„Heiterkeit ist in Deutschland noch nie richtig angekommen“: Ein Atelierbesuch beim Maler Milan Kunc
Er hat in Rom, New York und Köln gelebt, bei Joseph Beuys und Gerhard Richter studiert, seine Werke in Amsterdam, Paris und Madrid gezeigt. Auch Sylvester Stallone hat einst ein Bild von ihm gekauft. Und dennoch ist Milan Kunc in seiner tschechischen Heimat heute kaum bekannt. Nun hat man ihm in Liberec eine umfassende Werkschau gewidmet. Und in Berlin ist noch bis Anfang Mai eine Ausstellung zu sehen, die Werke von Kunc und seinen Künstlerkollegen aus der „Gruppe Normal“ zeigt.
Ein Soldat gesteht einer Rotarmistin seine Liebe, während im Hintergrund eine Bombe detoniert. Schafe stehen vor beeindruckender Bergkulisse auf einer grasgrünen Weide und starren auf einen gigantischen, gehörnten Fernsehbildschirm. Ein mit Jack Daniel’s betriebenes Moped schwebt über goldenem Wüstengrund.
Diese und andere Szenen sind auf den Gemälden von Milan Kunc zu sehen, die derzeit in der Regionalgalerie Liberec hängen. Zeitgeist, Konsumgesellschaft und Reklame würden ihn zu seinen surrealen Einfällen inspirieren, sagt Kunc, der an vielen Orten in der Welt gemalt hat und heute wieder in Prag tätig ist. Sein Atelier befindet sich in Holešovice, durch die riesigen Fenster überblickt man einen Teil der Metropole.
„Es ist ein gutes Studio. Ich liebe vor allem den Lichteinfall, man muss wirklich kein künstliches Licht benutzen. Ich habe in meinem Leben auch sehr viele Lofts gehabt und verschiedenste Ateliers. Aber das hier entspricht momentan meinem Temperament, und ich bin damit zufrieden.“
An einer der weißen Wände befinden sich zahlreiche Farbkleckse, davor stehen eng aneinandergereiht eine ganze Menge Bilder. Auf einem Tisch liegen Pinsel und Farben. In einer anderen Ecke ruhen in den Bücherregalen kunsthistorische Publikationen und Ausstellungskataloge. Davor steht ein Sofa, auf dem wir für das Interview Platz nehmen. Kunc, der letztes Jahr seinen 80. Geburtstag feiern durfte, hat Kaffee gekocht und Kuchen besorgt, und er hat mir das Du angeboten. Also Milan, wann und wie bist du zum Künstler geworden?
„Glaub es oder nicht, aber in Deutschland. Ich habe zwar an der AVU, der Akademie der Bildenden Künste in Prag, studiert. Aber das war während der Zeit der Totalität in den 1960er Jahren. Mir hat es dort nicht gefallen, es war langweilig, und ich fühlte den politischen Druck.“
Dieser Druck eskaliert damals bis zum 21. August 1968, als die Panzer des Warschauer Paktes in Prag einrollen. Kunc sitzt da gerade in einem Militärgefängnis. Später verarbeitet er den Moment in einem Gemälde: ein Paar abgetretener Militärstiefel steht auf einem Holzfußboden, angelehnt ist die Szene an ein ähnliches Bild von Vincent van Gogh.
Von Beuys auf dem Flur aufgegabelt
1969 ist Milan Kunc mit seinen Eltern im Italienurlaub, als er die lebensverändernde Entscheidung trifft: Er wird nicht wieder nach Prag zurückkehren. Es sei nicht nur die Angst davor gewesen, wieder im Gefängnis zu landen, die ihn dazu bewegt habe, sagt Kunc.
„Ich habe meine Zukunft schwarzgesehen.“
Kunc beschließt, nach Deutschland zu gehen.
„Mir wurde damals ganz zufällig die Düsseldorfer Kunstakademie empfohlen. Also habe ich eine Mappe hingeschickt – und wurde sofort aufgenommen. Als ich dort später einmal Skizzen und Bilder auf dem Flur aufhängte, hat mich Joseph Beuys aufgegabelt und aufgefordert, in seine Klasse zu gehen.“
Und dieser Aufforderung kam Kunc natürlich nach. Wie erlebte er die Zeit bei dem weltberühmten Aktionskünstler mit dem Hut auf dem Kopf?
„Man ist demonstrieren gegangen, hat Häuser besetzt und Performances gemacht. Alle haben sehr experimentell gearbeitet, jeder hat fotografiert und gefilmt. Es kamen Konzeptualisten aus New York vorbei, die man bewundert hat. Der Lehrgang war frei und liberal, man konnte sich künstlerisch entfalten, wie man wollte.“
Doch dies sei nicht nur ein Vorteil gewesen, sagt Kunc.
„Der Unterricht zielte nicht darauf ab, dass man handwerklich etwas lernte. Das habe ich in Düsseldorf vermisst. Deshalb habe ich auf eigene Faust viel klassische Kunst studiert und Kopien gemacht – nach Rubens, Géricault oder Renoir. Ich habe dadurch nicht nur gelernt, wie man mit klassischer Kunst umgeht. Ich habe diese Arbeiten auch verkauft und konnte davon als Student ganz gut leben.“
Peinlicher Realismus
Neben den Studien und den Skizzen nach Modell beginnt Kunc, sich seinen eigenen Werken zu widmen, die er als „peinlichen Realismus“ betitelt. Aber was genau meint er damit? Kunc holt einen Ausstellungskatalog hervor, beginnt darin zu blättern und erklärt das Konzept.
„Das ist mein Terminus technicus, den ich erfunden habe. Denn ich habe damals festgestellt, dass der Realismus nicht die Blutgruppe der kunstbeflissenen Welt war. Ich habe deshalb realistisch gemalt, aber sehr kitschig. Also etwa einen Schäferhut an einer Kette, der aber einen Anzug trägt. Oder ein Porträt von Stalin. Heute hängt es in einer belgischen Sammlung. Aber als Gerhard Richter es damals sah, sagte er: ‚Das kannst du doch nicht ernst meinen!‘ Es handelt sich aber um ein wirklich gutes Ölbild. Stalin hat einen schwebenden Hörer neben sich und führt die Ostfront bei Stalingrad. Das waren Themen, die damals überhaupt nicht bearbeitet wurden, und natürlich war das eine Provokation.“
Die Kunstkritik sei oft irritiert von seinen Bildern gewesen, so Kunc. Bei den Käufern hingegen kam seine Ästhetik an.
Alles andere als „normal“
1980 gründet Milan Kunc gemeinsam mit Peter Angermann und Jan Knap die „Gruppe Normal“. Allesamt werden sie später von der Kunstgeschichte den „Neuen Wilden“ zugeordnet. Der Gruppe Normal ist derzeit eine Ausstellung in der Villa Grisebach in Berlin gewidmet. Aber inwiefern war das Trio „normal“?
„Wir waren für die damalige Zeit überhaupt nicht normal. Es hat nur normal ausgesehen – natürlich, manchmal sogar folkloristisch. Die Bilder waren positiv, rannten die offene Tür ein, man musste sofort hingucken. Aber wenn man sie sich längere Zeit ansah, stellte man fest, dass es inhaltliche Dinge gab, die eben nicht normal waren.“
Gleich eine der ersten Ausstellungen des Kollektivs ist die Teilnahme an der elften Biennale in Paris. Kunc hat schon seit einigen Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft und repräsentiert mit seinen zwei Kumpanen die Bundesrepublik. Die Bilder der Gruppe Normal werden später unter anderem in New York gezeigt. Und dann zieht es auch Kunc selbst in den Big Apple.
„Ich lebte in East Village, Lower East Side, Lower West Side und SoHo.“
Zudem hat Kunc während seiner Jahre in Amerika mehrere Ateliers. An eines erinnert er sich besonders gern.
„Ich habe damals auch mit George Condo ein Studio gehabt. Das war sehr schön. Wir waren zwei engagierte Künstler, die gemeinsam in einem Atelier kreieren konnten – und wir hatten dabei eine gute Zeit zusammen. Man ging in die Cafés zeichnen und machte einfach Blödsinn zusammen – aber gleichzeitig seriöse Kunst, die man in guten Galerien zeigte.“
Den Weggang in die USA erklärt Kunc nicht nur damit, dass New York damals der „place to be“ war. In Deutschland stießen seine knalligen, fast schon pop-artigen Bilder und Installationen mitunter auch nicht auf das gewünschte Verständnis.
„Heiterkeit ist in Deutschland schlichtweg noch nie richtig angekommen. Humor ist etwas, womit man sich dort schwertut.“
Neben New York etabliert Kunc mit der Zeit Köln als seinen zweiten Wohnsitz. Und der Weltenbummler zieht immer wieder weiter. Als 1989 der Eiserne Vorhang fällt, lebt er gerade in Italien.
„Rom war für mich sehr erfrischend. Es war provinziell, was sehr angenehm war. Es hatte nicht dieses Professionelle, Coole und Anstrengende wie New York. Zudem konnte ich dort die klassische Kunst, den Manierismus, Pontormo und Michelangelo studieren. All dies täglich zu sehen, hält einen auf Trab. Wo man nur hinguckt, sieht man fabelhafte Kunst.“
Eine Rückkehr, die keine war
1992 erhält Kunc eine Einladung von Präsident Václav Havel auf die Prager Burg. Ein Jahr später folgt eine Einzelausstellung im Lusthaus der Königin Anna. Ende der 1990er Jahre zieht Kunc nach Den Haag, wo er an Keramiken arbeitet, dann geht er nach Köln und in die Eifel, ehe er 2005 dauerhaft nach Prag zieht. Eine „Rückkehr“ sei das aber nicht gewesen, betont Kunc heute.
„Ich kann die Stadt nicht wiedererkennen. Damals herrschte hier eine Art barocker Tiefschlaf. Heute ist Prag voll von Autos und Werbung, die Stadt ist sehr auf Konsum ausgerichtet. Das ist nicht das Gleiche wie früher in meiner Jugend.“
Seit seinem Umzug nach Tschechien hat Kunc etwa in Amsterdam, Rom, Erfurt, Zürich und Stockholm ausgestellt. Zwar gab es auch einige Werkschauen in seinem Heimatland. Dennoch ist Kunc wohl weiterhin im Ausland bekannter. Stört ihn das?
„Ja, schon. Aber andererseits auch nicht. Denn ich kann die Zeit nicht überlisten. Ich habe fast 40 Jahre lang nicht hier gelebt. Da kann man nicht nahtlos irgendwo hinpassen. Das geht einfach nicht.“
Zuhause, sagt Kunc, kann er sich heute überall fühlen. Seinen Prager Lebensmittelpunkt wird er wohl vorerst aber nicht aufgeben. Und so steigt Kunc – nachdem der Espresso ausgetrunken, der Kuchen aufgegessen und das Atelier wieder verschlossen ist – auf sein Fahrrad. Er setzt seinen Hut auf, zieht seine weißen Stoffhandschuhe an und radelt los – zum nächsten Termin.
Die Werkschau „There Will Be Beauty!“ in Liberec kann noch bis 1. Juni besichtigt werden. Der Rückblick auf die Gruppe Normal in der Villa Grisebach in Berlin steht unter dem Titel „Die anderen ‚Jungen Wilden‘“. Die Ausstellung ist noch bis 4. Mai zu sehen.
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