Jiří Gruša: Abschied als Präsident des internationalen P.E.N-Klubs

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Schriftsteller, Botschafter, Direktor der diplomatischen Akademie in Wien und Präsident des internationalen P.E.N.-Klubs - Jiří Gruša hat so einiges auf dem beruflichen Kerbholz. Nun will er sich wieder seinem Herzensberuf zuwenden, dem Schreiben. Dafür hat er seinen Posten als Präsident des internationalen P.E.N.-Klubs, also der Dachorganisation der Schriftsteller, abgegeben. Iris Riedel hat mit dem jetzt wieder hauptberuflich schreibenden Schriftsteller gesprochen.

Herr Gruša, Sie haben sich kürzlich aus der Funktion des Präsidenten des interantionalen P.E.N.-Klubs verabschiedet und sind jetzt seit fünf Wochen ein freier Mensch. Sie haben sich auch aus der Funktion des Direktors der Diplomatischen Akademie in Wien verabschiedet. Ist das Zufall, dass das beides nun gerade in dieses Jahr fiel?

„Also, der Vertrag war so. Und es war auch keine Verlängerung geplant, ich wollte es so. Mit 71 soll man endlich mal etwas Eigenes wagen. Ich habe praktisch die letzten 20 Jahre in der politischen Arena verbracht, die nie mein Ziel war. Also, es ist höchste Zeit, mich zu verabschieden und ein Buch oder einen Text zu wagen. Ob ich das noch kann, ist eine andere Sache, aber ich will es versuchen.“

Verraten Sie uns, was das ist?

„Ich bin sehr abergläubisch. Immer, wenn ich ein Buch erwähnt habe, habe ich es dann nicht beendet. Deswegen will ich es nicht sagen.“

Dann dürfen wir zumindest gespannt sein. Das erhöht ja die Spannung. Der P.E.N.-Klub hat sich ja auf die Fahne geschrieben, gerade Exilautoren oder verfolgten Autoren zu helfen. Und auch gerade Sie sind ja durch die Intervention von Heinrich Böll, der auch Präsident des P.E.N.-Klubs war, „schon“ nach drei Monaten wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Liegt Ihnen gerade diese Aufgabe des P.E.N.-Klubs besonders am Herzen?

„Ich würde sagen, ohne diese eigene Erfahrung und die Rolle von Heinrich Böll hätte ich das wahrscheinlich nie gemacht. Als das Angebot kam, habe ich eine Verpflichtung gespürt: Das ist eigentlich was, was du machen musst, denn das hat dich damals gerettet. Denn die haben etwas ganz anderes vorgehabt. Da hätte ich nicht unter zwei Jahre hinter Gittern verbracht. Und für diese Hilfe war ich dankbar. Und als die das von mir wollten, habe ich mir gesagt: Du kannst eigentlich nicht nein sagen. Obwohl ich wusste, dass ich etwas schreiben wollte.“

Haben Sie in dieser Funktion etwas bewirken können, was Ihnen besonders Freude gemacht hat?

„Ja, ja, wenn man sich das anschaut, ist die Struktur des internationalen P.E.N. jetzt eine andere. Wissen Sie, ‚pen’ heißt ja auf Englisch eigentlich Feder. Doch wer schreibt heute noch mit der Feder? Also wir haben daraus eigentlich eine ‚mouse’ gemacht. Wir haben das sozusagen computerisiert, internationalisiert… Literatur ist heute, wenn ich das so sagen darf, ‚Pictoratur’, also Bilder. Das war die Leistung der letzten sechs Jahre. Aber ich habe dort genug Zeit verbracht. Gott sei Dank, habe ich das hinter mich gebracht.“

Bekommt der P.E.N.-Klub bald einen Doppelnamen? P.E.N.-M.O.U.S.E.?

„(lacht) Das wäre nicht schlecht. Aber wenn wir schon mal eine Marke haben und in zehn Jahren werden wir Hundert, dann gibt man eine solche Marke nicht freiwillig auf.“

Aber man muss mit der Zeit gehen… Sie haben auch ein sehr persönliches Projekt gehabt, solange Sie Präsident des P.E.N.-Klubs waren, nämlich die Literatur der kleinen Sprachen mehr zu vermitteln. Ist Ihnen das gelungen?

„Ja, das ist eigentlich die Hauptfrage. Denn es ist gelungen, die neuen Zentren zu etablieren. Aber eigentlich ist das Problem der kleinen Sprachen immer, dass sie eine Vermittlung brauchen. Eigentlich sollten die kleineren Sprachen in den größeren platziert sein. So würde ich das heute interpretieren und das ist natürlich eine sehr harte Aufgabe. Und da würde ich sagen, wir haben zwar etwas erreicht, aber ich bin doch pessimistisch, was die Zukunft angeht. Denn selbst Deutsch ist heutzutage eine mittlere Sprache.“

Haben Sie Angst, dass das Tschechische irgendwann verschwinden wird?

„Ja, das haben die Tschechen schon seit drei Jahrhunderten…“

Die Tschechen schon, aber das sind Pessimisten. Was sind Sie?

„Ich bin ein erfahrener Optimist. Das heißt ein optimistischer Naiver. Also, eigentlich bestand die Tücke meines Lebens darin, dass ich meine Ansichten ziemlich direkt gesagt habe, besonders hier in Prag aber auch in Europa, da kam immer die Reaktion: So blöd kann er doch nicht sein, so naiv. Man hat immer etwas gesucht, um mich umzuinterpretieren. Dadurch wurde aus dieser Naivität eine Art Weisheit. Das ist dasselbe mit Havel, wenn er sagt: ´Die Lüge wird besiegt.´ oder ´Das Gute siegt.´ Da haben alle gelacht. Also das Naive ist eigentlich nicht so dumm, wie man denkt.“

Sie haben in so vielen Ländern gelebt, Sie mussten in die USA emigrieren, und auch nach Deutschland. Sie waren Botschafter in Österreich. Sie sind eigentlich Tscheche. Haben Sie eigentlich eine Identität oder was bedeutet das für Sie?

„Nun, die Identität im Sinne des 19. Jahrhunderts habe ich nicht und will ich auch nicht haben, denn das ist eine Art der Idiotie und dieses –ie brauche ich nicht. Die Identität ist, so wie ich sie verstehe, das, womit man sich identifiziert. Und die Definition der Identifikation ist eigentlich die Kunst. Und ich habe diese Identität so beschrieben wie sie gerade auch. Es war doch nicht meine Absicht. Die kleine Sprache, in der man sich eine Position erkämpft hat, verlässt man doch nicht freiwillig. Die Sprache hat mich doch verlassen, hat mich ausgewiesen. Die Absurdität meines Lebens besteht darin, dass die deutsche Sprache zu der Sprache meiner Freiheit wurde.“

Aber wenn jemand zu Ihnen sagen würde, Sie sind doch eigentlich schon Deutscher…

„Das haben immer die Tschechen über mich gesagt.“

Oder die Tschechen sagen, Sie seien ja eigentlich Deutscher. Was sagen Sie dann, sind sie dann Tscheche, was fühlen Sie?

„Also, ich bin jetzt ein deutsch schreibender Tscheche.“

Also, liegt für Sie die Identität in der Sprache?

„Nein, die Identität ist mehr als die Sprache. Für mich ist die Sprache eine Art der kommunikativen Kompetenz. Und natürlich, so wie man als kleines Kind geweint hat, die Muttermilch und so weiter. Das ist zwar sehr nett, aber dazu sage ich immer, aber das hat auch jedes Schäfchen. So. Die intellektuelle Definition fängt erst danach an. Das bedeutet, Sie können Ihre Herkunft nicht leugnen, aber die Zukunft und Herkunft sind zwei unterschiedliche Komponenten des Lebens. Also, das gelobte Land der Zukunft ist Babylonia Magna.“

(Lacht) Das ist ja eine These! Sind sie dann „glücklich heimatlos“?

„Heimatlos bin ich ganz bestimmt und glücklich ab und zu.“ (Lachen)