Heute vor 25 Jahren: Nach dem Schock formiert sich Protest

Petr Uhl (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Der 17. November ist heute in Tschechien ein Nationalfeiertag und wurde am Montag in der ganzen Republik begangen. Die Niederschlagung der Studentendemonstration in der Prager Innenstadt war allerdings nur der Anfang vom Ende. In den nächsten Tagen blicken wir auf die Ereignisse zurück, die auf den 17. November folgten und innerhalb weniger Wochen das Regime erst ins Wanken und schließlich zum Sturz brachten.

Petr Uhl (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die staatlichen Medien berichten am Samstag, den 18. November, unter anderem über den rapiden Verfall der DDR. Die Demonstration im eigenen Land vom Vorabend wird kurz erwähnt, nicht aber, dass hunderte Studenten verprügelt und misshandelt wurden. Über ausländische Sender und Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten sich die tatsächlichen Vorgänge jedoch schnell. Der Dissident Petr Uhl erfährt an diesem Tag vom Tod eines Studenten bei den Demonstrationen, und gibt diese Nachricht an Radio Free Europe weiter. Jan Urban war damals ebenfalls Dissident und arbeitete für eine Presseagentur.

Jan Urban (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Ich habe die Nachricht nicht nur geglaubt, sondern sogar zu ihrer weltweiten Verbreitung beigetragen. Am 18. November habe ich eigens Andrej Sacharow in Moskau angerufen, mit der Bitte, daraus einen Skandal zu machen. Im Rahmen der Osteuropäischen Presseagentur haben wir versucht, diese Nachricht – soweit es uns möglich war – zu überprüfen. Und Peter Uhl ist ein außerordentlich sorgfältiger Journalist. Ich habe tatsächlich daran geglaubt.“

Später sollte sich die Nachricht als falsch erweisen – in den folgenden Tagen trug sie aber zur Mobilisierung der Massen bei. Am 18. November war in den Straßen noch alles ruhig. Nur kleine Grüppchen kamen auf dem Wenzelsplatz und in der Narodní třida zusammen. Auf Geheiß der Polizei zerstreuten sie sich schnell wieder. Unter der Oberfläche begann es aber zu gären. Jan Urban:

Michael Kocáb (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Die einzelnen Dissidentengruppen begannen sich kurzzuschließen, mit dem Ziel nach dem ostdeutschen Vorbild eine Art von Einheit, Plattform oder Forum zu bilden und einen offenen Kampf mit dem Regime aufzunehmen. Dazu kam dann noch die Nachricht über den Studentenstreik, und dass auch die Theater einen Streik ausrufen wollen.“

Bereits am Vormittag versuchten Michael Kocáb und Michal Horáček von der Initiative Most, einen Dialog mit Regierungschef Adamec zu eröffnen. Im „Realistischen Theater“ in Prag diskutierten am Nachmittag Studenten, Schauspieler und Theaterleute über die Ereignisse des Vortages. Sie beschlossen, eine Woche lang die Universitäten und Theater zu bestreiken. Auch von einem Generalstreik war bereits an diesem Tag die Rede. Die Sprecher der Charta 77 kamen bei Dana Němcová zusammen:

Dana Němcová (Foto: ČT24)
„Wir haben den baldigen Fall des Regimes erwartet, aber wir waren uns nicht sicher, wann genau er eintreten würde. Auf das, was am 17. November passiert ist, haben wir also unmittelbar und ich denke auch angemessen reagiert.“

Die Sprecher der Charta verfassten eine gemeinsame Stellungnahme zu den Ereignissen in der Narodní třida. Schon tags darauf sollte das Dokument zu einer Grundlage für eine neue Plattform des Widerstandes werden – das Bürgerforum.