Historiker Frankl: Auschwitz war auch größtes Grab für Tschechen und Slowaken

Foto: Raduz, Wikimedia Public Domain

Das Symbol des internationalen Holocaustgedenktags, der am 27. Januar begangen wird, ist das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Vor genau 70 Jahren wurde das größte deutsche Vernichtungslager befreit. Hier wurden rund 1,1 Millionen Menschen ermordet, 90 Prozent davon waren Juden. Zu den Gefangenen des Lagers gehörten auch 50.000 Tschechen und Slowaken, von denen nur etwa 6000 überlebten. Ein Teil von ihnen vegetierte im sogenannten Theresienstädter Familienlager. Die Geschichte dieses Lagerbereichs in Auschwitz gibt den Historikern bis heute Rätsel auf.

Michal Frankl (Foto: ČT24)
Zur Geschichte des Theresienstädter Familienlagers in Auschwitz-Birkenau sprach der stellvertretende Direktor des Jüdischen Museums in Prag, Historiker Michal Frankl, im Tschechischen Fernsehen (ČT). Zu Beginn seiner Ausführungen erinnerte Frankl speziell an die Vernichtung der Juden:

„Aus den Böhmischen Ländern wurden neben politischen Häftlingen auch zirka 60.000 tschechische Juden deportiert. Von ihnen haben etwas mehr als 3000 überlebt.“

In Auschwitz wurden Männer und Frauen generell getrennt voneinander untergebracht. Eine Ausnahme bildeten laut Frankl zwei Familienlager. Das größere von ihnen war das Theresienstädter Familienlager, das im September 1943 entstand.

Theresienstädter Familienlager in Auschwitz (Foto: Raduz, Wikimedia Public Domain)
„Der genaue Zweck dieses Lagers gibt bis heute einige Rätsel auf, denn die Gefangenen, die aus Theresienstadt hierher kamen, wurden nicht selektiert. Und sie hatten – für die Verhältnisse in Auschwitz – ungewöhnliche Privilegien. Sie durften zum Beispiel als Familie zusammenbleiben, sie waren besser gekleidet und anderes mehr.“

Dem Tod sind diese Häftlinge indes nicht entronnen, ergänzt Frankl:

„Die erste Häftlingsgruppe in diesem Lager, die im September 1943 hierher transportiert wurde, ist genau ein halbes Jahr später – in der Nacht vom 8. zum 9. März – umgebracht worden. Das war der größte Massenmord an tschechoslowakischen Bürgern während des Zweiten Weltkriegs.“

Die Zahl der Opfer wird mit 5000 Menschen angegeben. Mitglieder der Auschwitzer Widerstandsbewegung fanden später heraus, dass in den Personaldokumenten dieser Häftlinge die Abkürzung SB und die Frist von sechs Monaten standen. SB – das war die Abkürzung für Sonderbehandlung, und diese bezeichnete im Nazi-Jargon eine Hinrichtung ohne Urteil. In Auschwitz bedeutete sie in der Regel den Tod in Gaskammern. Von den insgesamt 17.500 Häftlingen des Familienlagers überlebten nur 1294.

Lidice
Unter den Tschechen, die nach Auschwitz deportiert wurden, waren auch sehr viele Roma. Sie wurden in das sogenannte Zigeunerlager gesteckt und später ermordet. Angesichts dieser Gräuel sollten diese Menschen in der Gesamtbetrachtung der tschechischen Opfer des Nationalsozialismus mehr Aufmerksamkeit finden, wünscht sich Frankl:

„Die beiden Lager sind nicht zu einem solchen Symbol geworden wie beispielsweise Lidice. Dabei verkörpern sie gemeinsam mit der Zerstörung von Lidice und Ležáky die verschiedenen Formen der Verfolgung von tschechoslowakischen Bürgern im Zweiten Weltkrieg. Das wirft die Fragen auf: Warum ist das so? Warum wird die ethnozentristische Sichtweise auf die tschechische Geschichte beibehalten?“

KZ Auschwitz (Foto: Barbora Kmentová)
Eine Antwort auf diese Frage wäre gerade in diesem Jahr gut möglich. Denn neben dem Gedenken zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz begehen wir noch ein geschichtsträchtiges Jubiläum: den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Dazu könnten Politiker oder Historiker durchaus neue Erkenntnisse beisteuern.