstgewerbemuseums)
Auch Hana Podolská besuchte regelmäßig Paris und verfügte über hoch qualifizierte Fachkräfte. Seit 1922 arbeitete in ihrem Salon die Designerin Vlková, die sowohl die kunstgewerbliche Fachmittelschule als auch die Hochschule für bildende Kunst abgeschlossen hatte. Nach 1948 wurde sie zur Begründerin des Ateliers für Bekleidung an der Prager Hochschule für Kunstgewerbe. Im Krieg jedoch gerieten auch die nichtjüdischen Modebetriebe in Schwierigkeiten:

„Ihre Belegschaft schrumpfte, weil ein Teil der Mitarbeiter zur Zwangsarbeit abkommandiert wurde. Außerdem mangelte es an Stoffen. Und das ganze gesellschaftliche Leben, das unter den normalen Verhältnissen viele Impulse für das Modeschaffen geliefert hatte, lag selbstverständlich danieder. Dass sich der Salon ‚Podolská’ trotzdem über Wasser halten konnte, war höchstwahrscheinlich den Aufträgen aus den Prager Filmateliers Barrandov zu verdanken. ‚Podolská’ fertigte Kostüme für tschechische und deutsche Filme, die dort gedreht wurden.“

Hana Podolská hatte aber noch andere Probleme. Wegen angeblicher Schmuggelgeschäfte wurde sie von der Gestapo verhört und sogar für einige Tage ins Gefängnis gesteckt. Der entscheidende Schicksalsschlag kam für sie aber 1948 mit der Verstaatlichung der renommierten Firma. Podolská durfte noch kurze Zeit im Salon weiterarbeiten, als „Gütesiegel“ für die Kunden. Doch wie in Rosenbaums Fall kam auch ihr Betrieb nach 1954 unter die Fittiche des staatlichen Unternehmens „Módní závody Praha“ und wurde in „Salon Eva“ umbenannt. Danach wurde Podolská aufgefordert, die Firma zu verlassen. 1972 starb sie im Alter von 92 Jahren.

Auch unter dem kommunistischen Regime fertigten die beiden Modesalons, unter ihren neuen Namen „Styl“ und „Eva“, weiter Haute Couture. Die tschechische Mode verlor aber den Kontakt mit den westlichen Modezentren, vor allem zu Paris, und verblasste zusehends. Von der früheren Tradition der Modesalons konnte dennoch etwas überdauern, behauptet Eva Uchalová.

„Sowohl „Styl“ als auch „Eva“ wurden vom Staat gefördert. Und das selbst in den 1950er Jahren, als die Mode als Relikt der bourgeoisen Vergangenheit dargestellt wurde. Vertreter der beiden Salons durften aber nach wie vor an internationalen Kongressen und Modeschauen teilnehmen und maßgeschneiderte Kleider für Diplomaten anfertigen. Sie sollten alle das Prestige des Staates erhöhen und ihn nach außen repräsentieren.“

Anlässlich der Ausstellung „Prager Modesalons 1900 – 1948“ wurde ein Buch herausgegeben, in dem Uchalová insgesamt 20 bekannte Prager Modesalons in Wort und Bild vorstellt. Die Kuratorin sagt, sie habe erst nach der Zusammenstellung der 20 Firmenportraits festgestellt, dass die Hälfte der Salons jüdische Besitzer hatte. Der Großteil dieser Modeschöpfer wurde während des Krieges von den Nazis ermordet.