Kann man der Fotografie noch vertrauen? „Pixel und Poesie“ in Tschechischen Zentren

Lenka Hámošová (technische Zusammenarbeit: Pavol Rusnák), Strange Attractions, 2019-2020

Welche Rolle spielt die Wahrheit in der Fotografie? Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Bild und Realität? Das sind zentrale Fragen der Foto-Ausstellung mit dem Namen „Pixel und Poesie“. Die Tschechische Zentren werden sie in Zusammenarbeit mit der PPF-Stiftung 2026 und 2027 in verschiedenen Metropolen der Welt präsentieren. Gezeigt werden dabei Klassiker der Schwarz-Weiß-Fotoavantgarde im Dialog mit Werken zeitgenössischer visueller Künstler.

Foto: Tschechische Zentren

„Kann man der Fotografie noch vertrauen? Oder war das jemals überhaupt möglich? Denn die Fotografie ist ein Medium, dass sich im ständigen Wandel befindet – sei es technisch, ästhetisch oder gesellschaftlich.“

Soweit die Kuratorin Johana Rittmeyer.

130. Geburtstag von Josef Sudek und Jaromír Funke

Josef Sudek,  „Poupě bílé růže“  (Weiße Rosenknospe),  1951 | Foto: PPF Art Collection

Anlass für die Ausstellung „Pixel und Poesie. Sudek, Funke und der Einfluss neuer Technologien auf die Entwicklung der Fotografie“ waren die Jubiläen von zwei Vertretern der tschechischen fotografischen Moderne, Josef Sudek (1896–1976) und Jaromír Funke (1896–1976). Neben ihren Werken wird zeitgenössische visuelle Kunst präsentiert, die auf die Entwicklung digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz reagiert. Diese Instrumente verändern grundlegend die Art und Weise, wie Bilder heute entstehen – und auch wie die Gesellschaft ihnen vertraut. Das Projekt soll daher nicht nur die Tradition der tschechischen Fotografie würdigen, sondern auch zu einer Debatte darüber anregen, wie sehr man visuellen Eindrücken in der heutigen technologisch fortgeschrittenen Welt vertrauen kann. Johana Rittmeyer:

Lenka Hámošová  (technische Zusammenarbeit: Pavol Rusnák),  TroublingGAN,  2020–2021 | Foto: Lenka Hámošová

„Die neuen Werkzeuge wie etwa generative Algorithmen, neuronale Netze und Deepfakes ermöglichen die Erstellung fotorealistischer Bilder, die keinerlei Bezug zur Realität haben. Dies führt in der Gesellschaft zu Zweifeln an der Glaubwürdigkeit von Bildern und zur Angst vor einer einfachen und nicht erkennbaren Manipulation der Realität. Genau das ist das zentrale Thema des Ausstellungsprojekts.“

Diese Problematik sei aber gar nicht neu, betont die Kuratorin:

Josef Sudek,  Aus der Serie Stillleben am Fenster meines Ateliers,  1944,  23 × 29 cm,  aus der PPF-Kunstsammlung | Foto: PPF Art Collection

„Es herrscht die Vorstellung vor, die Bild- oder Fotomanipulation habe erst mit dem Aufkommen von Photoshop in den späten 1980er Jahren begonnen. Doch in der Tat ist die Manipulation fast so alt wie die Fotografie selbst. Von Anfang an war Fotografie das Ergebnis einer Entscheidung – sei es die Wahl des Motivs, der Komposition, des Blickwinkels, des Lichts oder des Zeitpunkts. Sie entstand also immer schon durch Interpretation und, in gewissem Sinne, durch die Konstruktion von Realität. Ich bringe klassische Vertreter der modernen tschechischen Fotografie, wie Josef Sudek und Jaromír Funke, in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern, die digitale Ansätze und künstliche Intelligenz oder generative Netzwerke nutzen.“

Untersucht wird dabei die technologische Entwicklung der Fotografie, aber eben auch, wie sich ihr Verhältnis zur Realität verwandelt beziehungsweise nicht verwandelt. Die PPF-Stiftung stellte jeweils fünfzehn Fotografien von Josef Sudek und Jaromír Funke für die Ausstellung zur Verfügung. Die zeitgenössische tschechische Bildszene wird durch die Multimedia-Künstlerinnen Barbora Trnková und Lenka Hámošová sowie durch Barbora Trnková und Tomáš Javůrek (Künstlerduo „&“) repräsentiert.

Barbora Trnková a Tomáš Javůrek,  „Generace princezen“  (Generation der Prinzessinnen),  2011 | Foto: Barbora Trnková,  Tomáš Javůrek

Poetische und synthetische Manipulation der Realität

Die Kuratorin unterscheidet zwischen poetischer und synthetischer Manipulation der Realität. Anhand der Fotografien der beiden Vertreter der tschechischen Moderne der Zwischenkriegszeit präsentiere sie Beispiele für eine poetische Realitätsmanipulation und frage nach der Rolle der Wahrheit in der Fotografie, schildert Rittmeyer. Denn sowohl Sudek als auch Funke hätten systematisch mit den Möglichkeiten des Mediums experimentiert und dessen Grenzen erweitert:

Jaromír Funke,  „Odraz v zrcadle“  (Reflexion in einem Spiegel),  1935 | Foto: PPF Art Collection

„Josef Sudek und Jaromír Funke arbeiteten zur selben Zeit und behandelten oft ähnliche Themen. Sie nutzten zwar beide das Medium der Fotografie, doch ihre Herangehensweisen an die Realität und die Wahrheit waren sehr unterschiedlich. Gleichzeitig zeigen beide, dass die Manipulation in der Fotografie nicht zwangsläufig eine Täuschung bedeuten muss. Sie kann auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks oder einer formalen Erkundung sein.“

Jaromír Funke beispielsweise habe die Realität als Rohmaterial für seine Fotografien verstanden – für eine visuelle Analyse und künstlerische Konstruktion:

Jaromír Funke,  „Zátiší“  (Stillleben),  1929 | Foto: PPF Art Collection

„Funkes Stillleben, die ich in der Ausstellung präsentiere, sind keine bloßen Abbilder der Realität, sondern sorgfältig komponierte Bilder, in denen die Realität durch den Einsatz von Schatten und präziser Komposition eine völlig neue Bedeutung erhält. Josef Sudek verfolgt einen etwas anderen Ansatz, doch das Ergebnis ist im Grunde ähnlich. Er arbeitete viel mit Atmosphäre und Stille, mit Nebel und Licht und betrachtete all dies als wesentliche Gestaltungselemente des Bildes. Seine Fotografien sind daher lyrische Aufzeichnungen von Stimmungen und Lichtveränderungen. Bei ihm handelt es sich nicht um eine objektive Aufzeichnung der Realität, sondern um eine visuelle innere Meditation und kontemplative Darstellung der uns umgebenden Landschaft.“

Die Auswahl von Sudeks Werken umfasst Bilder aus den Zyklen „Das Fenster meines Ateliers“, „Stillleben am Fenster meines Ateliers“, „Rothmayers Garten“, „Erinnerungen und Fantasien“ sowie den späten „Labyrinthen“. Die Sammlung von Jaromír Funke präsentiert Schlüsselwerke aus dem Zyklus „Abstrakte Kompositionen“ aus den 1920er Jahren, ergänzt durch die experimentellen Bilder „La Solitude II“, „Stillleben“ und „Spiegelbild“.

Josef Sudek,  „Opuštěná“  (Verlassen),  1956 | Foto: PPF Art Collection

Neue Technologien und gesellschaftliche Fragestellungen

Die zeitgenössischen Künstler gehen die Darstellung von Wahrheit und Realität aus einem etwas anderen Blickwinkel an.

Barbora Trnková,  Your Addiction is the Message,  2022–2024 | Foto: Barbora Trnková

„Das Instrument der Künstlichen Intelligenz ist im Allgemeinen unter Künstlern bereits sehr weit verbreitet, sie setzen es in verschiedenen Phasen ihrer Arbeit ein. Ich denke, das ist nichts Einzigartiges, aber speziell für dieses Ausstellungsprojekt habe ich gezielt nach Künstlern gesucht, die sowohl mit der Fotografie als auch mit diesen Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz arbeiten und sich mit der Wahrnehmung der Wahrheit und der Realität befassen.“

Lenka Hámošová  (technische Zusammenarbeit: Pavol Rusnák),  Strange Attractions,  2019-2020 | Foto: Lenka Hámošová

Typisch für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ist, dass sie das Thema der Abbildung direkt auf gesellschaftliche Fragestellungen übertragen. Barbora Trnkovás Serie synthetischer Fotografien „Your Addiction is the Message“ untersucht, wie Geschlechterstereotype und kulturelle Ungleichheiten in Technologien des maschinellen Lernens einfließen. Lenka Hámošovás Multimedia-Installation „Strange Attractions“ zeigt, wie Algorithmen die menschliche Gestalt interpretieren und stellt die objektive Darstellung in Zweifel. Die interaktive Webanwendung „Generation of Princesses“ des Kreativduos &, die auf einem iPad verfügbar ist, legt die Mechanismen der Identitätskonstruktion und visuelle Archetypen im digitalen Raum offen.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekturstudio „O plus M“ und dem Grafikstudio „Colmo“. Man wollte nicht, dass die Architektur nur eine passive Kulisse für die ausgestellten Werke ist. Sie wird deshalb selbst Teil der Interpretation:

Barbora Trnková,  Your Addiction is the Message,  2022–2024 | Foto: Barbora Trnková

„Die architektonischen Elemente basieren unmittelbar auf dem Thema der Konstruktion und Darstellung von Realität. Die Architektur besteht aus modularen Aluminiumelementen, die sich jedes Mal neu zusammensetzen lassen. Da die Ausstellung durch verschiedene Tschechische Zentren wandert, die jeweils unterschiedliche räumliche Gegebenheiten bieten, war dies sowohl aus praktischen als auch aus konzeptionellen Gründen notwendig. Denn sie kann jeweils leicht verändert werden und das Thema der fragmentierten Realität widerspiegeln. Zudem gibt es Spiegelplatten, auf denen die Ausstellungstexte und zeitgenössischen Kunstwerke installiert sind. Diese Spiegelung reflektiert wiederum eine bestimmte subjektive Wahrnehmung der Realität. Im Gegensatz dazu werden die klassischen Schwarz-Weiß-Fotos von Josef Sudek und Jaromír Funke traditionell in schwarzen Holzrahmen an den Wänden angebracht.“

Das Projekt „Pixel und Poesie“ feierte am 20. Januar im Tschechischen Zentrum in London seine Premiere. Die Ausstellung wandert dieses Jahr weiter nach Paris, Belgrad und schließlich nach New York. Vor dem Transport in die USA wird sie im Oktober auch auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert.

Autoren: Markéta Kachlíková , Olga Vasinkevič
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