Jiří Šust: Hofkomponist von Regisseur Jiří Menzel

Jiří Šust, foto: archiv Jany Šustové

Jiří Šust hat die Musik für zwölf Filme des tschechischen Regisseurs Jiří Menzel geschrieben. Auch der Soundtrack zum Oscar-prämierten Streifen „Liebe nach Fahrplan“ stammt von dem Prager Komponisten. In diesem Jahr hätte Šust seinen 100. Geburtstag gefeiert. Mehr dazu erfahren Sie im folgenden Kultursalon von Martina Schneibergová, die unter anderem mit der Tochter des Musikers, Jana Šustová gesprochen hat.

Jiří Šust (Foto: Archiv von Jana Šustová)
Anfang Dezember hat das Prager Sinfonieorchester in zwei Konzerten die Filmmusik von Jiří Šust, Miloš Bok und Luboš Fišer vorgestellt. Von Šust erklang dabei die Musik unter anderem aus den Filmen „Liebe nach Fahrplan“, „Häuschen im Grünen gesucht“, oder „Das Wildschwein ist los“ von Jiří Menzel. Auf der Leinwand über dem Orchester wurden Ausschnitte aus diesen Streifen gezeigt. Die Musik von Jiří Šust sei virtuos, sagte der Musikdramaturg des Orchesters Martin Rudovský.

„Er war ein Meister des Walzers. Zudem konnte er auch wunderbar mit der Blasmusik umgehen. Vor allem seine sehr speziellen Instrument-Kombinationen waren sehr innovativ. Diese benutzte er beispielsweise im Film ‚Die Schur‘ in der berühmten Szene, die oben auf dem Schornstein spielt. Es erklingen dabei Harfe, Geigen und ein Glockenspiel. Dies vermittelt ein Gefühl von Leichtigkeit. Eine ähnliche Kombination dieser Musikinstrumente kommt auch in anderen Filmen von Menzel vor.“

Jiří Šust wurde am 28. August 1919 in Prag geboren. Er stammte jedoch nicht aus einer Musikerfamilie, erzählt Jana Šustová. Sie ist die Tochter des Komponisten.

Jiří Šust (Mitte). Foto: Archiv von Jana Šustová
„Sein Vater war ein Diplomat der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Schon 1922 war er in Dänemark tätig. Mein Vater begann mit fünf Jahren Klavier zu spielen, später kam Oboe hinzu. Er besuchte zuerst ein Gymnasium, dann eine Handelsakademie. Aber er war kein braver Schüler und flog bald von der Schule. Seine unglückliche Mutter schickte ihn nach Moskau zu seinem Vater, der dort in der tschechoslowakischen Botschaft arbeitete. In der sowjetischen Hauptstadt bestand er die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium. Er hat dort mit Erfolg studiert – bei namhaften Professoren: Klavier bei Grigorij Ginzburg, Musiktheorie bei Josif Dubowskij und Komposition bei Sergej Wasilenko. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, mussten mein Opa und mein Vater nach Prag zurückkommen. Mein Vater setzte sein Studium am Prager Konservatorium fort. Er studierte Komposition bei Jaroslav Řídký. Die Komposition, die mein Vater als Abschlussarbeit schrieb, wurde im Tschechoslowakischen Rundfunk gespielt.“

Martin Rudovský (Foto: Archiv FOK)
Zurück in Prag beteiligte sich Jiří Šust mit seinem Bruder Vladimír am Widerstandskampf gegen die Nationalsozialisten. Vladimír wurde von der Gestapo verhaftet und in ein KZ verschleppt. Bei der Festnahme strich der Beamte jedoch beide Šusts von der Liste, erzählt Jana Šustová.

„Dank dessen wurde mein Vater gerettet. Er wusste jedoch, dass es gefährlich war, in Prag zu bleiben. Er ging deshalb nach Zlín. Dort arbeitete er in den Baťa-Filmstudios.“

Die ostmährische Filmfabrik spielte auch in der Karriere weiterer Filmmusikkomponisten eine Schlüsselrolle, ergänzt Musikdramaturg Rudovský.

„Jiří Šust verabschiedete sich im Jahr 1945 aus Zlín. Danach löste ihn Zdeněk Liška dort ab. Šust, Liška und auch Luboš Fišer sind die drei größten tschechischen Filmmusikkomponisten. Šust wurde den Filmstudios in Zlín von der damals berühmten Chansonsängerin Míla Spazierová-Hezká empfohlen. Er hat oft auch kleine Witze in seine Filmmusik reinkomponiert. In Menzels ‚Liebe nach Fahrplan‘ erklingt aus dem Radio das Lied ‚Modravé dálky‘ (Blaue Ferne, Anm. d. Red.), das von Míla Spazierová gesungen wurde. Ich halte es für einen Gruß des Komponisten an die Sängerin.“

Foto: Tschechisches Fernsehen
Am häufigsten arbeitete Jiří Šust mi Jiří Menzel zusammen. Da seine Filme hierzulande sehr beliebt sind, reichen oft nur ein paar Takte, um sich an eine der bekannten Szenen zu erinnern, sagt Martin Rudovský.

„Regisseur Menzel sagte, er habe einen Film gedreht und Šust dann die Musik geschrieben. Und die Musik hat den Film immer um einige Stufen aufgewertet. Denn sie trägt die Emotionen.“

Jana Šustová ergänzte:

„Der ‚Film Liebe nach Fahrplan‘ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. Die Amerikaner haben aus der Musik einen Text dazu geschrieben und ihn auf Schallplatte herausgebracht. Mein Vater arbeitete zudem mit Věra Chytilová zusammen. Ihr Film Sedmikrásky (Tausendschönchen) durfte während des Kommunismus nicht gezeigt werden. Ich habe ihn auch noch nicht gesehen. Die Musik darin soll sehr interessant sein, wobei auch eine Schreibmaschine als Instrument genutzt wird.“

Welche der Melodien ihres Vaters hat Jana am liebsten?

Jiří Šust (Foto: Archiv von Jana Šustová)
„Schwer zu sagen. Was mir sehr gefällt, ist die Musik, die er für die Expo 67 geschrieben hat. Im tschechoslowakischen Pavillon in Montreal erklang das Concerto Boemo von meinem Vater. Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis aus meiner Kindheit. Als ich fünf Jahre alt war, begann ich Klavier zu spielen. Ich habe mir damals eine kurze Melodie ausgedacht, die ich immer wieder spielte. Mein Vater hat das Motiv für eine Komposition genutzt. Einmal kam er nach Hause und sagte: ,Heute habe ich Janičkas Lied verkauft.‘ Erst vor etwa einem Jahr fand ich, dass es ein Lied mit dem Titel ,Julia würde Romeos Sympathie verlieren‘ gibt. Es stammt von 1977, als ich fünf war, und das ist meine Melodie.“

Wo hat der Komponist nach Inspiration gesucht? Jana meint, eigentlich überall.

„Er hat viel Musik im Dorf Doupě geschrieben, dem Heimatort meiner Mutter. Er war immer traurig, dass er aus den Buchstaben seines Namens Šust nicht wie Johann Sebastian Bach eine Komposition schreiben kann. Als er schon alt war, wurde er wegen Schmerzen im Fuß behandelt, und zwar mit einer Cäsium-Bestrahlung. Aus den Buchstaben C-Es-Ces hat er nur für sich eine Komposition geschrieben. Bald darauf bat ihn der Regisseur Jaroslav Brabec darum, in einer sehr kurzen Zeit Musik für seinen Horrorfilm ‚Krvavý román – Der blutige Roman‘ – schreiben. Mein Vater hat die Musik mit dem Motiv C-Es-Ces genutzt und so ist die Musik für diesen Film entstanden.“

‚Krvavý román‘ von Jaroslav Brabec war der vorletzte Film, für den Jiří Šust einen Soundtrack schrieb. Der Komponist starb am 30. April 1995 in Prag.