Heute am Mikrofon: Jarmila Kratochvílová

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu unserer Sendereihe "Heute am Mikrofon". Aus dem Prager Studio begrüßt Sie dazu Lothar Martin.

Sie war eine ganz Große der Weltleichtathletik und trotz ihrer herausragenden Leistungen stets eher zurückhaltend und bescheiden im Hintergrund geblieben. Sie gewann fünf Hallen-Europameisterschaften, die olympische Silbermedaille 1980 in Moskau und in ihrem Superjahr - 1983 - die Weltmeistertitel über 400 und 800 Meter. Kurz vor dem damaligen Championat in Helsinki lief sie mit 1:53,28 min einen phantastischen Weltrekord über die Zwei-Runden-Distanz, der auch heute noch - 17 Jahre danach - Bestand hat. Mit Ludmila Formanová und Hana Benesová trainiert die 49-jährige im ostböhmischen Cáslav zwei tschechische Laufasse der Gegenwart. Sie ist mit Leib und Seele Trainerin und hat ihr Herz auf ewig der Leichtathletik verschrieben. Die Rede ist von keiner anderen als von Jarmila Kratochvílová, der sportlichen Rivalin und Freundin der großen Marita Koch, mit der sie sich Anfang der 80er Jahre großartige Duelle über die Stadionrunde geliefert und diese zu immer besseren Weltrekordleistungen getrieben hat. Auch über diese sehr schöne Epoche ihrer aktiven Karriere sprach ich mit Jarmila Kratochvílová, einer Frau, die durch ihren ihr alles bedeutenden Sport jung geblieben ist und als eine reife Persönlichkeit auch allerhand zu sagen hat.

Zum Beispiel zu den unterschiedlichen Bedingungen in ihrer Sportart, als ich sie danach fragte, ob es zu ihrer aktiven Zeit oder heute schwerer war, Leichtathletik zu betreiben: "Viele der Kleinstädte und natürlich auch der Dörfer hatten zu meiner Zeit weder eine schöne Turnhalle noch ein tolles Stadion, so dass es damals schon weit schwieriger war, Kinder für die Leichtathletik zu begeistern. Heute gibt es in Tschechien vielerorts bereits moderne Sporthallen und Stadien, einige sind sogar mit Kunststoffbelag ausgestattet, woran früher überhaupt nicht zu denken war. Ich zum Beispiel habe auf Sportplätzen mit einer reinen Aschenbahn begonnen, wo man von morgens bis abends schmutzig war. Heutzutage haben die Kinder einfach wesentlich mehr Möglichkeiten und weitaus bessere Bedingungen, Sport zu treiben. Doch es ist auch eine andere Zeit. Unsere Kinder wachsen auf mit Computer, Internet, Diskotheken und vielen anderen Dingen - Dingen, die sie vom Sport und den schönen Sportanlagen noch allzu häufig fernhalten. Es ist sicher schön, dass die Kinder heute solche Möglichkeiten haben, doch mir erscheint die Vielzahl der am PC oder bei Videos verbrachten Stunden einfach überzogen. Es ist demnach schwieriger geworden, die Kinder für den Sport zu gewinnen.

Außerdem leben wir in einer hektischen Zeit, in der die Eltern nicht soviel Zeit für ihre Kinder aufbringen wie dazumal. Jeder, der Arbeit hat, versucht, möglichst viel Geld zu erwirtschaften. Bei uns auf den Dörfern ist das weniger der Fall, denn Arbeit ist kaum vorhanden, und so haben die Eltern meist andere Sorgen als sich um die Kinder zu kümmern. Darum meine ich, man sollte sich ihnen in den Schulen mehr zuwenden und zum Beispiel mehr Sportstunden in den Lehrplan aufnehmen. Ich würde das sofort unterstützen. Wenn ich nur sehe, wie laienhaft und undiszipliniert sich Kinder heutzutage vor dem Sporttreiben warmlaufen, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Doch woher sollen sie es wissen, wenn es zu wenig Sportstunden und zu wenig gute Sportlehrer gibt. Deshalb bin ich auch für mehr Sportstunden im Unterricht, damit sich die Kinder mehr bewegen und wir uns nicht eine Generation von bewegungsfaulen Leuten heranziehen."

Wie ist dieses Problem ihrer Meinung nach in den Griff zu kriegen, dass die Kinder aufgrund fehlender befähigter Sportlehrer und Nachwuchstrainer nicht von vornherein die Lust am Sport verlieren, wollte ich von Jarmila Kratochvílová wissen: "Es ist wirklich nicht genug Geld da für die Leute, die sich den Kleinsten unter den Kindern, mit denen alles beginnt, widmen wollen. Ich verstehe die Trainer - es lässt sich viel besser mit jungen Leuten arbeiten, die schon etwas können und die mit ihren Lehrern und Trainern schon über etwas kommunizieren können. Bei den Kleinsten ist dies noch nicht der Fall. Deshalb haben bei uns nach der Revolution so viele freiwillige Trainer aufgehört, die vorher mit Begeisterung und Hingabe auf den Sportplätzen tätig waren. Jetzt gibt es vielleicht noch eine Handvoll von ihnen. Zudem leben wir in einer Zeit, wo kaum noch jemand etwas umsonst macht. Deshalb sollte man wieder verstärkt daran gehen, Gelder aufzutreiben, um diejenigen, die sich der nicht leichten Aufgabe widmen wollen, kleine Kinder zumindest eine Stunde die Woche sportlich-freudvoll zu beschäftigen, dafür entsprechend zu entlohnen."

Doch ich fragte Jarmila Kratochvílová auch nach ihrer eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Über ihre einstige sportliche Rivalin Marita Koch geriet sie dabei schon fast ins Schwärmen: "Erstaunlicherweise sind Marita und ich äußerst gut miteinander ausgekommen. Ich erinnere mich sehr gern an sie, denn mir erschien sie von Anfang an etwas anders zu sein als die übrigen Athleten aus der damaligen DDR, die immer unter dem Druck standen, gewinnen zu müssen. Dementsprechend verbissen waren die meisten von ihnen. Aber Marita war sehr zugänglich, ebenso ihr Trainer und jetziger Ehemann. Sie beide waren aus einem etwas anderen Holz geschnitzt, deshalb war Marita anfangs auch mein großes Vorbild. Ich habe mir zwar immer gesagt, dass ich nie an ihr Leistungsniveau heranreichen werde, doch dann habe ich gemerkt, dass sie eine völlig normale Frau ist. Deshalb wollte ich stets zu ihr aufschließen, auch wenn ich nie erfahren habe, wie sie trainierte. Aber ich habe immer vor Augen gehabt, wie sie es machen könnte - sie war ganz einfach eine riesige Motivation für mich. Ich habe dann leistungsmäßig zu ihr aufgeschlossen, sie auch besiegt und ihr zwischenzeitlich den Weltrekord über die 400 Meter entrissen, doch als sie ihn sich zurück holte, sagte ich mir, er kann nur ihr gehören, denn sie war über die Stadionrunde die wirklich Weltbeste ihrer Zeit.

Anfangs haben wir uns auch geschrieben, vor allem Weihnachtskarten. Dann hat Marita mit ihrem Mann in Rostock jedoch ein Haus gebaut und der Kontakt ist seitdem abgerissen. Nichtsdestotrotz würde ich sie gern wiedersehen, mit ihr über vieles reden, einfach so, und es müsste sich dabei gar nicht einmal soviel um Sport drehen."

Als Trainerin der 800-m-Weltmeisterin Ludmila Formanová weilte Jarmila Kratochvílová auch bei den Olympischen Spielen in Sydney. Ihre Eindrücke hat sie mir wie folgt geschildert: "Nun, die Olympiade als solche, das war für mich ein riesiges Ereignis. Es war faszinierend. Sicher wäre es noch schöner gewesen, wenn im 800-m-Finale der Damen auch mein Schützling Lida Formanová gestanden hätte, leider machte ihr aber eine vorherige Verletzung einen Strich durch die Rechnung. Das war der etwas traurige Fakt. Andererseits hatte ich dadurch mehr Zeit für mich, konnte mich öfters auf die Tribüne setzen und die Wettkämpfe verfolgen, bisweilen bis zu zehn Stunden täglich! Das habe ich sehr genossen und dies praktisch als eine Art Belohnung für all die vielen Jahre harter Arbeit angesehen. Der Sport ist mein Leben und in die Leichtathletik bin ich buchstäblich vernarrt. Die Olympiade war daher für mich ein solches Erlebnis, von dem ich glaube, dass es noch lange auf mich einwirken wird und dass ich vielleicht ein Leben lang nicht vergessen werde.

Über das 800-m-Finale war ich, aus genannten Gründen, etwas traurig. Demgegenüber konnte ich mich jedoch davon überzeugen, dass die heutige Weltspitze noch weit von meinem Weltrekord entfernt ist - das war solch ein erhebender Moment für mich, als auf der Anzeigetafel die Weltrekordzeit mit meinem Namen aufleuchtete. Ich war auf einmal sehr stolz auf mich, dass diese Zeit auch heute noch Bestand und damit das ausklingende Jahrtausend überlebt hat."