Historischer Wettkampf vor 100 Jahren: Janské Lázně erinnert an erste Nordische Ski-WM 1925
100 Jahre ist es her, dass im tschechischen Riesengebirgsort Janské Lázně die ersten Nordischen Skiweltmeisterschaften stattfanden. Zu schaffen machte den Organisatoren damals zwar das milde Wetter, dennoch erfreute sich das Turnier, das erst rückwirkend zur Weltmeisterschaft ernannt wurde, damals eines großen Interesses der Öffentlichkeit – und es brachte viele Medaillen für tschechoslowakische Sportler. Anlässlich des historischen Jubiläums wird dieser Tage in Janské Lázně an die Wettkämpfe von einst erinnert.
Ende Februar beginnen im norwegischen Trondheim die Nordischen Skiweltmeisterschaften. Bereits am 12. Februar ist es aber genau 100 Jahre her, dass im böhmischen Janské Lázně die erste Ski-WM überhaupt eröffnet wurde.
Klára Stejskalová ist Mitglied in einem Verein, der sich mit der Geschichte der historischen Meisterschaft befasst. Wie es dazu kam, dass gerade Janské Lázně, beziehungsweise auf Deutsch damals Johannisbad, zum Austragungsort des Wintersportturniers gewählt wurde, erläutert sie im Interview für Radio Prag International:
„Dass es überhaupt irgendwelche internationalen Wettkämpfe geben soll, wurde 1924 beim Treffen des Skiverbandes FIS in Chamonix beschlossen. 1923 hatte es bereits eine Veranstaltung dieser Art im nordböhmischen Harrachov gegeben, die sehr gut organisiert war und viele Menschen anzog. Also dachte man sich, dass die Ausrichtung der Meisterschaft eine schöne Herausforderung für die noch junge Tschechoslowakei sein könnte.“
Die Zusammenkunft der Fédération Internationale de Ski 1924 in Chamonix war das Gründungstreffen des Weltskiverbandes. Missfallen an der Wahl für die Tschechoslowakei als Austragungsort der Meisterschaften äußerte damals das Deutsche Reich. An der Entscheidung für das Nachbarland konnte das aber nichts ändern. Mit dem Entschluss für die Tschechoslowakei stand dann zwar das Land fest, nicht aber der konkrete Ort. Stejskalová sagt:
„Harrachov fanden zwar alle super. Man wusste aber, dass sehr viele Menschen anreisen würden, und darauf war die Stadt nicht vorbereitet. In Janské Lázně hingegen war gerade erst die Rübezahl-Sprungschanze eingeweiht worden. Sie stand direkt gegenüber der evangelischen Kirche, mitten im Zentrum der Stadt. Zudem gab es zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten, ein Kurbad, die ehrwürdige Atmosphäre mit den Kolonaden. Und so bekam dieser Riesengebirgsort den Zuschlag.“
Bei der Austragung im Jahr 1925 wurde der Wettkampf auf Deutsch als „1. Konkurrenz um die Meisterschaft von Mitteleuropa im Skilaufe“ bezeichnet. Der Weltverband FIS sprach zudem von den „Rendezvous races“.
„Als ‚Weltmeisterschaft‘ wurde das Ganze erst nach zwölf Jahren anerkannt. Und die offiziellen Medaillen für einen der ersten drei WM-Plätze erhielten die Wettkämpfer sogar erst 40 Jahre später.“
Tauwetter sorgte für Probleme
An den Weltmeisterschaften, die damals noch keine waren, nahmen 240 Sportler aus 13 Ländern teil. Das Interesse der Öffentlichkeit an dem Championat sei groß gewesen, sagt Stejskalová:
„Die Sportöffentlichkeit in Prag kannte solche Ereignisse sonst nur aus den Wochenschauen in den Kinos. Kaum jemand hatte solch ein Kräftemessen schon einmal mit den eigenen Augen gesehen. Als feststand, dass die Meisterschaft in Janské Lázně ausgetragen wird, wurden deshalb Sonderzüge eingesetzt. Sie fuhren von Prag direkt bis nach Svoboda nad Úpou. Von dort konnten die Zuschauer die zwei Kilometer bis nach Janské Lázně mit Bussen zurücklegen. Am größten war das Interesse am Skispringen, denn das war damals wirklich eine Sensation. Auf Fotos ist zu sehen, wie Menschentrauben an der Schanze vor der evangelischen Kirche stehen. An den Häusern wurden eigens kleine Tribünen gebaut. Den Berichten zufolge schauten sich 10.000 bis 12.000 Menschen den Springwettbewerb an.“
Neben dem Skispringen wurden noch Wettkämpfe im Skilanglauf über 18 und über 50 Kilometer ausgetragen, zudem die Nordische Kombination. Wenige Tage vor der Meisterschaft kam es aber zu einem Problem:
„Im Winter 1925 gab es nur sehr wenig Schnee. Überall mussten Wettkämpfe abgesagt werden, auch in den Alpen. Eine Woche vor der WM in Janské Lázně gab es dann zudem noch Tauwetter. Viele Sportler sagten ihre Teilnahme deswegen ab. Zwei Tage vor dem Beginn musste die 50-Kilometer-Strecke neu trassiert werden, da bei Jilemnice nicht genug Schnee lag. Es wurden auch Soldaten einberufen, die Schnee aus den Wäldern zur Strecke brachten, damit die Wettkämpfe stattfinden konnten. Ich denke, das illustriert gut, wie enthusiastisch und ambitioniert die noch junge Tschechoslowakei damals war. Man wollte um jeden Preis eine Blamage vermeiden.“
Und das gelang, denn am Ende konnten alle Wettkämpfe wie geplant ausgetragen werden. In der Königsdisziplin, der Nordischen Kombination aus 18-Kilometer-Langlauf und Skispringen, kam der Tscheche Otakar Německý aus Mähren auf den ersten Platz. Der Sudetendeutsche Franz Donth holte Gold im 50-Kilometer-Lauf und Silber über 18 Kilometer, für den Deutschböhmen Wilhelm Dick gab es Gold im Skispringen. Generell hätten die sudetendeutschen Sportler zu den besten gehört, sagt Stejskalová:
„Es kamen etwa Skisportler aus Pec pod Sněžkou, Janské Lázně und Svoboda nad Úpou. Die Teilnehmer reisten aber auch aus dem Erzgebirge an. All diese Wettkämpfer waren zwar deutschsprachig, sie traten aber unter tschechoslowakischer Flagge an.“
Allerdings waren die Sudetendeutschen anders organisiert, nämlich im eigenen Hauptverband deutscher Wintersportler (HDW).
Eingestürzte Sprungschanze, vergessene WM
Die Meisterschaft in Johannisbad wurde von vielen Seiten als Erfolg bewertet und trug ihren Teil dazu bei, dass der kleine Riesengebirgsort immer mehr zum Ziel von Wintersportfreunden aus ganz Europa wurde. Verstärkt wurde diese Entwicklung noch durch einen weiteren Aspekt:
„1928 wurde in Janské Lázně die erste Seilbahn in Mitteleuropa eingeweiht. Sie führte direkt vom Marktplatz dreieinhalb Kilometer auf den Berg Černá Hora hinauf. Für die damalige Zeit handelte es sich um ein Meisterwerk der Technik, und deswegen kamen noch mehr Leute in den Ort.“
Heute ist das Skigebiet rund um den Berg Černá hora eines der beliebtesten in Tschechien. Es gibt hier über 15 Pistenkilometer, eine Kabinenseilbahn sowie etliche Lifte. Nur die Sprungschanze von einst suchen die Skifahrer mittlerweile vergeblich:
„Die Schanze wurde 1924 gebaut, also nur ein Jahr vor der WM. Das Besondere war, dass sie mitten in der Stadt stand, gegenüber der Kirche. Es gibt großartige Fotos, die zeigen, wie die Skispringer in Richtung Kirchturm fliegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden zwar Anfang der 1960er Jahre noch Wettkämpfe auf der Schanze statt. Später kümmerte sich aber niemand mehr um die Anlage. Sie wurde baufällig und stürzte schließlich ein.“
Dass sich an der Stelle überhaupt einmal eine Sprungschanze befunden habe, wisse heute so manch ein Einwohner gar nicht mehr, schildert Stejskalová. Und auch die Weltmeisterschaft geriet in Vergessenheit.
Um aber das Bewusstsein für dieses historische Sportereignis wieder in Erinnerung zu rufen, gründete sich vor zwölf Jahren der Verein „Rendezvous Ski Races“. Der Name knüpft an die damalige Bezeichnung für die Wettkämpfe an.
„Zwei Freunde kamen damals mit der Information, dass es hier einmal eine Meisterschaft gegeben habe, über die aber niemand etwas wisse. Wir waren alle begeistert. Seitdem haben wir jedes Jahr Rennen zum Spaß veranstaltet – für Teilnehmer mit historischen Holzski oder auch Telemarkski. Wir haben uns immer gesagt, dass das nur die Vorbereitung ist für eine wirklich große Aktion im Jahr 2025.“
Und dann stand das Jubiläumsjahr auf einmal unmittelbar vor der Tür. Auch dank der Unterstützung zahlreicher Partner hat Stejskalovás Verein nun tatsächlich in Janské Lázně ein Programm auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann. Eröffnet wurden die Feierlichkeiten bereits am Freitag mit einem Ball im Stil der 1920er Jahre. Am Samstag gibt es ein Treffen erfolgreicher Wintersportler und einen Vortrag über den sudetendeutschen Allround- und auch Wintersportler Emmerich Rath. Darüber hinaus werden Film- und Theateraufführungen geboten, es gibt Konzerte sowie eine Ausstellung über die Geschichte der ersten Nordischen Skiweltmeisterschaften.
18-Kilometer-Rennen auf Originalstrecke von 1925
Das eigentliche Highlight ist aber für den 8. Februar geplant. Dann nämlich wird ein 18-Kilometer-Rennen ausgetragen – auf der Originalstrecke von 1925. Antreten werden die Hobbysportler dabei in zwei Kategorien: mit modernen Tourenski, aber auch mit historischen Holzbrettern. Klára Stejskalová sagt:
„Es ist unglaublich, aber es haben sich tatsächlich schon 80 Teilnehmer mit historischen Holzski registriert. Als wir das Rennen ausgerufen haben, meinten hingegen viele, dass das doch keiner schaffen würde – 18 Kilometer auf diese Weise langzulaufen, da das sei viel zu viel. Die Menschen in Tschechien verwenden nämlich gern alte Holzski, allerdings nur für den Abfahrtslauf. Unsere Aktion hingegen wird eine der wenigen sein, bei denen die Bretter wirklich zum Langlaufen dienen werden.“
Die längere Strecke von 50 Kilometern wird allerdings nicht noch einmal abgelaufen. Denn dies würde mit historischen Ski heutzutage wohl kaum noch jemand schaffen, meint Klára Stejskalová.
Eine weitere Nordische Ski-WM hat es nach dem Auftakt von vor 100 Jahren übrigens nur noch einmal in Tschechien gegeben: 2009 in Liberec.
Alle Informationen zu den Nordischen Skiweltmeisterschaften vor 100 Jahren und dem Programm anlässlich des Jubiläums finden sich – auch auf Deutsch – online unter www.fis1925.com.











