Keine leichte Aufgabe: Denkmalpflege in Tschechien

Bad Kyselka in Karlovy Vary (Foto: Barbora Kmentová)

Tschechien gilt als eines jener mitteleuropäischen Länder, die über besonders viele Kulturdenkmäler verfügen. Nicht nur in Prag, sondern auch quer durch alle Landkreise gibt es Tausende von erhaltenswerten historischen Gebäuden, aber auch einzigartige Landschaftsformationen. Vieles konnte 20 Jahre nach der politischen Wende bereits saniert werden, dennoch präsentieren sich zahlreiche wertvolle Bauten in einem tristen Zustand. Und für manche Baudenkmäler und Naturschönheiten kommt bereits jede Hilfe zu spät. Das tschechische Nationale Denkmalamt (NPÚ) hat sich nun an eine Bestandsaufnahme gemacht, um das Erledigte genau zu erfassen und die Prioritäten für die kommenden Jahre zu definieren.

Über 40.000 Kulturdenkmäler zählt die Tschechische Republik. Über ihren Zustand wachen die Denkmalschutz-Inspektion im Kulturministerium und das Nationale Denkmalamt, das auch die öffentlich zugängliche Datenbank der Kulturdenkmäler führt, wie die stellvertretende Leiterin des Denkmalamtes, Věra Kučová erklärt:

„Das Nationale Denkmalamt besteht nicht nur aus der Zentrale in Prag, sondern hat im ganzen Land Außenstellen. In der Öffentlichkeit werden wir meistens nur als Verwalter der staatlichen Burgen und Schlösser wahrgenommen. Dabei haben wir eine Reihe von anderen Fachabteilungen.“

Das Denkmalamt als vom Kulturministerium finanzierte unabhängige Organisation prüft und dokumentiert den Zustand der tschechischen Baudenkmäler und erstellt Expertisen für die verschiedenen staatlichen Einrichtungen. Nicht selten komme es allerdings bei der Tätigkeit der lokalen Baubehörden zu bedenklichen Interessenskonflikten, berichtet Miloš Solař, einer der für die Prager Kulturdenkmäler zuständigen Referenten im Nationalen Denkmalamt:

Arbeiterkolonie ‚Buďánka’
„Bei den Baubehörden stoßen wir oft auf das Problem, dass sie zugleich die Interessen des Eigentümers und jene der Öffentlichkeit vertreten sollen. Es gibt ja die beliebte Taktik, ein Gebäude so lange verfallen zu lassen, bis es von selbst einstürzt oder aus Sicherheitsgründen abgerissen werden muss. Leider nutzen das auch öffentliche Eigentümer. Zum Beispiel macht das der Stadtbezirk Prag 5 bei der Arbeiterkolonie ‚Buďánka’ oder der Bezirk Prag 1 bei dem wertvollen Kranner-Haus in der Straße ‚Na Poříčí’, das heute schon nicht mehr steht. Es ist einfach sehr schwierig, bei einer Baubehörde etwas zu erreichen, wenn sie demselben Bürgermeister untersteht, dessen Gemeinde oder Stadtbezirk gleichzeitig der Hauseigentümer ist. Die Bauordnung erlaubt durchaus Eingriffe im Interesse des Denkmalschutzes und auch Strafen sind vorgesehen. Aber das setzt voraus, dass die Baubehörde tätig wird. Und genau das ist das Problem bei vielen Gemeinden.“

Doch nicht alles könne man per Gesetz regeln, findet Denkmalschützer Solař. Vielfach seien nämlich zwar die Dächer und Fassaden der Häuser in einwandfreiem Zustand, doch die Nutzung entspreche nicht dem kulturhistorischen Wert des Gebäudes

„Gerade die Nutzung der sanierten Gebäude lässt sich aber schwer durch ein Gesetz oder eine Vorschrift regulieren. Ich kann mir zum Beispiel kein Gesetz zum Schutz von Kaffeehäusern vorstellen. Wenn ich mit Leuten in Prag spreche, dann beklagen sie sich meistens nicht über irgendeinen Umbau. Vielmehr stört die Leute, dass aus der Altstadt schon eine einzige Touristenattraktion geworden ist und das kein lebenswerter Stadtteil mehr ist. Das stört die Leute wirklich. Zu einer attraktiven Stadt gehören zum Beispiel eben auch Kaffeehäuser, aber da liegt es auch an den Bewohnern selbst, dass sie regelmäßig hingehen. Dann überlebt das Kaffeehaus wahrscheinlich auch.“

Foto: ČTK
Ein Beispiel für die Verdrängung eines alt eingesessenen Betriebs ist das Kleinseitner Kaffeehaus / Malostránská kavárna auf dem gleichnamigen Prager Platz. Im Jahr 1874 wurde das Café im Erdgeschoss eines Rokokobaus eröffnet. Seit zwei Jahren füllt nun eine amerikanische Kette dort ihren „Coffee to go“ in Pappbecher. Und das ganz im Einklang mit den Auflagen des Denkmalschutzes.

Eine weitere Bedrohung sieht Miloš Solař auch in der großzügig geförderten Wärmeisolierung von Altbauten:

„Diese staatliche Unterstützung wird leider auf die Fassadendämmung mit Polystyrol-Platten reduziert. Das ist an sich eine gute Idee und das Nationale Denkmalamt unterstützt selbstverständlich Maßnahmen zum Energiesparen, daran führt kein Weg vorbei, das steht außer Streit. Aber man muss immer darüber nachdenken, was angemessen ist. Man muss sich fragen, ob solche Eingriffe auch in einem so wertvollen Ambiente wie auf der Prager Kleinseite gemacht werden sollen. Aber leider wird das bei den Förderungen nicht berücksichtigt und so reduziert sich das immer auf die Kunststoff-Fenster und die Polystyrol-Fassaden. Unter einem Kulturdenkmal stellt sich wohl niemand ein Gebäude mit einer hässlichen Fassade, Teerpappe auf dem Dach und Plastik-Fenstern vor.“

Doch nicht nur in Prag sind nach wie vor viele Baudenkmäler bedroht. Mit den gleichen Problemen sehen sich auch die Außenstellen des Denkmalamtes in den 13 Landkreisen konfrontiert, wie etwa Lukáš Smola aus dem westböhmischen Loket berichtet:

Bad Kyselka in Karlovy Vary (Foto: Barbora Kmentová)
„Ein Beispiel für den Verfall des kulturellen Erbes in Westböhmen ist die Quelle ‚Kyselka’ in Karlsbad. Das war früher nicht nur ein Thermalbad, sondern auch die Abfüllanlage für das berühmte ‚Mattoni’-Mineralwasser. Die Behörden haben bereits mehrmals eine Sanierung des Komplexes angeordnet, doch es ist nichts geschehen. Nur in einem Teil der Gebäude wurde eine Untersuchung der Substanz durchgeführt und ein behelfsmäßiges Dach errichtet. Diese historische Anlage steht einem weiteren Ausbau der Mineralwasserfabrik im Weg. Der italienische Eigentümer der ‚Mattoni’-Quellen hat nur ein Ziel: die Löschung des ‚Kyselka’-Komplexes aus dem Verzeichnis der Kulturdenkmäler. Deshalb investiert er nichts in die Erhaltung.“

Doch nicht immer sind die Eigentümer gegen die Erhaltung und des Gebäudes. Oft fehlt es einfach an den nötigen finanziellen Mitteln für eine denkmalgerechte Sanierung. Viele Hausbesitzer bemühten sich geradezu vorbildlich um die Bewahrung der historischen Substanz, berichten die Denkmalschützer. Martin Číhalík von der Brünner Außenstelle des Nationalen Denkmalamtes nennt ein Beispiel:

„Für das Haus in der Jakubská-Straße 7 in Brünn hatte der derzeitige Eigentümer schon eine gültige Abbruchgenehmigung. Als er sich aber näher mit der Geschichte des Gebäudes zu befassen begann und erkannte, das sich in dem Komplex gut erhaltene Teile eines mittelalterlichen Bürgerhauses befinden, entschied er sich dafür, das ganze zu erhalten und aufwändig renovieren zu lassen.“

Besonders schwer am Erbe der Vergangenheit zu trage haben die Grenzregionen. Durch die Absiedelung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg und die Errichtung des Eisernen Vorhanges sind ganze Dörfer und Landstriche verwüstet worden, wie Denkmalschützer Smola aus Westböhmen erläutert:

Starý Hrozňatov (Foto: Google Maps)
„Die nach 1945 neu angesiedelten Bewohner kamen aus den verschiedensten Ecken des Landes und aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sie hatten keinen Bezug zum kulturellen Erbe ihrer neuen Heimat. In der chaotischen Zeit der Vertreibung der Sudetendeutschen wurden viele Häuser geplündert und zahlreiche Baudenkmäler vernichtet. Die verlassenen Dörfer und Landstriche wurden oft von der Armee übernommen, die dort überdimensionierte Truppenübungsplätze eingerichtet hat. Dadurch wurden die Kulturlandschaft und die historischen Bauten komplett zerstört. Vor allem an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland wurden nach der Machtübernahme der Kommunisten breite Grenzstreifen eingerichtet, die bis in die 1970er-Jahre immer weiter ausgedehnt wurden. Das Leben in diesen Gebieten war sehr eingeschränkt und so sind viele Baudenkmäler vernichtet. Der barocke Wallfahrtsort Starý Hrozňatov (Altkinsberg) zum Beispiel ist nach der Wende dank der Unterstützung von vertriebenen Sudetendeutschen quasi aus den Trümmern wiederauferstanden. Die Kirche in Čistá (Lauterbach) wiederum diente sogar den Armee-Scharfschützen als Ziel.“

Doch auch in der heutigen Zeit seien ganze dörfliche Ensembles von der Zerstörung bedroht, berichtet der Experte für die Erhaltung ländlicher Architektur, Pavel Bureš:

„Sehr oft geht heute leider die Neugestaltung der öffentlichen Flächen in den Dörfern schief. Da werden fremde Baum- und Straucharten gesetzt, die überhaupt nicht in das ländliche Ensemble passen, es entstehen große betonierte oder gepflasterte Flächen, Bäche werden brutal begradigt und Teiche trocken gelegt.“

Natürlich gebe es aber auch viele positive Beispiele für die gelungene Bewahrung und behutsame Sanierung der ursprünglichen Dorfensembles, betonen die Denkmalschützer. Das bekannteste Beispiel dafür ist das südböhmische Bauerndorf Holašovice (Hollschowitz), das seit 1998 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht.