Im Zeichen der Menschenrechte: Brünner „Dialog in der Mitte Europas“

Albert-Peter Rethmann

Am Wochenende hat in Brno / Brünn wieder das deutsch-tschechische Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ stattgefunden. An der 34. Auflage der Konferenz nahmen über 160 Menschen aus Tschechien, Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn teil. Veranstaltet wurde das Symposium zum Thema Menschenrechte von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Gesellschaft. Albert-Peter Rethmann ist Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde. Martina Schneibergová hat mit ihm nach der Konferenz gesprochen.

Herr Rethmann, das Motto des Symposiums lautete diesmal „Menschenrechte in einer unmenschlichen Welt“.  Bei den Diskussionsrunden war deutlich, dass es ein Thema ist, das die Leute wirklich stark interessiert, denn es gab sogar Streitigkeiten und sehr spannende Polemiken. Wie fanden Sie diesen Dialog?

Foto: Ackermann-Gemeinde

„Die Lebendigkeit vom Brünner Symposium hat sich auch in diesem Jahr wieder gezeigt. Ich bin froh, dass wir mit den Menschenrechten ein Thema gefunden haben, bei dem es eben nicht allein um Theorie geht. Uns ist auch sehr klar, dass es bei der Verletzung von Menschenrechten um die Verletzung von Menschen geht. Und deswegen sind die Diskussionen in diesen Tagen so engagiert gewesen. Wenn die Menschenrechte in konkreten Kontexten diskutiert wurden, geht es auch immer darum, diese Kontexte und diese Menschen in den Blick zu nehmen. Das ist absolut wesentlich, und das zeichnet auch das Brünner Symposium aus. Wir wollen uns nicht immer nur in unseren eigenen Bubbles bewegen. Sondern wir wollen gerade, dass Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven diese auf den Tisch legen und darüber miteinander ins Gespräch kommen.“

Es wurde hier unter anderem darauf hingewiesen, dass Europa manchmal ein bisschen naiv sei, was die Haltung zu den Menschenrechten sowie vor allem die Haltung zu denjenigen betrifft, die sie verletzen. Inwieweit werden die Menschenrechte beispielsweise durch die Verbreitung von Lügen im öffentlichen Raum gefährdet?

Foto: Ackermann-Gemeinde

„In Europa zeigt sich ganz deutlich, dass es eine Naivität gegenüber den Menschenrechten nicht mehr geben darf. Und dass Menschenrechte auch kein Thema der dritten Welt, sondern sie ein Thema unserer Länder sind – also von Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, von Europa, weil hier Menschenrechte bedroht sind. Das ist im letzten Panel noch einmal sehr deutlich geworden, weil hier zum Beispiel über die Verbreitung von Unwahrheiten und Lügen die gemeinsame Basis verloren zu gehen droht – die gemeinsame Basis, dass wir auf der Grundlage von Wahrheit und von dem, was richtig ist, das Zusammenleben gestalten. Wenn wir nur noch Interessen auf der Grundlage von Lügen verfolgen, dann sind die Rechte von Menschen und am Ende die Würde des Menschen zutiefst bedroht. Deswegen ist dieses Thema keines, das irgendwo stattfindet und mit dem wir naiv oder als akademisches Problem umgehen können. Sondern es ist ein Thema, das uns zutiefst bedroht. Es ist ein Thema, das ganz nah unter die Haut geht.“

Foto: Ackermann-Gemeinde

Es gibt keine Rezepte oder Anleitungen dafür – aber wie könnte man nach Ihrer Meinung gegen dieses Zerfallen des öffentlichen Raums kämpfen?

Präsentation der Beiträge der Gewinner der 15. Ausgabe des europäischen Essaywettbewerbs | Foto: Ackermann-Gemeinde

„Ich glaube, es braucht mehrere Ansätze. Ein Punkt ist, dass wir weiterkommen bei der Frage, wie wir die sozialen Medien so regulieren können, dass nicht ungestraft Lügen oder Lügen auf der Grundlage von Ideologien verbreitet werden. Das ist das eine – wie wir mit dem Internet und der Macht der Konzerne, die hinter den sozialen Medien stehen, umgehen. Und das andere ist etwas, was heute im Panel noch einmal sehr deutlich wurde. Im öffentlichen Raum ist es nötig, dass wir einander zuhören, dass Menschen mit ihren Situationen, also auch mit ihren prekären Situationen zur Sprache kommen und dass wir beginnen, wieder aufeinander zu hören. Nur derjenige, der seine Interessen und Bedürfnisse für sich wahrnimmt, kann auch wahrnehmen, dass andere Bedürfnisse haben, die berechtigt sind. Wir müssen einander wieder mehr zuhören und vor allem denen zuhören, deren Rechte und Lebensbedingungen bedroht sind.“

Foto: Ackermann-Gemeinde

Sie waren einer der Juroren beim internationalen Essaywettbewerb für Studierende, dessen Ergebnisse beim Symposium bekanntgegeben wurden. Ich habe auch mit den drei Studierenden gesprochen, die die besten Essays zum Thema Menschenrechte geschrieben haben. Was hat Sie besonders beeindruckt? Ich denke, diese sehr gut formulierten Gedanken stellen eine Hoffnung dar…

„Der Essaywettbewerb war für uns in diesem Jahr ein ganz besonderes Zeichen der Hoffnung, was die Menschenrechte angeht. Denn drei junge Menschen haben auf sehr hohem Reflexionsniveau, aber gerade auch auf der Grundlage eigener Erfahrungen etwas zu Menschenrechten und zu ihrer Universalität geschrieben und hier vorgetragen. Es wurde deutlich, dass das Thema der Menschenrechte nicht ein Thema alter Menschen ist. Sondern es ist ein Thema für Menschen, die eine Zukunft in Europa und in der Welt haben wollen – für sich und für ihre Generation.“

Die Gespräche mit den Studierenden aus Deutschland und aus Tschechien, die für ihre Essays mit Preisen geehrt wurden, bringen wir in einer der nächsten Ausgaben unserer Reihe „Schauplatz“.

Von links: Oliver Herbst,  Albert-Peter Rethmann,  Lina Bouhrass,  Martin Kastler,  Pablo Defour,  Václav Pavlů,  Matěj Spurný | Foto: Ackermann-Gemeinde