Hohes Niveau, aber in Kultfilmen parodiert: die Schule in der Ersten Republik

Film „Die Schule als Grundlage des Lebens“

In Tschechien endet an diesem Wochenende das Schuljahr. Alle Kinder aus Grund- und Mittelschulen haben traditionell im Juli und August frei - im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern, wo die Ferienzeit nicht einheitlich festgelegt ist. Und da sich die Tschechen für die Nachfolger von Johann Amos Comenius halten, diesmal ein Blick in die Bildungsgeschichte. Es geht um das Schulwesen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, also in der Zwischenkriegszeit, das in Filmen gerne parodiert wurde.

Ehemaliges Gebäude des ersten Mädchengymnasiums der k.u.k. Monarchie in Pštrossova Str. (Foto: Google Street View)
Die Tschechoslowakei übernahm bei ihrer Gründung im Jahr 1918 das Schulsystem der k.u.k. Monarchie. Dieses System war bereits weit entwickelt, schließlich galt in Österreich-Ungarn seit 1774 die Schulpflicht – und zwar für alle Kinder vom sechsten bis zwölften Lebensjahr. Die Schulbildung befand sich daher in den Böhmischen Ländern auf einem hohen Niveau. So waren zum Beispiel laut den Angaben der Werbungskommissionen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr als 90 Prozent aller Rekruten schreib- und lesefähig. Das war damals in Europa nicht gerade üblich.

Die Tschechen nahmen die Bildung auch als Teil ihrer kulturellen und nationalen Emanzipation wahr. Das bezog sich genauso auf Mädchen: 1890 wurde in Prag das erste Mädchengymnasium der k.u.k. Monarchie gegründet und damit auch drei Jahre früher als im Deutschen Kaiserreich. Es war eine private Erziehungsanstalt, deren Entstehung die Schriftstellerin Eliška Krásnohorská initiiert hatte. Die Absolventinnen konnten danach sogar an der damaligen Karls-Ferdinand-Universität in Prag studieren - und einige von ihnen nutzten das auch. Marie Baborová war die erste Frau, die dort promovierte – sie wurde 1901 zur Doktorin der Philosophie ernannt.

Magdalena Šustová (Foto: Martina Bílá)
Insgesamt hatte die neue Republik also keinen Grund, das Schulsystem der Monarchie grundsätzlich zu ändern. Nötig war jedoch, die Unterrichtsprachen zu erweitern, sagt Magdalena Šustová vom Tschechischen Pädagogischen Museum in Prag.

„Es gab mehrere Unterrichtssprachen in der Tschechoslowakei. Am Anfang bestand ein Mangel an tschechischen und slowakischen Schulen, sie mussten neu gegründet werden. Vor allem in den Sudetengebieten trug dies leider zu nationalen Spannungen bei. Dort, aber auch anderswo, gab es viele deutsche Schulen, in der Slowakei zudem ungarische und in Schlesien polnische. Das Schulsystem für die Minderheiten bot alle Stufen. Zum Beispiel waren fast 40 Prozent aller Grundschulen in den Böhmischen Ländern deutsch. Auch die Universität in Prag bestand aus einem tschechischen und einem deutschen Zweig. Dies hielt sich sogar bis 1945, als deutsche und ungarische Schulen im Rausch der Vergeltung geschlossen wurden. Weil die ungarische Minderheit letztlich nicht aus der Slowakei vertrieben wurde, konnten ihre Schulen wieder geöffnet werden. Nur die polnischen Schulen bestehen bis heute kontinuierlich. Die sprachliche Vielfalt war in der Zwischenkriegszeit wirklich außerordentlich groß, es wurde nicht nur auf Tschechisch unterrichtet.“

Film „Die Schule als Grundlage des Lebens“
Die Zwischenkriegsära sehen heutzutage manche Tschechen etwas durch die rosarote Brille - und somit auch das damalige Schulsystem. Dies ist vor allem auch ein Effekt der alten Filme, die das Leben von damals fast als ein Märchen schildern und bis heute regelmäßig von den tschechischen Fernsehsendern gezeigt werden. „Die Schule als Grundlage des Lebens“ und „Der Weg in die Tiefen der Gymnasiastenseele“ – das sind zwei Kultkomödien, die bis heute alle Zuschauer zum Lachen bringen, wie in Deutschland etwa „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann. Das Lehrpersonal ist in den beiden Filmen eine einzige Karikatur: zum Beispiel der Gymnasialdirektor mit der Gestalt eines Walrosses, der verwirrte Mathematiker oder der ultrastrenge Deutschlehrer. Dazu kommt eine Bande von Scherzbolden in den Schulbänken, die jeden Lehrer meisterhaft nachäffen können. Es gibt dort auch eine unvergessliche Szene, die den Deutschunterricht parodiert. Sie endet im Wutausbruch des Lehrers: „Pamphlete gegen die Lehrer schreiben, das können Sie! Aber Deutsch lernen, das nicht!“ Deutsch war damals ein Pflichtfach im Abitur, es wurde praktisch an allen Schulen unterrichtet. Geliebt wurde die Sprache zwar nicht, aber ihre Vermittlung wurde für nötig gehalten. Manche tschechische Schüler wohnten sogar in deutschen Internaten, um täglich Deutsch üben zu können.

Literarische Vorlage für den Film „Der Weg in die Tiefen der Gymnasiastenseele“
Doch zurück zu den erwähnten Filmen: Die literarische Vorlage für sie schuf der Gymnasialprofessor und Schriftsteller Jaroslav Žák, der heute fast vergessen ist. Er behauptete mit einer Hyperbel, seine Bücher seien als einzige objektiv, denn sie seien von einem Lehrer und Schüler in einem geschrieben worden. Der Nachname Žák bedeutet auf Deutsch nämlich Schüler. Jaroslav Žák war ein brillanter Humorist mit der Tendenz, sich über alles und jeden lustig zu machen. Seinen Beruf konnte er dabei nicht übergehen, besonders weil er so viele Anlässe dazu gab.

„Im Jahre 1937 brachte Žák das noch heute bekannte Buch ‚Schüler und Schulmeister’ heraus, kurz danach griffen bereits die Filmemacher danach. Sie drehten zunächst ‚Die Schule als Grundlage des Lebens’ – einen stark satirischen und manchmal sogar groben Film, der richtiges Aufsehen erregte. Das Bildungsministerium beabsichtigte sogar, ihn zu zensieren. Dazu kam es schließlich nicht, aber zum Beispiel in Brünn war der Film für Schüler verboten“, so Magdalena Šustová.

Film „Der Weg in die Tiefen der Gymnasiastenseele“
Ein Jahr später kam die freie Fortsetzung des Films unter dem Titel „Der Weg in die Gymnasiastenseele“ ins Kino. Jaroslav Žák arbeitete damals sogar selbst am Drehbuch mit. Und er musste sich seinen empörten Kollegen stellen, diese warfen ihm vor, er ziehe den Lehrerberuf ins Lächerliche. Der Zentralverband tschechoslowakischer Gymnasialprofessoren wollte 1939 sogar ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnen. Doch dazu kam es letztlich nicht - angesichts der gravierenden politischen Ereignisse mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag, dem Untergang der Tschechoslowakei und der Gründung des Protektorats Böhmen und Mähren. Die Aufmerksamkeit war auf ganz andere Dinge gerichtet, und der Film wurde eher als kleine Aufheiterung wahrgenommen inmitten der depressiven Stimmung von damals. Jaroslav Žák blieb als Lehrer tätig, sagt Šustová vom Pädagogischen Museum in Prag:

Jaroslav Žák
„Jaroslav Žák hatte seine Laufbahn als Lehrer 1932 am Gymnasium in Liptovský Mikuláš in der Slowakei begonnen. In der Zwischenkriegszeit wurden viele tschechische Lehrer in die Slowakei geschickt, um dort den Mangel an slowakischen Pädagogen zu beheben. Vier Jahre später wurde Žák nach Jaroměř verlegt, wo er bis 1945 blieb. Er unterrichtete Latein und Französisch. Mit Ende des Krieges kehrte Žák der Schule den Rücken zu und war als freier Journalist und Schriftsteller tätig. Nachdem 1948 die Kommunisten an die Macht kamen, wurde ihm jedoch verboten zu publizieren. Erst zehn Jahre später konnte er drei Bücher veröffentlichen, darunter auch Erinnerungen an seine Sportkarriere als Leichtathlet. Heute weiß niemand mehr, dass Žák einst tschechoslowakischer Rekordhalter über 400 und 800 war.“

Schule heute (Foto: Lucie Maxová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Das Schulsystem der kommunistischen Tschechoslowakei hatte mit dem der Zwischenkriegszeit nicht mehr viel zu tun. Alles wurde nach sowjetischem Vorbild organisiert und der herrschenden Ideologie untergeordnet. In den fünfziger Jahren entstanden sogar so genannte „Abendschulen für Arbeiter“. Ihr Niveau war bedenklich niedrig, und das wurde auch zum Thema eines populären Films - der jedoch erst 1976 entstehen konnte.

Nach der Wende von 1989 kehrte wieder die Pluralität ins tschechische Schulsystem zurück: Heute kann man nicht nur staatliche, sondern auch private, kirchliche oder alternative Schulen wählen. Nur einige wenige Dinge haben alle Regime überlebt: der Unterrichtsbeginn um 8 Uhr morgens, die Notengebung von 1 bis 5, wobei 1 die beste Note ist, sowie die Sommerferien im Juli und August. Die traditionelle Ferienzeit trifft im Übrigen auf solch breite Akzeptanz, dass niemand wagt, etwas anderes vorzuschlagen.