Havel, Hrabal, Vaculík & Co. - das Bremer Samizdat-Archiv hütet Schätze

Quelle: Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen

Das Forum Gesellschaft steht heute mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Gegenwart. Es geht um das Erbe, den Nachlass der Samizdat-Literatur in der kommunistischen Tschechoslowakei. Also jener Schriften, die inoffiziell und unzensiert von Schriftstellern und anderen Intellektuellen geschrieben und vervielfältigt wurden. An der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen befindet sich eines der weltweit größten Samizdat-Archive. Dort lagern die Schriften klangvoller Namen wie Havel, Hrabal, Seifert oder Vaculík. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Ivo Bock hat Christian Rühmkorf so einige Literaturschätze aus den 70er und 80er Jahren gezeigt.

Ivo Bock
Ivo Bock:„Hier ist es kalt, wie Sie merken. Und damit Sie nicht glauben, dass das hier alles ist - die ganze Etage ist voll mit Archivmaterialien. In diesem Raum hier befinden sich nur die besonders wertvollen Materialien, die also klimatisch gut gelagert werden sollen.“

Wir sind jetzt hier in dem Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Neben mir steht der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Ivo Bock, der dieses Archiv mitbetreut. Herr Bock, wir befinden uns in einem Samizdat-Archiv. „Samizdat“ ist ein Wort, das ursprünglich aus dem Russischen kommt. Was genau heißt denn dieses Wort übersetzt? Und was lagern Sie hier alles?

Ivo Bock:„Das Wort kommt tatsächlich aus dem Russischen und bedeutet so viel wie ‚Selbstverlag’. Das bedeutet also Schrifttum, das nicht durch die Zensur gegangen ist, dort erschienen ist. Ich betrachte den Samizdat als ein paralleles Kommunikationssystem, in dem Schriften veröffentlicht wurden, die keine Chance gehabt hätten, in offiziellen Verlagen oder Zeitschriften herausgegeben zu werden.“

Es überrascht ja doch, wenn hier im Nordwesten Deutschlands mittelosteuropäische Dokumente liegen. Wenn ich richtig informiert bin, ist Ihr Samizdat-Archiv das weltweit größte neben dem an der Universität Stanford. Warum ist das Archiv gerade hier in Bremen angesiedelt?

Wolfgang Eichwede
Ivo Bock:„Das Archiv ist wohl hauptsächlich das Verdienst des Gründungsleiters Professor Wolfgang Eichwede, ein Osteuropa-Historiker und Russland-Spezialist, der das Institut viele Jahre geführt hat. Eichwede hat sich immer schon stark für Ostmitteleuropa interessiert und traf hier in Bremen auf eine sehr günstige Konstellation: Der ehemalige Bürgermeister Hans Koschnik hat Eichwedes Pläne zur Gründung eines Samizdat-Archivs unterstützt. Im Übrigen spielten in der Entstehungsgeschichte der Forschungsstelle einige tschechische Emigranten eine wichtige Rolle, Jiří Pelikán zum Beispiel. Er hat damals in Rom gelebt und sich sehr stark für eine solche Forschungs- und Archivstelle in Deutschland eingesetzt.“

Manchmal scheint es nicht schlecht zu sein, wenn der Abstand zum Gegenstand der Forschung größer ist, oder nicht?

Ivo Bock:„Ja, das sehe ich genauso.“ (lacht)

Aus welchen Ländern stammen die Samizdat-Dokumente, die Sie hier haben, also die Schriften und die Fotos?

Ivo Bock:„Wir haben drei Schwerpunktländer: die Tschechoslowakei, die Sowjetunion und Polen. Außerdem haben wir Materialien aus der ehemaligen DDR und aus Ungarn.“

Können Sie uns mal Dokumente aus der Tschechoslowakei zeigen?

Quelle: Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Ivo Bock:„Wir haben hier eine ganze Reihe von Beiträgen von Václav Havel, zum Beispiel seine Einakter. Hier ‚Horský Hotel’. Es gibt hier auch einen offenen Brief Havels an den ehemaligen Präsidenten Gustáv Husák aus dem Jahre 1975.“

Könnten Sie den mal zeigen?

Ivo Bock:„Wenn ich ihn finde. Soviel vorab: Auf der Titelseite sieht man einen schwer schuftenden Václav Havel mit einem Sack auf dem Rücken und auf der Rückseite sieht man ihn, wie er nach dem Feierabend in einen Mercedes einsteigt. Havel hat ja damals in einer Brauerei gearbeitet. – So, jetzt habe ich es gefunden. Wie gesagt, es beinhaltet den offenen Brief an Husák von 1975 und beginnt mit den Worten ‚Sehr geehrter Herr Doktor’. Der Brief wurde von Václav Havel und von dem Herausgeber der Editionsreihe Ludvík Vaculík persönlich signiert.“

Von wem ist das denn getippt worden. Ich sehe, dass dieser Brief maschinell getippt und nicht gedruckt wurde. Wissen Sie, wer sich hier die Arbeit gemacht hat?

Ivo Bock:„In diesem Fall weiß ich es leider nicht. In vielen Fällen lässt sich das aus einer Formulierung erschließen, die dort zu finden ist und die eine weitere Vervielfältigung des Dokuments verbietet. Es handelte sich um eine Schutzbehauptung, damit man sie nicht belangen kann. Das wurde natürlich trotzdem weiter vervielfältigt. Und diese Formel ist jedes Mal ein bisschen anders formuliert. Und die Formulierung weist auf die Identität der Kopistin hin. Aber das ist leider in diesem Fall nicht so. Man kann jedoch aus der Unterschrift von Ludvik Vaculik darauf schließen, dass es sich um einen Titel der ‚Edice Petlice’ handelt, das war die bekannteste Samizdat-Editionen gewesen. Und abgesehen davon hat Václav Havel hier mit seinen typischen Herzchen unterschrieben.“

Was steht da jetzt drin in ganz groben Zügen? Haben Sie es gelesen?

Ivo Bock:„Ja sicher. Also es ist praktische ein Analyse des realen Sozialismus, also eine vernichtende Analyse der Funktionsweise dieses Regimes. Diese Schrift hat Geschichte gemacht. Und zwar insoweit als Havel selbst sagt: ´Das ist so der erste Schritt zu einem erneuten Engagement in Sachen der Demokratie´. Er lebte nach dem Prager Frühling – wie die meisten Intellektuellen – im Schock, zunächst mal wie erstarrt. Und hier, das war ja Anfang April 1975, sagt er selber rückblickend, das sei ein Meilenstein in seiner weiteren Entwicklung gewesen. Da trat er zum ersten Mal wieder auf und wollte sich engagieren, einmischen.

Havel selbst hat auch eine Edition herausgegeben. Die hieß ´Edice Expedice´. Und in der nimmt diese Verantwortung nicht der Autor, sondern der Herausgeber, also Havel, auf sich. Dort heißt es: ´Für sich und seine Freunde von Václav Havel vervielfältigt´. Und dadurch wurde dem wieder der Charakter einer Publikation genommen. Denn darauf hätte man sich berufen können und sagen können: ´Ich darf doch für meine Freunde ein Manuskript vervielfältigen´.“

Aber das hört sich schon relativ professionell an. Und wenn wir dieses Büchlein und die anderen hier in den Regalen uns anschauen, dann sind die ja auch schon richtig gebunden. Und das hat schon relativ professionellen Charakter, oder?

Ivo Bock:„Ja, das ist ganz sicher der Fall. Da haben entweder professionelle Buchbinder die Bindung vorgenommen oder die Herausgeber der Edition haben sich das selbst angeeignet. In den meisten Editionen sind die Texte sehr sorgfältig vorbereitet worden und in manchen gibt es eben auch Originalillustrationen, die das natürlich besonders bibliophil, reizvoll machen. Übrigens: In keinem anderen Land des früheren Ostblocks sind so viele Schriftsteller und Dichter mit Publikationsverbot belegt worden wie in der Tschechoslowakei in den 70er, 80er Jahren. Und deswegen ist der tschechische Samizdat dominant ein literarischer oder kultureller Samizdat, vor allem aber ein literarischer.“

Vaclav Havels Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (Quelle: Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen)
Nehmen wir mal zum Beispiel Ludvík Vaculík. Oder Václav Havel. Der schreibt zu Hause auf seiner Schreibmaschine in den 70er Jahren ein neues Theaterstück. Was macht er dann damit? Wie geht das ganz konkret vor sich?

Ivo Bock:„Also in der Regel haben es nicht die Autoren selbst abgeschrieben, sondern das waren Kopistinnen. Und dann wurde eben so etwas wie eine Erstauflage an gefertigt von meistens bis zu zwölf Exemplaren, so viel auf einer Schreibmaschine geschrieben werden konnte. Dann wurden die Sachen zum Teil ´offiziell´, zum Teil ´inoffiziell´ weiter vervielfältigt…“

Was heißt in diesem Falle „offiziell“, „inoffiziell“?

Ivo Bock:„´Offiziell´ bedeutet, dass das Buch ebenfalls den Status zum Beispiel eines Titels der ´Edice Petlice´ hat – zweite Auflage; ´inoffiziell´ bedeutet, dass einfach Leser weiter abgetippt haben. Und dann sind dort natürlich auch nicht mehr die persönliche Unterschrift und auch nicht die Originalillustrationen zu finden, sondern das ist eben der reine Text, der dann abgeschrieben wurde. Zum Teil auch mit Fehlern und Ähnlichem.“

Hoffen Sie für Ihr Archiv noch auf etwas? Haben Sie noch ein Auge auf etwas geworfen? Haben Sie noch Ambitionen, die Sammlung auszubauen?

Ivo Bock:„Ambitionen auf jeden Fall. Und es kommen auch noch Sachen. Es ist natürlich nicht mehr so viel wie früher. Aber wir versuchen natürlich die Bestände zu komplettieren und das gelingt immer wieder auch.“

Was meinen Sie, gibt es noch auf Dachböden unentdeckte Kisten?

Ivo Bock:„Ganz bestimmt! Vielleicht sollte ich das auch sagen: Es gibt Bereiche, wo wir große Lücken haben und wo ich mir das also auch ganz besonders wünschen würde. Also zum Beispiel die ´Edice Kvart´, eine der schönsten Editionen, von Jan Vladislav herausgegeben. Da haben wir - glaube ich - nur fünf, sechs Titel und es sind über 100 erschienen. Und zum Beispiel die katholischen Editionen vom Theologen Oto Mádr herausgegeben – davon haben wir überhaupt nichts. Also, das sind wirklich noch Lücken, die wir sehr gerne füllen würden.“