Januar 1969: Wie die Ideen des Prager Frühlings verloren gingen

Besetzung des Landes durch die Sowjets im August 1968 (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Vor 45 Jahren, genau am 16. Januar 1969, kam sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel: die Nachricht, dass sich Jan Palach selbst verbrannt hatte. Der 20-jährige Student aus Prag protestierte damit, wie seinem Abschiedsbrief zu entnehmen war, gegen die zunehmende Apathie in der tschechoslowakischen Gesellschaft nur knappe drei Monate nach der Besetzung des Landes durch die Truppen der Warschauer Paktstaaten. Immer mehr Menschen zweifelten daran, dass die kommunistische Staatsführung ihren im Januar 1968 beschlossenen Reformkurs weiter beibehalten würde. Die Zeichen standen viel mehr auf eine Abkehr von den Ideen des Prager Frühlings.

Besetzung des Landes durch die Sowjets im August 1968 (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Der Januar 1969 markierte keinen Wendepunkt in der tschechoslowakischen Geschichte. Vielmehr wurde nun deutlich, wohin die Gesellschaft hierzulande steuerte nach der Besetzung des Landes durch die Sowjets im August 1968. Immer mehr tat sich eine Kluft auf zwischen dem Großteil der Bevölkerung und den Politikern. Dabei war es egal, ob die Politiker als Hardliner galten oder kurz zuvor noch Reformer gewesen waren. Noch Ende August 1968 hatten die Tschechen und Slowaken noch gebangt um das Schicksal der nach Moskau verschleppten Spitzenfunktionäre des Staates. Die Sympathien für Alexander Dubček, Josef Smrkovský oder Ludvík Svoboda erreichten damals ihren Höhepunkt. Sie durften erst nach Hause kehren, nachdem sie sich in den sogenannten Moskauer Protokollen vom Reformkurs losgesagt hatten. Diese „Reformpolitiker des Januar“, wie sie hießen, beteiligten sich ab Herbst 1968 an der Verabschiedung neuer Gesetze, die Bürgerrechte und Freiheiten wesentlich einschränkten. In ihren offiziellen Ansprachen versteckten sie sich immer öfter hinter vagen Aussagen und leeren Phrasen. So sagte Staatspräsident Ludvík Svoboda am 1. Januar 1969 in der traditionellen Neujahrsansprache zu seinen Mitbürgern:

Ludvík Svoboda (Foto: Stanislav Tereba, Wikimedia CC BY-SA 3.0
„Das Jahr 1968 ist gestern zu Ende gegangen, um in die Geschichte unserer Völker einzugehen. Ich spreche Sie an in den ersten Stunden des neuen Jahres und habe das Gefühl, als ob alle, die mir zuhören, vor mir stehen. In Ihren Augen sehe ich viele Fragen, viel Interesse und Hoffnungen, in einigen auch Befürchtungen. Ich kann Ihre Gefühle verstehen.“

Der Präsident ging allerdings nicht auf die möglichen Fragen seiner Mitbürger ein, beteuerte aber, er glaube fest „an bessere Tage für uns alle“. Diesem Glauben gab er folgende Konturen:

„Die Zukunft unserer Heimat sehen wir im Sozialismus. Einen anderen Weg gibt es für uns nicht. Wir gehen davon aus, dass die gleichberechtigte Zusammenarbeit sowie das Bündnis mit der Sowjetunion und den weiteren sozialistischen Staaten für uns das internationale Fundament darstellen. In diesem Sinne wollen wir mit ihnen die für alle Seiten vorteilhaften Beziehungen und die Freundschaft ausbauen.“

Gustáv Husák
Um die Jahreswende 1968/1969 rangen die tschechoslowakischen Politiker um den Verbleib von Josef Smrkovský im Amt des Parlamentsvorsitzenden. Auch weitere gesellschaftliche Institutionen bezogen Stellung, es sollten für lange Zeit die letzten Aktivitäten dieser Art sein. In der angespannten Atmosphäre trat der Gewerkschaftsverband der Metallarbeiter in Streikbereitschaft, er wollte den in Moskau unbeliebten Politiker unterstützen. Der Initiative schlossen sich weitere Organisationen und Unternehmen an, aber auch Studenten. Bei der kommunistischen Partei häuften sich hunderte von Briefen und Resolutionen an.

Am 2. Januar drängt der für die anderen sozialistischen Staaten zuständige sowjetische ZK-Sekretär Konstantin Katuschew im Gespräch mit dem tschechoslowakischen Parteichef Alexander Dubček auf eine schnelle Lösung. Am 4. Januar veröffentlicht der so genannte „Koordinationsausschuss von Kulturschaffenden“ einen offenen Brief an Gustáv Husák, der schon bald Dubček in seinem Amt ablösen sollte:

Konstantin Katuschew
„In jüngster Zeit haben Sie sich zu den Verhandlungen über den Vorsitzenden der Föderalversammlung in einer Weise geäußert, die zu großer Verbitterung geführt hat. In den Augen der gesamten Öffentlichkeit haben Sie damit Josef Smrkovský beleidigt, der mit der Januarpolitik eng verbunden ist. Ihre Ansichten stellen bereits seit längerer Zeit ein zunehmend kompaktes Konzept politischer Positionen und Tendenzen dar, deren Konsequenzen für die Entwicklung der sozialistischen Tschechoslowakei aus unserer Sicht fatal sein könnten.“

Am 5. Januar wandte sich Smrkovský persönlich in einer emotionsgeladenen Rundfunk- und Fernsehansprache an die polarisierte Öffentlichkeit. Er rief die Gewerkschaften dazu auf, auf einen Generalstreik zu seiner Unterstützung zu verzichten.

Josef Smrkovský (Foto: Zeitschrift Květy, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Ich weiß gut, was ein Streik bedeutet und dass er eine alte Waffe der Arbeiterklasse ist. Ich weiß auch, dass der Streik immer das allerletzte Protestmittel war. Ist vielleicht hierzulande eine so extreme Situation entstanden, die auf solche Weise gelöst werden müsste? Man muss sich vor Augen halten, was dies für unseren Staat, seine Stabilität und für die internationalen Beziehungen bedeuten würde. Die gestrige Erklärung unserer Partei warnt vor Taten, deren Folgen niemand voraussehen kann. Jedermanns Mitverantwortung ist eines der Postulate unserer Politik nach dem Januar 1968.“

Die ein Jahr zuvor mühsam geschaffenen Fundamente der Reformpolitik sollten aber nur wenige Wochen nach der Ansprache endgültig in Trümmern liegen. Nach der sowjetischen Intervention verfiel die Position der Reformer zusehends. Ein Generalstreik hätte diesen Prozess nur beschleunigt.

Alexander Dubček (Foto: Archiv des Abgeordnetenhauses des Parlaments der Tschechischen Republik)
Am 8. Januar 1969 trat Parteichef Alexander Dubček im Fernsehen und Radio auf. Auf seine Ansprache hatten Millionen von Menschen im Land gewartet. Doch Dubček blieb nebulös:

„Wenn manchmal der Arbeitsdruck oder andere Umstände walten, wie es in den letzten Monaten der Fall war, bekommen wir alle dies zu spüren. Ich bin mir dieser Mängel bewusst, und in Zukunft wollen wir sie vermeiden. Bestimmt können Sie verstehen, dass sich dies unter den bestehenden Umständen auf unsere Arbeit auswirken könnte.“

Dubček wandte sich nicht an seine Mitbürger, sondern versuchte sich selbst zu verteidigen. Doch seine Tage waren gezählt. Und somit führte er die Bevölkerung in die Irre.

„Für heute möchte ich Ihnen wenigstens versichern, dass wir nichts hinter Ihrem Rücken gemacht haben - nichts gegen unsere Januarpolitik, nichts gegen die Interessen unserer Völker, auch wenn ich hier über vertrauliche Verhandlungen nicht berichten kann. Ich möchte heute, ein Jahr nach dem Parteiplenum, daran erinnern, dass wir uns damals vorgenommen hatten, Politik gemeinsam mit unseren Bürgern zu betreiben und mit ihnen über die Probleme unseres sozialistischen Landes zu diskutieren. Das ist nach wie vor unsere Prämisse für heute und morgen“, so Dubček in seiner Ansprache.

Foto: ČT24
Am 15. Januar 1969 wurde in Prag ein großes Meeting veranstaltet, das vor allem die zunehmend frustrierte Jugend aufmuntern sollte. Die Redner riefen dazu auf, den ein Jahr zuvor eingeschlagenen Reformweg fortzusetzen. František Vodsloň, Mitglied des ZK der Partei:

„Es ist wichtig, institutionelle Garantien zu schaffen, die eine Rückkehr zur Politik der Zeit vor dem Januar 1968 für immer verhindern.“

Jan Palach im Krankenhaus (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Das meist studentische Publikum klatschte, doch die massenhafte Begeisterung aus dem Frühling 1968 wollte nicht mehr aufkommen. Am 16. Januar trat das Zentralkomitee der KPTsch zusammen, auf dem Programm standen innenpolitische und innenparteiliche Fragen. Zuvorderst wurden über die Medien gesprochen, die längst unter Kritik standen und in ihren Kompetenzen beschnittenen waren.

Am Nachmittag desselben Tages kam die schockierende Nachricht: Auf dem Prager Wenzelsplatz habe sich ein Student mit Benzin übergossen und angezündet. Jan Palach, wie er hieß, forderte in einem Brief unter anderem die sofortige Aufhebung der Zensur. Palach starb vier Tage später an seinen Verletzungen.

Zwei Monate darauf kam es dann zum Machtwechsel innerhalb der Kommunistischen Partei. Die Männer des Januars 1968 mussten gehen. Ihre Reformpolitik wurde definitiv durch die so genannte „Normalisierung“ begraben. Erst im Januar 1989 begann im Rahmen des Gedenkens an Palach eine Protestwelle, die später in die Samtene Revolution mündete.