Menschenrechte sind kein Mythos – Der Europäische Essaywettbewerb und seine diesjährigen Sieger
Zum 15. Mal haben die Ackermann-Gemeinde und die Prager Bernard-Bolzano-Gesellschaft ihren Europäischen Essaywettbewerb für Studierende veranstaltet. Die besten Essays wurden am letzten Märzwochenende beim Symposium „Dialog in der Mitte Europa“ vorgestellt.
Die Präsentation der Siegerarbeiten des Europäischen Essaywettbewerbs ist in den letzten Jahren zum festen Bestandteil des Symposiums „Dialog in der Mitte Europas“ geworden. Dieses fand vor einer Woche in Brno statt. Die Veranstalter von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Gesellschaft luden die Sieger des Wettbewerbs in die südmährische Stadt ein. Das Thema der Essays war die folgende Frage: „Universelle Menschenrechte – ein herrlicher Mythos aus einer vergangenen Welt?“ Die Namen der Verfasser der drei ausgezeichneten Beiträge wurden feierlich bekanntgegeben.
„Den ersten Platz hat Pablo Dufour erlangt, herzlichen Glückwunsch.“
Dies sagte Oliver Herbst. Der Journalist moderierte die Preisverleihung und war auch Mitglied der Jury. Der Sieger wurde aufgefordert, seinen Essay vorzulesen. Hier ein kleiner Ausschnitt:
„Wenn ich in Brünn vor dem Denkmal für die Brünner Opfer des Holocausts stehe, das an Gewalt erinnert, die heute kaum noch jemand persönlich erlebt hat, frage ich mich, was ehrlicher ist: die offene Anerkennung von Macht und Interessen oder der hartnäckige Verweis auf Werte, die immer wieder gebrochen werden. In meiner Generation klingt das Wort ,Menschenrechte‘ oft wie eine leere Formel aus politischen Sonntagsreden. Und doch wäre ohne genau diese Formel das Europa, in dem ich heute frei studieren, reisen und diskutieren kaum, vorstellbar. Vielleicht liegt der Fehler nicht darin, dass wir an Menschenrechte geglaubt haben, sondern darin, zu glauben, wir könnten auf sie verzichten.“
Der 24-jährige Pablo Dufour mit einem Ausschnitt aus seinem Essay, der mit dem ersten Preis bedacht wurde. Nach der Preisverleihung entstand das folgende Gespräch mit dem Sieger.
Herr Dufour, wie haben Sie von diesem Wettbewerb erfahren?
„Ich habe zum ersten Mal von der Ackermann-Gemeinde gehört, als ich konfirmiert wurde. Die Ausschreibung habe ich dann online gesehen und dachte mir, dass ich dazu beitragen möchte und den Essay schreibe.“
Was studieren Sie?
„Politikwissenschaft im Master an der Freien Universität in Berlin.“
Sie haben Ihre Arbeit mit dem Hinweis auf das Holocaust-Denkmal in Brünn begonnen. Hat das einen besonderen Grund?
„Ich war vor Jahren in Brünn und habe mir dieses Denkmal angeschaut. Es hat etwas in mir ausgelöst. Als ich diese Ausschreibung online gesehen habe, dachte ich, dass es sehr gut passen würde, damit anzufangen und damit den Essay auch zu beenden.“
Inwieweit spielen die Menschenrechte heutzutage eine Rolle, wenn man sieht, dass jeden Tag Zivilpersonen ein paar hundert Kilometer von unserer Grenze durch Bomben getötet werden, und es scheint, dass sich kaum jemand um ihre Menschenrechte sorgt?
„In meinem Essay habe ich geschrieben, dass die Funktion der Menschenrechte nicht dazu da ist zu funktionieren, sondern zu widersprechen – dass man eine normative Grammatik dessen hat, was als Unrecht gilt. Das heißt nicht, dass irgendwie ein Konflikt gelöst werden kann durch die Menschenrechte, sondern eben, dass das Unrecht artikulierbar gemacht wird. Das versuche ich zu erklären. Und ich habe mir gedacht, dass Ostmitteleuropa in diesen Essay gut passt. Da eben durch das Beispiel des Brünner Todesmarsches, aber auch der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 gezeigt werden kann, wie Menschenrechte individuelles Leid artikulierbar gemacht haben, indem universelle Begriffe diese kollektive Verantwortung ermöglicht haben.“
Sie haben den Todesmarsch von Brünn erwähnt. Waren Sie einmal beim Festival Meeting Brno, bei dem unter anderem der Gedenkmarsch auf den Spuren der vertriebenen Deutschen stattfindet?
„Nein, da war ich leider noch nie. Aber jedes Jahr wird in den deutschen Medien berichtet, wie dieser Marsch vonstatten geht.“
Im Motto des Essaywettbewerbs hieß es, ob die Menschenrechte nur ein Mythos seien. Was meinen Sie?
„Ich glaube es nicht. Oft spreche ich zwar mit meinen Freunden oder meinem Umfeld, und die sagen, die Menschenrechte seien ein Mythos, das funktioniere ja gar nicht. Wir bekämen irgendwelche politischen Erklärungen von den Vereinten Nationen aus New York oder Genf, wo irgendeine Tat kritisiert wird. Oder auch der Internationale Strafgerichtshof scheint ineffektiv zu sein. Aber ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass es kein Mythos ist, weil man historische Taten sieht, wie zum Beispiel die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, bei denen Sachzwänge und nüchterne Notwendigkeiten genannt wurden als Rechtfertigung für eine Vertreibung. Diese Wörter wie Transfer oder Repatriierung beim Brünner Todesmarsch haben die Gewalt administrativ normalisiert. Es ist, wie gesagt, ein historischer Akt. Und man sieht aber auch dann am Ende der 1990er Jahre die Deutsch-Tschechische Erklärung, in der gesagt wurde, man mache keine juristische Aufrechnung, sondern rede gemeinsam über individuelles Leid. Für mich sind die Menschenrechte kein Mythos, wenn man sie an historischen Ereignissen gut festmachen kann.“
Ich nehme an, dass Sie dabei waren, als jetzt bei dem Symposium die Diskussionsrunde mit den Experten aus Polen, Ungarn und Tschechien stattfand. Da wurde fast heftig gestritten. Wie fanden Sie die Debatte?
„Ich fand sie sehr interessant und hätte das so nicht erwartet. Da kam es ja zu einer richtigen Polemik. Ich finde es aber schön, dass alle die grundlegende Idee teilen, dass es wichtig ist, die Menschenrechte zu verteidigen. Dass man sich dann in den Ausprägungen streitet, ist Teil der Demokratie.“
Wie fanden Sie die Idee, ein Alumni-Treffen, also ein Treffen der Sieger des Essaywettbewerbs zu organisieren?
„Ich finde das gut, bin aber überrascht, dass es das bisher noch nicht gibt. Ich würde mich freuen, so etwas zusammen mit den anderen zwei Ausgezeichneten dieses Jahres und der Ackermann-Gemeinde aufzubauen. Das heißt, auch allen früheren Siegerinnen und Siegern zu schreiben und vielleicht irgendwas zusammen zu organisieren.“
Auch die zwei weiteren Ausgezeichneten lasen ihre Beiträge beim Symposium in Brünn vor. Den zweiten Preis gewann die 22-jährige Lina Bouhrass. Hier ein Interview mit der Studentin aus Bremen:
Frau Bouhrass, eine fast obligatorische Frage: Wie haben Sie diesen Wettbewerb entdeckt?
„Ich habe eine große Schwester, die in Köln studiert, und dort hing der Wettbewerb aus. Weil ich Europastudien studiere und sie dachte, das könnte passen, hat sie mir das dann rübergeschickt. Ich habe es mir durchgelesen und fand, dass supercool klang. Dann habe ich einfach mitgemacht.“
Wurden Sie durch das Studium zur Teilnahme angeregt, oder haben Sie auch einen persönlichen Grund, sich mit diesem Thema zu befassen?
„Ich würde schon sagen, dass Menschenrechte bei mir ein persönliches Ding sind – dadurch, dass es eben auch geografisch mit meiner Familiengeschichte sehr viel zu tun hat. Meine Eltern kommen aus Marokko, das ehemals von Spanien und Frankreich kolonisiert war. Sie sind dann nach Deutschland gekommen. Da gab es ja auch verschiedene Hürden, die dann meine Eltern teilweise überwinden mussten. Was mich vor allem daran interessiert, ist diese Idee ,Wir sind alle gleich‘, die die Menschenrechte versucht zu kodifizieren. Denn ich habe schon beim Großwerden bemerkt, dass es eine Art Hierarchie in der Subjektpositionierung von Menschen innerhalb einer Gesellschaft gibt. Das hat mich für den Essay-Wettbewerb super angesprochen.“
Sie waren wahrscheinlich auch vorher bei der Diskussionsrunde. Was hat Sie daran am tiefsten beeindruckt? Denn da wurden die Menschenrechte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet…
„Ich fand daran sehr interessant, dass es wirklich eine Diskussion war. Da gab es wirklich verschiedene Ansichten, und auch mit dem Publikum wurde viel diskutiert. Vor allem fand ich die Atmosphäre sehr beeindruckend und toll. Ich denke, es war sehr schön, wie sich die KollegInnen auf der Bühne konstruktiv gestritten haben.“
Erleben Sie den Kampf für die Menschenrechte zum Beispiel in der Form von Demonstrationen in Bremen?
„Ich glaube, Bremen ist sehr interessant, was das angeht. Denn Bremen ist im bundesweiten Vergleich als Bundesland noch relativ links. Und das merkt man vor allem bei den jungen Menschen sehr stark. Es ist auch ein persönliches Thema, mit dem ich mich gerne beschäftige oder gewissermaßen gezwungen bin, mich mit ihm zu beschäftigen.“
Ich nehme an, dass Sie zum ersten Mal in Tschechien sind. Hat Sie das hier so beeindruckt, dass Sie wiederkommen würden, wenn es etwa ein Alumni-Treffen geben wird?
„Ich würde mich sehr freuen über das Alumni-Treffen, es ist eine super Idee. Ich bin mit Flixbus angereist. Da sind wir auch durch Prag gefahren und ebenso viel durch Brünn. Ich war sehr begeistert. Es sieht hier alles so schön aus. Die Leute, mit denen ich bisher reden durfte, waren alle extrem lieb, und ich wurde super hier aufgenommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, noch einmal nach Tschechien zu kommen. Und auch für längere Zeit - vielleicht für ein Praktikum oder fürs weitere Studium, mal schauen.“
Den dritten Platz beim Essaywettbewerb belegte der Tscheche Václav Pavlů. Das folgende Interview mit dem Studenten entstand während einer Kaffeepause beim Symposium.
Herr Pavlu, wie haben Sie überhaupt von diesem Essay-Wettbewerb erfahren?
„In meinem Fall war das via Instagram von einem Verein, der auch an der Uni Passau tätig ist. Der Verein heißt Comunitas Bohemica.“
Was studieren Sie?
„In Tschechien studiere ich an der Karlsuniversität in Prag – und zwar Medienwissenschaften. An der Uni Passau sind es European Studies. Aber dort bin ich fast fertig mit meinem Studium.“
Sie haben den Essay lieber in Tschechisch geschrieben, weil Sie vermutlich der Meinung waren, dass Sie sich so besser ausdrücken können…
„Auf jeden Fall. Man kann sich besser in der Muttersprach äußern. Vor allem die Emotionen kann man besser zum Ausdruck bringen.“
Was ich an Ihrem Beitrag speziell fand, war die Frage des Mitgefühls. Sie haben die Menschenrechte eher aus einer menschlichen Sicht betrachtet. Stimmt das?
„Ja, das stimmt. Ich habe auch versucht, ein bisschen an die Leser zu appellieren, auch mehr über sich selbst nachzudenken. Hoffentlich klappt es.“
Ist die Frage der Menschenrechte auch ein Thema während Ihres Studiums?
„Ja, schon. Sie ist eine der Fragen, die ab und zu erörtert werden. Und sie ist eine der allerwichtigsten Fragen überhaupt, glaube ich.“
Sie gehen in Ihrem Beitrag auch auf ganz gewöhnliche Situationen ein, die man erlebt und in denen man jemandem hilft oder ihm gegenüber nur Respekt zeigt…
„Ich habe auch auf die menschliche Solidarität gezielt. Diese kleinen Situationen machen das Leben aus. Wenn jemand diese Kleinigkeiten ignoriert, macht er einen großen Fehler.“
Wie finden Sie die neue Idee, ein Alumni-Treffen in Brünn zu organisieren?
„Ja, das ist sehr spannend. Wenn es die Möglichkeit gibt, dann werde ich höchstwahrscheinlich dabei sein. Es ist schön, andere Leute zu treffen, die die gleichen Ideen und Interessen haben.“
Der Sprachwissenschaftler und Journalist Oliver Herbst war einer der Juroren beim Essaywettbewerb. Hier ein Gespräch mit dem Jurymitglied.
Herr Herbst, Sie waren einer der Juroren bei dem Essay-Wettbewerb für Studierende. Was hat Sie diesmal am tiefsten beeindruckt?
„Vor allem dass sich die Studierenden bei diesem Essay-Wettbewerb in der allergrößten Zahl dem Thema sehr tiefgründig, differenziert und motiviert genähert haben. Die Juryarbeit war diesmal wirklich eine Freude. Die jungen Menschen, die sich am europäischen Essaywettbewerb beteiligt haben, bereichern unseren Diskurs zum Thema universelle Menschenrechte in herausragender Weise. Das hat mich wirklich tief beeindruckt.“
Wie viele Essays haben Sie diesmal bekommen?
„Wir haben als Jury diesmal genau 16 Essays lesen dürfen. Wir hatten schon weniger und, wenn ich mich richtig erinnere, ebenso schon einmal mehr. Aber das ist insgesamt eine sehr gute Zahl. Wir haben uns in der Jury sehr qualifiziert unterhalten und da wirklich sehr tief geschürft, bis wir die drei Gewinner – eine Gewinnerin und zwei Gewinner – hatten.“
Der Wettbewerb ist immer für Studierende aus Mitteleuropa bestimmt. Wurden auch die Länder aufgezählt, die es betraf?
„Teilnehmen durften Hochschulstudierende sowie Promovierende aus Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei, Polen und Ungarn.“
Mir hat gefallen, dass sich der Sieger auch mit den historischen Ereignissen in Brünn auseinandergesetzt hat – zunächst mit dem Holocaust-Denkmal, und dann ist er auf Mitteleuropa zurückgekommen. So etwas ist nicht üblich, oder?
„Nein, ich fand das wirklich auch sehr interessant, wie er sich mit den Brünner Verhältnissen auseinandergesetzt hat. Wir haben heute bei der Präsentation seines Beitrags gehört, dass er eine Großmutter hat, die ebenfalls eine Fluchtmigrationsgeschichte hat, sie ist aus Ostpreußen gekommen. Und all das zusammen hat mich sehr beeindruckt.“
Die ausgezeichneten Essays wurden auf der Website der Ackermann-Gemeinde veröffentlicht: https://www.ackermann-gemeinde.de/europa/essaywettbewerb








