Im Zeichen italienischer Adelsfamilien: Burgen und Schlösser in Tschechien öffnen ihre Tore
Das tschechische Denkmalschutzinstitut verwaltet mehr als 100 historische Sehenswürdigkeiten. Die Hauptsaison auf den Burgen und Schlössern hierzulande beginnt am Samstag. Die Verwalter der Residenzen stellten vor kurzem in Prag die Highlights vor.
Die Hauptsaison auf den Burgen und Schlössern in Tschechien wird zwar erst an diesem Wochenende eröffnet, aber mehr als 20 Residenzen sind fast das ganze Jahr hindurch zugänglich. Während der ersten zwei Monate dieses Jahres hätten rund 47.000 Menschen diese Sehenswürdigkeiten besucht, sagte Naděžda Goryczková. Sie leitet das Nationale Denkmalschutzinstitut. Zur bevorstehenden Saison merkte sie an:
„Für uns ist wichtig, wie die Besucherzahlen gleich nach der Eröffnung der Residenzen und zu Ostern aussehen werden. Dies ist in der Regel ein Anzeichen dafür, wie sich die ganze Saison entwickeln wird.“
Mit der anstehenden Saison wird laut der Expertin zum 15. Mal der Programmzyklus „Auf den Spuren der Adelsfamilien“ fortgesetzt. Diesmal stehen italienische Adelsfamilien im Fokus. Naděžda Goryczková erklärte gegenüber Radio Prag International:
„Im Rahmen unseres Zyklus werden wir uns erstens auf die Fürstenfamilie Collalto konzentrieren. Ihr mährischer Zweig hatte in Brtnice im Kreis Vysočina seinen Sitz. Die Sommerresidenz befand sich in Uherčice in Südmähren. Wir werden auch der Familie Piccolomini Aufmerksamkeit schenken. Sie hatte im ostböhmischen Náchod ihre Residenz. Anfang des 18. Jahrhunderts ließen die Piccolominis zudem ein Jagdschloss in Ratibořice erbauen. Ein weiteres italienisches Adelsgeschlecht, das wir vorstellen, ist die Familie Colloredo mit dem Schloss Opočno. Natürlich gehört auch die Familie Thun und Hohenstein in unseren Zyklus, die 300 Jahre lang das Schloss Benešov nad Ploučnicí besaß. Es gibt also eine ganze Reihe von italienischen Adelsfamilien, die mit den Böhmischen Ländern verbunden waren. Ich hoffe, dass wir sie alle erwähnen werden.“
Am Programmzyklus beteiligt sich laut Goryczková auch das Schloss Mnichovo Hradiště. Dort befindet sich eine Bibliothek, die aus dem Schloss Duchcov stammt, wo sie einst von Giacomo Casanova verwaltet wurde.
Auf Schloss Kynžvart werde eine Ausstellung mit dem Werk des namhaften italienischen Bildhauers Antonio Canova gezeigt, erklärt Goryczková und fährt fort:
„In Kynžvart befinden sich viele Canova-Plastiken aus Carrara-Marmor. Auf Schloss Konopiště wollen wir zudem das Erbe von Franz Ferdinand d‘Este vorstellen, das er aus Italien mitgebracht hatte. Es handelt sich um eine Sammlung von wertvollen Kunstwerken und Gegenständen. Das Jahr der italienischen Adelsfamilien wird im Blumengarten in Kroměříž eröffnet. Denn vor 350 Jahren begannen italienische Baumeister, diesen einzigartigen Garten zu gestalten. Den Höhepunkt erreicht der Programmzyklus mit der traditionellen ,Nacht der Burgen und Schlösser‘. In diesem Jahr wird das Schloss Uherčice im Zentrum der Veranstaltung stehen.“
In dieser Saison werden einige der historischen Residenzen oder wenigstens ihre Teile neu für die Öffentlichkeit geöffnet. Naděžda Goryczková nennt einige Beispiele:
„Nach einer Jahre dauernden Sanierung des südlichen und östlichen Flügels des Wirtschaftshofs auf Schloss Zákupy werden die dortigen historischen kaiserlichen Pferdeställe zugänglich gemacht. Die Instandsetzung des Hofs wird weiterhin fortgesetzt. Auf dem Schloss selbst wird in einigen neu restaurierten Barockgemächern an Anna Maria Franziska von Sachsen-Lauenburg erinnert, die in dem Schloss gewohnt hat. Am 30. Mai werden wir außerdem die erste Besichtigungstrasse auf Schloss Janovice u Rýmařova eröffnen. Um diese Residenz kümmert sich das Denkmalschutzinstitut schon seit sechs Jahren. Eine neue Dauerausstellung wird dort an Graf Franz von Harrach erinnern. Harrach war Augenzeuge des Attentats von Sarajevo. Er hatte dem Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este damals sein Auto für die Fahrt durch die Stadt zur Verfügung gestellt. Dann wird auf Schloss Telč bald eine Dauerausstellung mit Gemälden von Jan Zrzavý gezeigt. Die Werke stammen aus den Sammlungen der tschechischen Nationalgalerie. Die Schau soll am 27. Juni eröffnet werden.“
Auf mehreren Schlössern werden laut der Expertin die bestehenden Besichtigungstrassen zu verschiedenen Themen erweitert. Dies gilt beispielsweise für das Schloss Slatiňany, wo die Gastronomie im Fokus steht. Die Expertin macht des Weiteren auf Veranstaltungen auf der Burg Trosky aufmerksam:
„Ich hoffe, dass wir auf der Burg Trosky vor allem Jugendliche ansprechen werden. Es gibt dort spezielle Führungen für die Fans des Spiels ‚Kingdom Come‘. Wir sind also bemüht, auch mit den jungen Burgbesuchern Schritt zu halten.“
Auf der Burg Rožmberk werden während der Führungen bald neu restaurierte historische Wandmalereien präsentiert. Und in Frýdlant werden den Besuchern bisher nicht zugängliche Räumlichkeiten gezeigt. Dazu gehören die alte Burgküche, Archive oder die ehemalige Wachstube – und außerdem die frühere Speisekammer, in der ein Schatz zu sehen sein wird, der im Schlossteich gefunden wurde. Daneben wird auf Schloss Třeboň der Gartenflügel eröffnet, in dem eine neue Ausstellung von 1400 historischen Marionetten gezeigt wird.
An das Jahr der tschechischen Musik, das 2024 begangen wurde, knüpft das Denkmalschutzinstitut mit seinem Projekt „Vltava slavná & splavná“ (Die Moldau: Berühmt und schiffbar) an. Das Kulturprojekt verweist auf die Urraufführung der sinfonischen Dichtung „Vltava“ von Bedřich Smetana 1875. Damit möchte das Institut seiner Leiterin zufolge das ganze Jahr 2025 hindurch an die Bedeutung des Flusses erinnern. Petr Pavelec von der Zweigstelle des Denkmalschutzinstituts in České Budějovice / Budweis ist für das Moldau-Projekt verantwortlich:
„Der Name ,Vltava‘ ist, wie vielleicht viele von uns in der Schule gehört haben, aus dem germanischen ,wilt-ahwa‘ entstanden. Das bedeutet ,wildes Wasser‘. Wir arbeiten bei diesem Projekt mit verschiedenen Institutionen in Tschechien zusammen: mit der Nationalgalerie, dem Nationalmuseum für Technik, dem Kunstgewerbemuseum und auch mit der Tschechischen Philharmonie. Hinzu kommen weitere etwa 50 beteiligte Regionalmuseen. Alles, was mit der Moldau zusammenhängt, ob es Kunstwerke oder historische Dokumente sind, wird in einer Ausstellung gezeigt. Diese wird im September in der Reitschule der Prager Burg eröffnet. Die schwerste Aufgabe ist es, die wichtigsten und interessantesten Exponate zusammenzutragen. Bei den Dokumenten sind es beispielsweise mittelalterliche Urkunden. Und von den Kunstwerken sind Gemälde von Egon Schiele und Oskar Kokoschka zu nennen. Ich möchte noch auf das Happening ,Vltavská štafeta‘ (Moldauer Staffel) aufmerksam machen.“
Die „Moldauer Staffel“ startet am 1. Juli an der Quelle der Warmen Moldau im Böhmerwald. Das Wasser von der Moldauquelle wird während Juli und August von verschiedenen bekannten Persönlichkeiten nach Prag transportiert. Im Rahmen des Projekts findet zudem ein künstlerischer Wettbewerb für Kinder und Jugendliche statt – zum Thema „Die Moldau, wie sie die Kinder sehen“.
Im vergangenen Jahr haben mehr als vier Millionen Menschen die Burgen und Schlösser in Tschechien besucht, die im Staatsbesitz sind. Darunter waren natürlich auch Besucher aus dem Ausland. Der stellvertretende Leiter des Denkmalschutzinstituts, Oldřich Pešek, sagt dazu gegenüber Radio Prag International:
„Ungefähr fünf Prozent der Besucher der staatlichen Burgen und Schlösser waren fremdsprachige Touristen. Viele davon kamen etwa aus Polen und aus der Slowakei. Wie viele deutschsprachig waren, kann ich nicht genau sagen – aber ich schätze, dass es ungefähr zwei Prozent aller Besucher waren.“
Er denke, dass mehr Besucher aus Deutschland als aus Österreich gekommen sind, so Pešek weiter. Bei den Österreichern handle es sich vor allem um individuelle Touristen, während aus Deutschland öfter auch Reisegruppen gekommen seien:
„Das erfahre ich von den Kastellanen. Dies betrifft vor allem Schlösser, die sich im Grenzgebiet befinden. Ich weiß beispielsweise, dass Besucher aus Wien inzwischen das Schloss Uherčice entdeckt haben. Viele kommen auch nach Lednice und Valtice. Zahlreiche deutsche Touristen besuchen wiederum die Schlösser in Westböhmen, wie etwa Kynžvart und Bečov.“
Die Hauptsaison auf den staatlichen Burgen und Schlössern Tschechiens beginnt am 5. April und dauert bis 2. November. Mehr über das Moldau-Projekt erfahren Sie zudem unter www.vltava2025.cz/cs.
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