Jihlava / Iglau

Marktplatz mit der hl. Jakobs-Kirche und dem Stadtbrunnen (Foto: CzechTourism)

Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei der Wandersendung von Radio Prag. Wir werden heute nach Jihlava (Iglau) reisen. Diese altertümliche Stadt im Süden der Böhmisch-Mährischen Höhe ist kürzlich Verwaltungszentrum eines der 14 neuentstandenen Landkreise geworden, in denen man vor vierzehn Tagen regionale Parlamente gewählt hat. Iglau spielte aber auch in der Geschichte eine bedeutende Rolle, als eine königliche Stadt und ein Silberförderungszentrum. Gerade davon wollen wir mehr in der heutigen Touristensprechstunde erzählen. Gute Unterhaltung wünschen Martina Schneibergova und Marketa Maurova.

Ende des 12. Jahrhunderts befand sich auf einer Anhöhe über dem Fluss Jihlava (Iglau) ein kleines slawisches Dorf mit der Kirche des Heiligen Johannes des Täufers. Das Dorf wurde zum Ausgangspunkt der Kolonisierung des Gebietes, die durch die Entdeckung von Silbererz in der Mitte des 13. Jahrhunderts außergewöhnlich beschleunigt wurde. Das Silberfieber zog Bergleute, Handwerker und Kaufleute aus ganz Europa an. Das kleine Dorf reichte ihrem Ansturm und ihren Bedürfnissen nicht mehr, und deshalb wurde jenseits des Flusses mit dem Aufbau einer neuen Stadt begonnen.

Marktplatz mit der hl. Jakobs-Kirche und dem Stadtbrunnen (Foto: CzechTourism)
Der aus dem Bergbau fließende Reichtum kam insbesondere in der Großzügigkeit der Stadtgründung zum Vorschein. Fast gleichzeitig wurden drei bedeutende Kirchengebäude gebaut - die Pfarrkirche des Heiligen Jacob und die Klosterkomplexe der Minoriten und Dominikaner. Der gleichmäßige Grundriss des rechteckigen Straßennetzes mit einem großen Marktplatz in der Mitte war durch die Bauordnung des Königs Premysl Otakar II. von 1270 vorgegeben. Die vom König erteilten Privilegien garantierten der Stadt Prosperität und Iglau wurde bald zu einer der mächtigsten Städte des Königreiches. Es war von mächtigen Festungsmauern geschützt, den Marktplatz säumten steinerne Häuser mit einem Laubengang und man erhielt auch das Recht Münzen zu schlagen.

Die Bedeutung des Silberbergbaus ist Ende des 14. Jahrhunderts gesunken. Die reichsten Silbererzadern waren ausgebeutet und das Bergwerk von Erdbeben und Überschwemmungen betroffen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt war jedoch in der Zeit bereits durch Handel und Handwerksproduktion gesichert. Besonders das Tuchmacherhandwerk wurde für drei Jahrhunderte zum entscheidenden Wirtschaftszweig. Ein großer Stadtbrand 1523 hat die mittelalterliche Epoche des Stadtaufbaus beendet, die Stadt wurde jedoch bald im Renaissance-Stil wiederaufgebaut. Es entstand das typische Haus von Iglau mit überdachtem Hof, wo sich über einem gotischen unteren Saal (dem sog. Maßhaus) ein Renaissanceraum mit Arkadenloggia und toskanischen Säulen öffnete.

Museum (Foto: Google Maps)
Die besten Informationen nicht nur über Iglau, sondern auch über dessen Umgebung bekommt man im Museum der Böhmisch-Mährischen Höhe. Mehr erzählt die Direktorin des Museums, Jitka Hoskova:

"Im Museum der Böhmisch-Mährischen Höhe, dessen Ausstellungsräume in zwei schönen Renaissance-Häusern auf der nördlichen Seite des Hauptplatzes untergebracht sind, wird primär die Entwicklung Iglaus vorgestellt: Von der Entstehung der Stadt über den berühmten Iglauer Bergbau und die Silberförderung bis hin zur Münzprägung. Ein großer Teil unserer Ausstellung ist der sog. Großen Periode gewidmet, d.h. der Renaissance. Wir zeigen auch Beispiele der typischen bürgerlichen Wohnräume sowie der bäuerlichen Domizile. Da aber unser Museum eine regionale Funktion erfüllt, haben wir auch eine Ausstellung über die hier heimische Flora und Fauna, in der die Ausstellung nach den Arten, von den niederen Lebensformen, über Vögel bis hin zu Säugetieren gegliedert ist.

Unser Stolz ist gerade die Bergbauausstellung. Iglau hat nämlich im letzten Jahr ein großes Jubiläum gefeiert - 750 Jahre seit der Erteilung des Berg- und Stadtrechts. Und wir haben uns im Museum entschieden, eine neue Exposition dieser Thematik zu widmen. Wir haben dafür Kellerräume des Museums gewählt, wo sich gotische Fundamente der Häuser befinden. Schon das Milieu selbst hat eine wunderbare Atmosphäre. Die Besucher finden dort z.B. Modelle von verschiedenen Maschinen, Förderungseinrichtungen, Beispiele der Erzverarbeitung und der Öfen. Wir haben dort auch einen mittelalterlichen Schacht mit Wagen und jenem Werkzeug, das mittelalterliche Bergleute nutzten."

Stadtwappen
Mit dem Bergbau hängt noch ein anderer Bereich eng zusammen, in dem Iglau als Vorbild diente: das Recht. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war Iglau durch die Niederschrift eigener Rechtsnormen berühmt. Dieser Komplex der Stadt- und Bergrechte entstand kontinuierlich und vereinigte die Erfahrungen der neuen Siedler mit den einheimischen Bräuchen. Auf Grund einer älteren Norm entstand das sog. Privilegium A, in dem zum ersten Mal in Mitteleuropa die Grundsätze des Bergrechts schriftlich festgehalten wurden. Zehn Jahre später entstand die zweite Variante, das sog. Privilegium B. Die beiden lateinischen Urkunden wurden Anfang des 14. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt, weil sich auch ausländische Städte für das Iglauer Bergrecht interessierten. So kam es auch in das sächsische Freiberg, ein bedeutendes Zentrum der Silberförderung, und wurde zur Grundlage des dortigen Bergrechts. Auf die Iglauer Normen stützte sich aber auch der berühmte Bergkodex Königs Wenzel II. - "Ius Regale Montanorum", der 1300 vom italienischen Gelehrten Gozio ab Orieto am königlichen Hof entstand und als Vorbild nicht nur in ganz Europa diente, sondern im 16. Jahrhundert über Spanien bis nach Südamerika gelangte.

Der Vollzug des Bergrechts oblag dem Iglauer Berggericht, das schrittweise zum Obersten Berggericht in den böhmischen Ländern wurde. Es entschied über die Streitfälle, die aus den verschiedensten Orten gesandt wurden. Ein wertvoller Komplex von Rechtshandschriften, mit denen sich das Iglauer Appellationsgericht beschäftigte, ist in dem sog. Kodex Gelnhausen festgehalten, einer reichhaltig illuminierten Handschrift vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Johannes von Gelnhausen, ein gebildeter Jurist und Stadtschreiber versammelte darin auch Vorschriften sämtlicher Privilegien, die die Stadt von den Herrschern erhielt und ergänzte sie durch Miniaturabbildungen der Könige und Markgrafen sowie durch verzierte Initialen.

Die Kirche des hl. Jakob des Älteren (Foto: Suchac.fa.da2, CC BY-SA 3.0 Unported)
Wie wir gehört haben, stellte auch die Renaissance eine der Gipfelperioden in der Geschichte der Stadt dar. Mit dieser Zeit ist auch ein Unikum verbunden. Iglau ist das einzige belegte Zentrum des sog. Meistergesangs in den böhmischen Ländern. Den Hörern aus Deutschland muss dieses Phänomen wohl nicht erklärt werden, wohnen sie doch in dessen Wiege. Der Meistergesang erschien an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als ein Ausdruck des hohen kulturellen Niveaus des Bürgertums in den hochentwickelten süddeutschen Städten Nürnberg, Freiburg oder Augsburg und verbreitete sich in weitere Länder. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erreichte Iglau dank der Tuchmacherei den Höhepunkt seiner mittelalterlichen Entwicklung. Das Tuch wurde exportiert, die Händler fuhren durch ganz Europa und kamen auch mit dem Meistergesang in Kontakt. Einige wurden Mitglieder der Gesangsbruderschaften in fremden Städten und brachten reiche Erfahrungen nach Hause.

Das kulturelle Niveau des Iglauer Bürgertums war hoch - im Jahre 1561 entstand dort ein humanistisches Gymnasium, dessen Pädagogen gerade den Meistergesang stark unterstützten. Die grundlegenden Dokumente des Gesangvereins wurden im Jahre 1571 bestätigt. Der Verein wurde nach handwerklichen Zünften organisiert und hatte eine feste Ordnung. Im Unterschied zum Gesang der Kirchenchöre betrieb die Bruderschaft der Meistersinger die weltliche Musik, obwohl auch diese Lieder von biblischen Motiven ausgingen. Der Gesangsverein präsentierte sein Können auf sog. Singschulen, die viermal im Jahr abgehalten wurden. Da aber der Meistergesang als etwas höheres als übliches Singen galt, durfte er nicht auf der Straße oder in Gaststätten vorgetragen werden. Eine Ehrenpflicht waren auch die Gesänge bei den Beerdigungsfeiern der verstorbenen Vereinsmitglieder.

An die berühmte Geschichte der Stadt erinnern bis heute viele Baudenkmäler, unter denen zahlreiche Kirchen mit ihren Türmen am auffallendsten sind. Der historische Stadtkern gilt seit 1951 als städtisches Denkmalschutzgebiet. Auf dem Marktplatz, der zu den größten historischen Marktplätzen in Tschechien gehört, befindet sich außer dem ursprünglich spätgotischen Rathaus auch ein barocker Komplex des Jesuitenklosters mit der Kirche des Heiligen Ignatius von Loyola. Eine aus der Ferne sichtbare Dominante der Stadt stellen die beiden Türme der gotischen Kirche des Heiligen Jakobus des Älteren dar. Der Nordturm diente als Wachtturm der Stadt - dort wurde zur Stunde geblasen, ehrenhafte Gäste mit Fanfaren begrüßt und die Stadt vor Feuer und Feind bewacht. Seit 1991 ist der Turm zugänglich und bietet eine Aussicht auf Iglau und in die breite Umgebung.


Liebe Hörerinnen und Hörer, mit dem Blick aus dem Jacob-Turm beenden wir unseren Besuch in Iglau. Aus dem Prager Studio verabschieden sich Martina Schneibergova und Marketa Maurova.

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