Verbotene Literatur im Kommunismus: Ausstellung zeigt Samisdat-Verlagswesen

Foto: ČT24

Am 17. November jährt sich zum 24. Mal der Beginn der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei. In der Zeit des kommunistischen Regimes gab es hierzulande keine Pressefreiheit, und viele Schriftsteller durften nicht publizieren. Auch ein Großteil ausländischer Fachliteratur aus dem Bereich Philosophie oder Theologie galt als „libri prohibiti“ und durfte nicht erscheinen. Doch einige Menschen kümmerten sich darum, dass auch verbotene Literatur gedruckt wurde – und zwar im Selbstverlag, dem so genannten Samisdat. Wie das vor sich ging, das zeigt eine Ausstellung, die seit dieser Woche in der Prager Lucerna-Passage zu sehen ist.

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Das Hauptthema der Ausstellung ist die Entstehung sowie der Vertrieb verbotener Literatur, die in der Edice Expedice, also Edition Expedition erschien. Diese Edition war 1975 vom oppositionellen Schriftsteller Václav Havel zusammen mit Freunden gegründet worden. Marta Smolíková leitet die Prager Václav-Havel-Bibliothek:

„Edice Expedice war der zweitgrößte Samisdat-Verlag in der Tschechoslowakei. Der größte Samisdat-Verlag war die Edice Petlice, der Verlag hinter Schloss und Riegel, den Ludvík Vaculík 1972 in Brünn ins Leben rief. Václav Havel hat sich durch Vaculík inspirieren lassen. Von 1975 bis 1989 wurden in der Edice Expedice insgesamt 232 Bücher herausgegeben, einige waren auch mehrbändig.“

Marta Smolíková (Foto: ČT24)
Die Entstehung der Samisdat-Bücher war eine komplizierte Angelegenheit. Niemand der Beteiligten durfte den ganzen Prozess der Buchherstellung kennen, sagt Marta Smolíková.

„Einer tippte die Bücher ab, jemand Weiteres band sie ein, und ein anderer traf dann die Auswahl, welche Bücher herausgegeben werden. In den ersten Jahren leitete die Philosophin und Übersetzerin Dana Horáková die Produktion. Als Václav Havel im Gefängnis saß und Horáková 1979 nach Deutschland emigrierte, kümmerte sich Ivan Havel darum. Mit der Zeit wurden professionelle Schreiberinnen mit dem Abtippen beauftragt. Denn die Zahl der Bücher war groß. Von einem Buch gab es 12 bis 24 Kopien. Dies hing davon ab, wie viele Kopien auf einer Schreibmaschine über das Kopierpapier zu machen waren.“

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Die gebundenen Bücher wurden dann unter den Mitgliedern des Rates des Samisdat-Verlags verteilt. Ein Exemplar wurde immer in das Tschechoslowakische Dokumentationszentrum im fränkischen Scheinfeld geliefert, geleitet wurde es vom Historiker Vilém Prečan. Er kopierte dann die Bücher. Einige davon erschienen in Exilverlagen und wurden an Bibliotheken ausgeliefert. Abenteuerlich war auch, wie die Samisdat-Bücher ins Ausland geschmuggelt wurden. Marta Smolíková:

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„Man muss betonen, dass deutsche und französische Diplomaten dabei sehr geholfen haben. Sie führten die Samisdat-Literatur aus und brachten wiederum die in den Exilverlagen gedruckten Bücher in die Tschechoslowakei.“

Für die Herstellung und Verbreitung von Samisdat-Literatur drohte damals Gefängnis. Im Samisdat-Verlag Edice Expedice erschienen sowohl Belletristik, als auch Poesie, philosophische Literatur sowie Übersetzungen ausländischer Literatur.

Fußgängerpassage im Palais Lucerna (Foto: Oleg Fetisow)
Die Ausstellung über den Samisdat-Verlag Edice Expedice ist in der Fußgängerpassage im Palais Lucerna in Prag zu sehen – und zwar bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte.