John Scofield, Sinne Eeg und Funk aus der Schweiz: Der 20. Jahrgang des Bohemia Jazz Fest
Schon seit 20 Jahren gibt es das Bohemia Jazz Fest. Am Dienstag beginnt in Prag der Jubiläumsjahrgang. Im Folgenden nun mehr zu den Bands und Interpreten, die bis kommende Woche in fünf Städten Tschechiens auftreten, und zur Veranstaltung an sich.
Beim Bohemia Jazz Fest handelt es sich um eine Reihe von Open-Air-Festivals mit einheimischen und internationalen Jazzgrößen in mehreren tschechischen Städten. Die Orte sind in diesem Jahr nacheinander Prag, Plzeň / Pilsen in Westböhmen sowie Hluboká nad Vltavou und Prachatice in Südböhmen. Den Abschluss bilden zwei Abende im südmährischen Brno / Brünn.
Rudy Linka hat 2005 das Festival ins Leben gerufen. Im Interview für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks nannte er einige Highlights des nun bereits 20.Jahrgangs:
„In Prag wird zum Beispiel Sinne Eeg spielen. Sie ist derzeit die größte dänische Jazz-Sängerin. Ihr Nachname schreibt sich zwar E-E-G, aber gesprochen wird das nicht wie Egg, sondern Iik. Sie ist wirklich fantastisch. In Pilsen haben wir etwa den Mundharmonika-Spieler Antonio Serrano, er war rund 15 Jahre in der Band von Stargitarrist Paco de Lucía. Serrano tritt zusammen mit einem Pianisten als Duo auf. Das ist etwas, was ich als Perle bezeichnen würde, die die Besucher im Vorfeld vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen. Aber ich denke, es wird wunderbar, denn Antonio Serrano spielt tatsächlich Jazz auf seiner Mundharmonika.“
Des Weiteren nennt Linka eine Legende der tschechoslowakischen Musikszene: den Jazz- und Bluessänger Peter Lipa aus Prešov im Osten der Slowakei. Der 82-Jährige tritt am 14. Juli in Brünn mit seiner Band auf.
„Und dann am Ende des Festivals kann man unter anderem Next Movement erleben. Das ist ein Funk-Trio. Als ich die Jungs vor vier Jahren in Italien habe spielen sehen, waren sie so energiegeladen, dass ich dachte: Die sind zum Beispiel aus Atlanta in den USA. Aber sie kommen aus der Schweiz“, so Linka.
Größter Star auf der kleinsten Bühne
Der bekannteste Name beim diesjährigen Bohemia Jazz Fest kommt indes tatsächlich aus den Vereinigten Staaten von Amerika: der Gitarrist John Scofield. Rudy Linka ist mit ihm gut befreundet, schließlich emigrierte er selbst 1985 nach New York, und dort lebt der Organisator des Festivals im Wechsel mit Tschechien auch heute noch.
„Mein bester Kumpel Scofield ist schon mehrfach auf dem Festival aufgetreten. Dann spielte er aber immer in Prag, in Brünn oder in Pilsen. Diesmal absolviert er sein erstes Konzert in Hluboká und das zweite in Prachatice. In Hluboká gibt es eine ständige Open-Air-Bühne, die fünf Meter breit und vier Meter tief ist. Scofield und sein Quartett werden es schwer haben, gemeinsam auf diesem kleinen Podium zu stehen. Das heißt, der größte Star des Festivals wird auf der kleinsten Bühne des Festivals auftreten. Aber ich bin mir sicher, dass er damit zurechtkommen wird wie damals, als er auf dem Altstädter Ring in Prag spielte und 15.000 Besucher kamen. John war damals mit seinem Trio da, mit dem er Jazz intoniert. Er schaute damals in die große Menge des Publikums, stieg auf die Bühne und begann ‚Satisfaction‘ von den Stones zu spielen. Und die 15.000 Besucher gingen ab. Nach diesem ersten Stück konnte er dann alles spielen, was er wollte“, sagt der Festivalgründer.
Die Band des mittlerweile 73-jährigen Gitarristen heißt John Scofield’s Long Days Quartet.
Dänischer Tag in Prag
In Prag findet das Bohemia Jazz Fest nicht mehr wie früher auf dem Altstädter Ring statt. Vielmehr wurde ein grüneres und wohl auch etwas kleineres Ambiente gewählt, nämlich der Königliche Garten auf der Burg. Dort ist am Dienstag dann dänischer Tag. Damit soll die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Dänemark gefeiert werden. Deswegen kommen außer der bereits genannten Sängerin Sinne Eeg noch zwei weitere Projekte aus dem skandinavischen Land auf die Bühne. So spielt die Pianistin Kathrine Windfeld mit ihrem Quartett, und das Fusion-Projekt Ibrahim Electric heizt den Besuchern ein. Den Auftakt macht allerdings die Band Backstep, die sich aus jungen Musikern des Jaroslav-Ježek-Konservatoriums in Prag zusammensetzt.
Bevor Sinne Eeg als Headliner auf die Bühne tritt, wird im Übrigen noch der Preis für die beste Jazz-Komposition von Autoren bis 35 Jahren vergeben. Außerdem wurde 2008 der Bohemia Jazz Award ins Leben gerufen. Mit ihm werden herausragende Jazzmusiker für ihr Lebenswerk geehrt. Natürlich hat auch Scofield diese Auszeichnung bereits erhalten, aber ebenfalls der tschechische Bassist Miroslav Vitouš. Wie Linka betont, erhalten die Preisträger immer ein Werk des Glaskünstlers Zdeněk Lhotský – und dieser sei wie viele weitere ohne Honorar bei der Sache:
„Zdeněk Lhotský ist ein international renommierter Glaskünstler. Als ich einmal in Brüssel gespielt habe und dort in eine Galerie ging, sah ich ein Glaskunstwerk. Ich fragte den Mann dort, was dies sei. Und er sagte, dass dies vom Tschechen Lhotský sei. Der Preis lag bei 150.000 Euro. Aber Zdeněk fertigt den Preis für unseren Bohemia Jazz Award völlig kostenfrei an.“
Doch zurück zum Jubiläumsjahrgang. Nach dem Auftakt in Prag folgt am Mittwoch das Open Air auf dem Platz vor der Neuen Szene des Pilsner Theaters. Neben dem bereits erwähnten Mundharmonikaspieler Antonio Serrano, dessen gemeinsamer Auftritt mit dem Pianisten Kaele Jimenez der Höhepunkt sein wird, sind dort noch die dänische Band Ibrahim Electric zu sehen und zu hören sowie das Quintett der tschechischen Pianistin Kristina Barta.
Letztere tritt auch am Freitag in Hluboká nad Vltavou auf, wo John Scofield eben der Headliner sein wird. Außerdem präsentiert sich auf dem zentralen Platz des Städtchens in Südböhmen noch das italienische XY Quartet.
Erwähnt werden sollte, dass keiner der Veranstaltungsorte bestuhlt ist. Das könne nur ein wirklich außergewöhnliches Publikum akzeptieren – es sei ohnehin das beste der Welt, glaubt Rudy Linka:
„Das Festival beginnt immer um halb fünf nachmittags und geht bis zehn Uhr abends. Und die Menschen stehen und stehen und stehen. Ich bin sicher schon verwöhnt von der Welt. Da habe ich mir überlegt: Wer müsste spielen, damit ich um fünf Uhr schon vor Ort bin und so lange warte, bis der Headliner auf die Bühne kommt? Da fiel mir Miles Davis ein, der bereits tot ist. Oder John Coltrane, der auch nicht mehr unter uns weilt. Dieses Festival ist aber davon geprägt, dass sich unbekannte Menschen unter offenem Himmel treffen und der Musik lauschen, die wirklich wunderbar ist – und plötzlich gute Laune haben. Das klingt vielleicht naiv, aber ich weiß das immer mehr zu schätzen, je älter ich werde.“
Bands aus Österreich und der Schweiz
Um im Programm fortzufahren: Am Samstag ist John Scofield auch noch auf dem Großen Platz im Böhmerwaldstädtchen Prachatice. Vor ihm treten an dem Tag die tschechische Fusion-Band Pluto und das Quartett des Saxofonisten Ondřej Štveráček auf.
Und dann folgen am Montag und Dienstag die beiden Open Airs auf dem Mährischen Platz im Zentrum von Brünn. Headliner am ersten Tag ist die Peter Lipa Band, davor spielen noch der norwegische Bassgitarrist Per Mathisen mit seinem Trio und der österreichische Saxofonist Harry Sokal mit seiner Groove Unlimited.
Am nächsten Tag ist es noch einmal das Per Mathisen Power Trio sowie das Ondřej Štveráček Quartet und The Next Movement aus der Schweiz.
Wie schon seit Gründung des Festivals sind auch dieses Jahr die Open Airs wieder kostenlos. Und das, obwohl Rudy Linka nicht nur einmal schon selbst die Geldbörse zücken musste. Gerne erzählt er die entsprechende Story auch zum wiederholten Mal...
„Schon mehrmals waren wir beim Festival im Minus, sodass ich draufzahlen und etwa eine meiner Gitarren verkaufen musste. Allerdings habe ich 42 Gitarren, es war also keine solche Tragödie. Aber ich erinnere mich dann doch noch lange an die Gitarre. Und wenn ich jemanden auf demselben Modell spielen sehe, denke ich: Ja, die hatte ich auch, aber jetzt nicht mehr. Auf der anderen Seite finde ich, dass es meine Pflicht ist, mich um den Fortbestand des Festivals zu kümmern, wenn ich es schon aus der Wiege gehoben habe“, so Linka.
Ansonsten aber baue das Bohemia Jazz Fest vor allem auf den Willen vieler Menschen, freiwillig zu helfen, sagt der Gründer:
„Wenn ich die Liste durchgehe, wer uns alles hilft, dann stelle ich fest: Das Festival existiert nur, weil es viele Menschen gibt, die wollen, dass es stattfindet. Wir haben keinen Partner wie zum Beispiel das Kulturministerium, das etwa sagt, dass dies eine solch tolle Veranstaltung sei, und dann 35 Millionen Kronen zuschießt. Stattdessen haben wir viele kleine Partner. Vielleicht ist das auch besser so – und wir bestehen gerade deswegen schon seit 20 Jahren.“
Das Bohemia Jazz Fest startet am Dienstag, 8. Juli, in Prag und endet am 15. Juli in Brünn. Mehr zum Programm und den Veranstaltungsorten auch auf Englisch unter www.bohemiajazzfest.cz.








