"Ich hatte einen Fremdenpass" - Korrespondent Johnny Krčmář, Teil II

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Johnny Krčmář haben wir Ihnen in dieser Sendereihe bereits vorgestellt. Er wurde 1933 in Köln am Rhein als Sohn eines tschechischen Diplomaten geboren und wuchs in London auf. 1947 zog er mit seiner Familie nach Prag. Im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten in seiner Heimat die Macht. Abertausende Menschen wurden danach Opfer von Unrecht, Gewalt und Diskriminierung. Einer jener, die den Kommunisten nicht in den Kram passten, war auch Johnny Krčmář. Für mehrere Jahre wurde er an die Werkbank verbannt, bevor er, zunächst als Übersetzer, bei der tschechoslowakischen Presseagentur ČTK unterkam. Seine demokratische Gesinnung wahrte er auch später als Berichterstatter von Reuters. Doch dies drängte ihn praktisch in die Emigration nach Wien. Wir senden nun eine lockere Fortsetzung des Interviews mit Johnny Krčmář: Es geht diesmal um die Siebziger- und Achtzigerjahre.

Herr Krmář, für die Siebzigerjahre bürgerte sich in der ehemaligen Tschechoslowakei der Begriff „Zeit der Normalisierung“ ein. Was verstehen Sie persönlich darunter?

„Die Normalisierung bedeutete, dass die Zustände von vor 1968 wiederhergestellt wurden, zum Beispiel die Gleichschaltung der Presse oder die Einschränkung der Reisefreiheit. Nur waren die Repressionen nicht ganz so krass wie in den Fünfzigerjahren. Das Rad wurde also zurückgedreht zu Zuständen, wie sie in den Fünfzigerjahren geherrscht hatten, nur nicht unter einem solchen Riesenterror. Es gab auch in den Siebzigerjahren Terror, doch er war schwächer. Und es herrschte eine Art stilles Abkommen zwischen der Regierung oder den Regierenden und den Regierten. Diese Übereinkunft lautete etwa so: ´Also gut, wir regieren, lasst uns das tun. Dafür könnt ihr eure Geschäftchen treiben, auch wenn die nicht ganz legal sind, wir können damit leben.´ Diese Art Gentleman’s Agreement hat ganz gut funktioniert, solange die Wirtschaft gut lief. Als die Tschechoslowakei wirtschaftlich immer mehr zurückfiel, wurde gewissermaßen die Übereinkunft seitens der Regierung nicht mehr eingehalten, und es kam zu Unmut in der Bevölkerung.“

1977 wurde die Charta 77 verfasst. Sie forderte die Einhaltung der Grund- und Menschenrechte, wie das auf der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki beschlossen worden war. Danach kam es zu einer Hetzkampagne gegen die Unterzeichner der Charta 77. Wie haben sich diese Ereignisse auf die Arbeit der Nachrichtenagentur Reuters ausgewirkt?

„Für Reuters wurde es schwieriger, an Informationen heranzukommen. Doch die Quellen unserer Informationen aus den Reihen der Dissidenten blieben im Grunde bestehen. Die Charta 77 stellte aber die Behörden vor ein Problem. Denn die Dokumente der Charta 77 waren offizielle Dokumente. Sie waren von den Unterzeichnern an die Regierung, die tschechoslowakische Presseagentur ČTK, den Rundfunk und das Fernsehen geschickt worden. Also wurden sie wie öffentliche Dokumente behandelt, wenngleich sie natürlich nie wirklich veröffentlicht wurden. Aber für die Behörden war die Lage verzwickt: Da sich die Charta 77 zum Beispiel auch an die Botschaften wandte, hatten sie es schwer, unsere Wege der Informationsbeschaffung zu kriminalisieren.“

Dennoch wurde das Prager Büro von Reuters später geschlossen. Sie verloren bei der Schließung Ihre Stelle. Wie ging es nun weiter?

„Allmählich wurde, sagen wir, die Schraube fester angezogen, und es wurde immer schwieriger, zu Informationen zu kommen. Auch waren Prag und die Tschechoslowakei für die Nachrichtenagenturen nicht mehr so interessant. Die Agenturen reduzierten daher ihre Büros weitgehend auf die Ortskräfte, ausländische Korrespondenten kamen nur noch gelegentlich nach Prag. Den Behörden passte das nicht, denn das Land verlor dadurch an Prestige. Aber dann gingen die Behinderungen so weit, dass wir Ortskräfte auf einmal nicht mehr zu Pressekonferenzen und offiziellen Veranstaltungen eingeladen wurden. Es hieß, wir wären eigentlich bloß Übersetzer und keine Berichterstatter. Dadurch hat es sich für viele Agenturen, unter anderem auch für Reuters, nicht mehr gelohnt, das Büro zu unterhalten. Reuters entschloss sich damals, das Prager Büro aufzulösen. Im Zuge der Schließung wurde mir angeboten, als Journalist ins Wiener Büro von Reuters zu wechseln.“

Und wie ging dieser Wechsel von Prag nach Wien dann vor sich?

„Ich ersuchte um eine Ausreisebewilligung zu Arbeitszwecken, bekam jedoch keine Antwort. Daher schrieb ich dann direkt an den Innenminister, dass ich in Österreich arbeiten möchte. Ich wurde danach in die Passbehörde bestellt. Dort teilte man mir mit, dass der Herr Minister meinen Antrag abgelehnt habe. Doch mache er mir das Angebot, unter Verlust der Staatsbürgerschaft auszureisen. Und sollte ich einen solchen Antrag stellen, würde dieser auch positiv erledigt, hieß es. Im Übrigen empfehle mir der Herr Minister, dieses Angebot anzunehmen. So ein Angebot kann man natürlich nicht ausschlagen. Ich willigte also ein. Und dann folgte ein bürokratischer Hürdenlauf, der fast ein Jahr lang dauerte. Ich musste viele Bestätigungen vorlegen, zum Beispiel dass ich die Miete und den Strom bezahlt hatte, dass ich den Militärdienst ordnungsgemäß abgeleistet hatte und so weiter und so fort. Wir mussten auch eine Liste aller Sachen anfertigen, die wir mitnehmen wollten. Bücher mussten einzeln aufgelistet werden. Und es genügte nicht, beispielsweise anzuführen: Ich nehme, was weiß ich, zwölf Taschentücher mit. Sondern wir mussten aufschreiben: ein weißes Taschentuch, ein blaues Taschentuch und so fort. Die Liste umfasste etwa 50 Seiten. Nur als kleine Anekdote hierzu: Als ich dann nach Wien fuhr, bemerkte ein österreichischer Zöllner: ‚Na sehen Sie, so sollten Zollerklärungen aussehen.’“

Das ist schon fast ein wenig zynisch. Sie waren also nun endlich an der Grenze. Dort kam es aber noch zu einem Zwischenfall …

„Ich musste die Tschechoslowakei vor meiner Frau verlassen. Als sie nachkam, wartete ich an der Grenze auf sie. Das war ein Grenzübergang, von dem man von der einen Seite auf die andere hinüberschauen konnte. Ich habe also gesehen, wie meine Frau und die Kinder ankamen. Dann musste meine Frau auf einmal den ganzen Wagen ausladen. Sie hatte unsere drei kleinen Kinder dabei! Mein kleiner Sohn war damals zweieinhalb Jahre alt. Und als er mich erblickte, wollte er zu mir herlaufen. Das löste auf der tschechischen Seite eine Riesenpanik aus. Sie haben geschrien: ‚Er darf das nicht, er darf das nicht.’ Und sie haben ihn daran gehindert, bis zum Grenzbalken vorzulaufen.“

Sonst hätten sie wohl schießen müssen …

„Entweder das, oder vielleicht war das Gelände vermint. Man weiß nicht, was sich dort alles befand. Dann durchsuchten die Grenzpolizisten den Wagen meiner Frau und nahmen ihr die Nummernschilder ab. Meine Frau fuhr also ohne Nummernschild nach Österreich. Die österreichischen Zöllner verhielten sich damals wirklich wunderbar. Sie schafften in ihrer Garage Platz, so dass wir den Wagen dort abstellen konnten. Einer der Zöllner brachte uns in ein Hotel und half uns, für unseren Wagen ein österreichisches Nummernschild zu besorgen. Am nächsten Tag konnten wir dann ins Landesinnere Österreichs weiterfahren.“

Welchen rechtlichen Status hatten Sie in Österreich?

„Zuerst hatten wir alle einen so genannten ‚Fremdenpass’. Dieser Pass räumte uns annähernd die gleichen Rechte ein wie Österreichern. Nur bestanden für uns Reisebeschränkungen. Um nach Deutschland einzureisen, brauchten wir zum Beispiel ein Visum. Aber ich konnte mit diesem Pass zum Beispiel in einige Ostblockländer fahren. In die Tschechoslowakei allerdings nicht. Dort war ich eine Persona non grata.“

In welchem Jahr sind Sie nach Österreich ausgewandert?

„Das war im Jahr 1981.“

Sie arbeiteten dort im Wiener Büro von Reuters. Und dann kam das Wendejahr 1989. Sie verfolgten die politischen Prozesse, die damals in Osteuropa abliefen, schon aus professionellem Interesse ganz genau mit. Wie haben Sie die damaligen Ereignisse persönlich empfunden und erlebt?

„Ich konnte glücklicherweise als Berichterstatter in alle Staaten reisen, in denen es zur Wende und zum Fall der kommunistischen Herrschaft kam: nach Polen und Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Sogar in die Tschechoslowakei und nach Ostberlin konnte ich schließlich reisen. Die Wende war für mich persönlich eine innere Befriedigung. Denn ich hatte hinter dem Eisernen Vorhang leben müssen. Und nun konnte ich diese schreckliche, abstruse Institution des Eisernen Vorhangs fallen sehen.“