Jubiläum: Plecniks Herz-Jesu-Kirche wurde vor 75 Jahren geweiht

Herz-Jesu-Kirche

Sie ist heute aus dem Stadtteil Vinohrady nicht mehr wegzudenken - die Kirche, die in Böhmen einzigartig ist. Ihr Architekt Josip Plecnik ist in Tschechien vor allem als Architekt bekannt, der sich am Umbau der Prager Burg beteiligt hatte. Die Herz-Jesu-Kirche auf dem Georg von Podiebrad-Platz wurde vor fast genau 75 Jahren geweiht.

Herz-Jesu-Kirche
Heute kann sich kaum ein Bewohner von Kralovske Vinohrady, den Königlichen Weinbergen vorstellen, dass die Kirche auf dem Georg von Podiebrad-Platz anders aussehen könnte oder dass anstelle der Parkwege eventuell Häuser stehen würden.

1914 wurde eine neue römisch-katholische Pfarrei in Vinohrady gegründet. Den Pfarrmitgliedern stand provisorisch die St. Alois-Kapelle zur Verfügung, die sich im Schulgebäude auf dem Georg von Podiebrad-Platz befand. Es wurde außerdem ein Verein für den Bau einer zweiten katholischen Kirche in Vinohrady gegründet. Initiator der Bauaktivitäten war damals Pfarrer Frantisek Skarda, der später Kanoniker von Vysehrad geworden ist. Dank der Architekten Kamil Hilbert, Jan Kotera und Otakar Bures wurde nach der Entstehung der Tschechoslowakischen Republik ein Wettbewerb für das Projekt einer neuen Kirche für Vinohrady ausgeschrieben. Keiner der Entwürfe wurde jedoch in die Tat umgesetzt.

Der Verein wandte sich danach an den slowenischen Architekten Josip Plecnik mit der Bitte, einen Entwurf für eine Kirche in Vinohrady auszuarbeiten. Der Architekt hatte den Entwurf für die Kirche einige Mal überarbeitet. Dabei berücksichtigte er auch die Umgebung der künftigen Kirche. In der bescheidensten Variante rechnete Plecnik mit einer Kirche, die Bestandteil eines Häuserblocks gewesen wäre. In einem anderen Entwurf sollten um die Kirche herum noch eine Pfarrei, eine Schule und Wohnblöcke mit einem Tor und einer Grünanlage entstehen. Später entwarf er die Kirche in ihrer heutigen Form. Er stellte sich damals aber vor, dass die Kirche von zwei Alleen von Bäumen gesäumt werden soll. Diese Idee wurde aber nie in die Tat umgesetzt.

Josip Plecnik ist mit seinem Projekt in die damals noch sehr junge Tschechoslowakische Republik gekommen. Als Ausländer stand er vor der Aufgabe, den ersten modernen Monumentalbau in der Tschechoslowakei zu entwerfen. Es handelte sich um eine Prestigearbeit, sagt die Prager Architektin Pavla Melkova:

"Der Bau der Kirche dauerte von der ersten Linie, die Plecnik gezeichnet hatte, bis zur Eröffnung zehn Jahre. Dies zeugt davon, dass der Architekt während der Zeit einige Hindernisse zu überwinden hatte - politische, finanzielle, architektonische, urbanistische und nicht zuletzt auch religiöse Probleme. Plecnik war ein kompromissloser, asketischer Katholik, der dieselbe Askese von den Gläubigen verlangte. Die Lage in Böhmen unterschied sich damals von diesen Vorstellungen. Er war nicht imstande, den latenten Protestantismus der Tschechen zu begreifen. Trotzdem bemühte sich Plecnik sehr redlich, sich in die Seele des Prager Gläubigen einzufühlen. Wie wir heute sehen, ist es ihm schließlich gelungen."

Fast zur selben Zeit wie die Herz-Jesu-Kirche in Prag sind an verschiedenen Orten Böhmens einige Kirchen entstanden. Diese Sakralbauten unterscheiden sich jedoch alle stark von Plecniks Architektur. In Pecky bei Kolin ließ die Böhmische Brüdergemeinde beispielsweise eine Jan-Hus-Kirche erbauen, die ein einzigartiges kubistisches Interieur hat. Im Prager Stadtteil Vysocany wurde damals die sehr unauffällige König-Christus-Kirche gebaut. Aus den Jahren 1928-1933 stammt die funktionalistische St. Wenzel-Kirche in Prag-Vrsovice, die ein Werk des berühmten tschechischen Architekten Josef Gocar ist. Wo suchte Plecnik nach Inspiration, als er die Prager Kirche entworfen hatte? Die Architektin meint:

Interieur der Herz-Jesu-Kirche  (Foto: Autorin)
"Plecnik bevorzugte in allen seinen Entwürfen die geistliche Bedeutung der Architektur vor der Ästhetik. Er war bemüht, die moralische Bedeutung des Baus zum Ausdruck zu bringen. Was den Baustil anbelangt, zögerte er zwischen der Tradition und der Moderne und versuchte slawische Vorbilder zu finden. Dies war ein Thema, das ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt hatte. Die Herz-Jesu-Kirche steht einer altchristlichen Basilika am Nächsten."

Der Bau der Kirche wurde von der so genannten Bepta-Stiftung finanziert. Sie verwaltete das Eigentum des reichen Ratsherrn der Prager Neustadt, Leopold Bepta. Bepta wünschte sich, dass sein Eigentum für kirchliche Zwecke genutzt wird. Neben diesem Geld half die ganze Pfarrei damals mit Spendensammlungen, Geschenken sowie einer Lotterie den Bau zu finanzieren. Mit dem Bau wurde Firma Nekvasil aus Prag-Karlin beauftragt. Die zum Teil eingerichtete Kirche wurde am 8. Mai 1932 vom Prager Erzbischof Karel Kaspar feierlicht geweiht. Die Kirche besteht aus drei Teilen, die miteinander verbunden sind: einem länglichen Kirchenschiff, einem breiten Glockenturm und Räumlichkeiten, die für die Aktivitäten der Pfarrgemeinde bestimmt sind. Der geräumige Saal ist 26 mal 38 Meter groß und 14 Meter hoch. Der breite Turm mit sechs Glocken trägt eine Kuppel mit einem vier Meter hohen Kreuz und ist insgesamt 42 Meter hoch. Im Turm befindet sich ein großes rundes Fenster, das gleichzeitig als Zifferblatt der Uhr dient. Unter der Kirche befindet sich eine geräumige Kapelle mit Kufengewölbe. Die heutigen Architekten halten die Kapelle für Plecniks spirituellsten Raum. Wie waren die ersten Reaktionen auf den ungewöhnlichen Sakralbau?

"In den Architektenkreisen gab es eine ganze Skala von Meinungen - von der Begeisterung bis zur vollständigen Verurteilung des Baus. Übrigens jeder wertvolle Bau muss so etwas durchmachen. Heute wird die Kirche als Ort empfunden, wo die Gläubigen das finden können, was sie suchen. Und darauf achtete auch Plecnik. Es ging ihm nicht darum, was die Architekten dazu sagen. Es ging ihm um den Geist und um die moralische Ausstrahlung. Dies ist meiner Meinung nach hier zu spüren."

Pavla Melkova  (Foto: Autorin)
Architektin Pavla Melkova hat vor einigen Jahren einen Entwurf für die Neugestaltung des Georg von Podiebrad-Platzes und der unmittelbaren Umgebung der Herz-Jesu-Kirche ausgearbeitet. Ihr Vorschlag siegte im damals ausgeschriebenen Wettbewerb. Melkova versuchte an Plecniks Ideen anzuknüpfen.

"Uns ging es vor allem darum, der Kirche ihre Bedeutung als Bestandteil des Georg von Podiebrad-Platzes wieder zu verleihen. Denn während des Kommunismus hat man in den siebziger Jahren alles unternommen, um die Bedeutung der Kirche zurück zu drücken. Im Zusammenhang mit der Errichtung der U-Bahn entstanden da Bauten, die der Kirche konkurrieren und sie überschatten sollten. Ich habe mit meinen Kollegen vorgeschlagen, vor der Kirche einen kleineren Platz zu errichten. Dieser würde einen würdevollen Vorraum darstellen, den die Kirche braucht. Den Platz haben wir in unserem Entwurf von verschiedenen hässlichen Elementen bereinigt - etwa von den halbzerfallenen Eingängen in die U-Bahn sowie der monströsen U-Bahn-Lüftung. Wir haben viel Grün ergänzt, das heute auf dem Platz fehlt, um die Kirche im Raum zu verankern."

Für den Entwurf von Pavla Melkova wurde die Baugenehmigung ausgestellt. Im Sommer 2002 wurde Prag jedoch von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht, und finanzielle Mittel wurden in der Hauptstadt vorrangig für die Beseitigung der Hochwasserschäden und den Wiederaufbau genutzt. Melkovas Projekt konnte vorläufig nicht verwirklicht werden.

"Es ist schwierig, die notwendigen finanziellen Mittel wieder zu bekommen. Wir hoffen jedoch, dass es uns gelingt. Unter anderem aus dem Grund, dass das Kulturministerium die Herz-Jesu-Kirche voriges Jahr in die vorläufige Liste von Kulturdenkmälern miteinbezogen hat, die von Tschechien für die Eintragung in die Weltkulturerbeliste der UNESCO vorgeschlagen werden. Das halten wir für einen geeigneten Anlass, um etwas mit der Umgebung der Kirche zu machen. Denn so, wie es dort heute aussieht, ist es eine Schande."

Damit sind wir fast am Ende des heutigen Spaziergangs angelangt, in dem wir Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, die Herz-Jesu-Kirche vorgestellt, die sich auf dem Georg von Podiebrad-Platz befindet. Falls Sie wissen, in welchem Jahrhundert der böhmische König Georg von Podiebrad (Jiri von Podebrady) lebte, können Sie es uns schreiben, denn so lautet die heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2. Im April fragten wir Sie nach Milos Formans Filmen, die mit dem Oscar-Preis ausgezeichnet wurden. Es handelt sich um Filme "Einer flog über das Kuckucksnest" und "Amadeus". Eine CD geht diesmal an Günter Spiegelberg aus Güstrow.