„Ich freue mich, wieder in Europa zu sein“ – das Goethe-Institut Prag hat eine neue Leiterin

Gebäude des Goethe-Instituts Prag

Mitten in den jetzigen Corona-Zeiten hat das Goethe-Institut in Prag eine neue Leiterin bekommen: Sonja Griegoschewski, die vorher in Sydney war. Seit über 30 Jahren engagiert sie sich bereits in der Kultur-Diplomatie, weitere Stationen waren bei den Goethe-Instituten in Kroatien, Südafrika, Kanada und Belgien. Im Interview für Radio Prag International vergleicht sie ihre Arbeit in Australien mit der neuen in Mitteleuropa und schildert ihre ersten Eindrücke von ihrem neuen Standort.

Sonja Griegoschewski | Foto: Pavlína Jáchimová,  Goethe-Institut

Frau Griegoschewski, Sie haben vor ein paar Wochen die Leitung des Goethe-Instituts in Prag übernommen. Zuvor waren Sie in Sydney in Australien. Ist es nicht ein große Umgewöhnung, vom anderen Ende der Welt nach Europa zurückzukehren?

„Auf der einen Seite natürlich schon, aber auf der anderen Seite ist man an so etwas beim Goethe-Institut gewöhnt. Ich war ja vorher in Europa und bin erst danach nach Australien gegangen. Ich kannte Prag schon. Das ist auch das Schöne an meinem Beruf, dass man diesen Blick, diese Breite hat. Und ich freue mich, wieder in Europa zu sein.“

Gibt es etwas, das Sie auf jeden Fall an Australien vermissen werden?

„Ja, die unglaubliche Weite und Größe dieses Landes. Dass man stundenlang fahren kann, keinen Menschen trifft und nur irgendwelche Kängurus herumhüpfen. In Europa merkt man, dass alles eng ist, wie viele Menschen es gibt. Diese unglaubliche Weite und die wahnsinnige Natur ist sehr schön an Australien.“

Goethe-Institut in Sydney | Foto:  Goethe-Institut

Wenn Sie das Goethe-Institut in Australien und in Tschechien vergleichen, welche wichtigen Unterschiede bestehen da – beispielsweise im Programm?

„In Australien gibt es zwei Goethe-Institute – in Melbourne und in Sydney –, und ich war für beide zuständig. Man merkt, wie weit man weg ist. Die Leute sind viel stärker daran interessiert, Kontakte nach Europa zu bekommen. Von Prag aus kann man ja recht einfach nach Deutschland fahren, oder man hat dort auch schon ein Museum, ein Theater oder ein Konzert besucht. Der Austausch zwischen den beiden Ländern ist deutlich intensiver. In Australien ist es immer etwas Besonderes, wenn mal ein deutsches Theater oder ein deutscher Musiker dort hinkommt.“

Welche Pläne haben Sie denn für das Goethe-Institut in Prag?

Goethe-Institut Prag um 1990 | Foto:  Goethe-Institut

„Das ist jetzt schwer zu sagen. Ich habe offiziell am 1. November begonnen. Uns allen hier liegt sicher am Herzen, in dieser Corona-Zeit die Menschen wieder ins Institut zu bekommen, sie wieder zusammenzubringen. Dazu gehören auch der Austausch zwischen den Kunstszenen beider Länder sowie die Sprachschüler und Sprachschülerinnen hier am Institut, die alle darauf warten, dass sie wieder in den Präsenzunterricht gehen können. Das wird ein großes Anliegen sein. Ich war so froh, als ich hier ankam, dass kein Lockdown oder Ähnliches kam und ich die Menschen treffen konnte. Und dass das deutsche Filmfest stattfinden konnte, was toll war, denn in Australien ist es wegen des Lockdowns ausgefallen. Außerdem beginnt nun das deutschsprachige Theaterfest. Über diese Dinge freuen sich meine Kolleginnen und Kollegen.“

Sie sind insgesamt für sieben Länder Mittel- und Osteuropas zuständig. Welche Herausforderung bedeutet dies? Und ist das normal, dass die Leiterin oder der Leiter des Goethe-Instituts in Prag diese Funktion übernimmt?

Prag | Foto: Jan Vašek,  JESHOOTS.com,  Pexels,  CC0 1.0 DEED

„Ja, das ist seit vielen Jahren so. Wir haben weltweit zwölf dieser sogenannten Regionaldirektorinnen oder Regionaldirektoren, die für mehrere Länder zuständig sind. Für Mittel- und Osteuropa lag die Verantwortung traditionell in Prag. Manchmal hat sich jedoch verändert, welche Länder dazugehörten und welche nicht. Aber ich finde, Prag ist eine gute Wahl, weil es so schön in der Mitte liegt. Man hat einerseits die Nähe zu Deutschland, aber auch zu den anderen Ländern.“

Haben die Corona-Pandemie und der Lockdown auch Folgen für die Goethe-Institute gehabt? Müssen Sie jetzt etwas sparen, und wie wirkt sich das hier in Prag aus?

Illustrationsfoto: Jens-Olaf Walter,  Flickr,  CC BY-NC 2.0

„Das bedeutet nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich viel zu sparen. Wir sind ein Netzwerk von fast 160 Instituten. Und da sieht es in den Ländern sehr unterschiedlich aus. In der Region, in der ich vorher war, zu der neben Australien auch Südostasien gehört, sind manche Länder seit fast zwei Jahren im Lockdown. Das trifft zum Beispiel auf Indonesien zu, wo es ganz schlimm aussieht mit Corona. Da sind wir hier in Tschechien vergleichsweise gut weggekommen. Zwar wurden auch hier strenge Regeln eingeführt, aber man konnte doch einigermaßen weiterarbeiten. Prag war zudem sehr gut aufgestellt mit den Online-Sprachkursen. Dadurch blieben viele Leute bei der Stange. Schwierig war es natürlich fürs Kultur-Programm und vieles Weitere. Aber, wie gesagt, das Filmfest hätte auch ausfallen können, und damit hätten wir Einnahmen verloren. Obwohl die Zahlen leider schon wieder steigen, hoffen wir, dass doch wieder mehr möglich sein wird.“

Für Sie schließt sich mit der Leitungsfunktion in Prag in gewisser Weise ein Kreis – weil Sie nämlich vor 30 Jahren aus Zagreb schon einmal im Rahmen ihrer Tätigkeit beim Goethe-Institut hierher nach Prag gefahren waren?

Goethe-Institut Kroatien | Foto: SpeedyGonsales,  Wikimedia Commons,  CC BY 3.0

„Damals habe ich in Kroatien beziehungsweise im ehemaligen Jugoslawien angefangen, für das Goethe-Institut zu arbeiten. Es waren Kriegszeiten. Bei meiner ersten Dienstreise fuhr ich zum ersten Regionaltreffen nach Prag. Schon damals gab es dieses besondere Haus, in dem wir noch heute sind. Ich erinnere mich zudem, dass wir alle gemeinsam eine tolle Schifffahrt auf der Moldau unternommen haben. Und ich fand es schon damals wunderschön, in Prag zu sein. Deswegen freue ich mich jetzt, wieder hierher zurückzukommen.“

Wie sehr haben Sie Tschechien und Prag ansonsten schon vorher gekannt?

Sydney | Foto: Simon,  Pixabay,  CC0 1.0 DEED

„Leider nicht so sehr. Ich war hier zwischendurch ein paar Mal privat, da ich aus Berlin komme und dies nicht so weit weg ist. Weil ich aber fürs Goethe-Institut so viel im sehr weit entfernten Ausland war, bin ich nicht unbedingt nach Europa zurückgereist. Deswegen ist es für mich jetzt sehr spannend. Ich lerne ganz viel und treffe jede Menge Leute. Auch schon in Australien habe ich Tschechen kennengelernt. Es gab dort eine ganz tolle tschechische Generalkonsulin, die in Sydney gelebt hat. Sie wurde jetzt gerade wieder nach Prag versetzt. Das ist schön. Wir haben gesagt, wir werden einen Australien-Kreis gründen. Ansonsten lerne und entdecke ich ganz viel.“

Sie haben in einem Interview für die deutschsprachigen Sendungen des australischen Radiosenders SBS unter anderem gesagt, dass Sie sich auf das Radfahren in Prag freuen würden. Haben Sie in diesem Punkt hier nicht vielleicht aber eine Enttäuschung erlebt?

Angelika Ridder und Sonja Griegoschewski | Foto: Luisa Rath,  Goethe-Institut

„Ich glaube, da ging es eher grundsätzlich um Europa. Ich habe mir das in Bezug auf Prag aber auch fast gedacht. Denn von meinen Besuchen waren mir noch die Pflastersteine und die Straßenbahnschienen bewusst. Also nein, das wird sicher nicht das Erste sein, was ich hier versuchen werde.“

Seit gut fünf Wochen sind Sie bereits fest in Prag. Ist das richtig?

„Ja, wir hatten eine Situation, die eigentlich nie beim Goethe-Institut vorkommt: dass meine Vorgängerin Angelika Ridder noch vier Wochen da war und an mich übergeben konnte. Normalerweise kommt man an, erhält einen schriftlichen Bericht und muss sich dann zurechtfinden. Dass wir beide alles gemeinsam durchgehen konnten, war toll. Sie hat mich zu vielen Terminen mitgenommen, mir Leute vorgestellt. Es war ein idealer Start.“

Autor: Till Janzer
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