Im Zentrum der Forschung: Spuren totalitärer Regimes in der tschechischen Landschaft
Das nationalsozialistische und das kommunistische Regime haben materielle Spuren in der tschechischen Landschaft hinterlassen. Diese stehen im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojekts mit dem Titel „Zdivočelá země“ (zu Deutsch: Das verwilderte Land).
Verlassene Fabriken, verschwundene Dörfer, Arbeitslager, Friedhöfe und die Umwandlung von Siedlungen und Industriekomplexen sollen erforscht werden. Das Projekt „Zdivočelá země“ wird von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Westböhmischen Universität in Plzeň / Pilsen und dem Zentrum für Theoretische Studien in Prag koordiniert. Es bringt Archäologen, Historiker, Ethnologen, Philosophen sowie Spezialisten für Landschaftsgeophysik, Maschinenbau und Geomatik zusammen. Laut Projektleiter Jan Hasil vom Archäologischen Institut in Prag richtet man sich damit auch gegen Versuche, die jüngste Vergangenheit zu manipulieren: „In der heutigen postfaktischen Ära sind materielle Quellen und ihre Verbindung mit dem Gedenken widerstandsfähiger gegen Fehlinterpretationen als die üblichen historischen Interpretationen.“
Die Forschung wird sich demnach auf Themen konzentrieren, die in der Gesellschaft häufig Widerhall finden. So sollen unter anderem die Auswirkungen der Kollektivierung, das Phänomen der Grenzen, Kriegsfriedhöfe, Industriestandorte und Flugplätze aus dem Zweiten Weltkrieg sowie Konzentrations-, Internierungs- und Arbeitslager untersucht werden. Die Ergebnisse werden durch die Arbeit mit Zeitzeugen sowie einer Analyse von historischen Dokumenten ergänzt. „Es ist das erste Mal im tschechischen Umfeld, dass den verschiedenen materiellen Aspekten des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem historischen Gedächtnis gezielt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und dies auf einer interdisziplinären Basis, die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sowie technische Disziplinen miteinander verbindet“, sagt Pavel Vařeka von der Westböhmischen Universität in Pilsen.
Geplant sind mehrere Dutzend Studien, die in führenden internationalen Fachzeitschriften und vier Monographien veröffentlicht werden sollen. Jan Hasil ergänzt: „Für die Öffentlichkeit am sichtbarsten wird der neue Band des Archäologischen Atlas sein, der vom Academia-Verlag herausgegeben wird. Auf Grundlage seines erfolgreichen und bewährten Konzepts werden fünfzig moderne Stätten in der Landschaft Böhmens, Mährens und Schlesiens vorgestellt.“







