Kostbare Erinnerungen: Pfarrer Leitgöb verlässt Prag nach zehn Jahren (Teil 1)

Martin Leitgöb (Foto: Sophie Marie Strich)

Der Posten des Gemeindeseelsorgers Martin Leitgöb war für acht Jahre die Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen. Sie ist der Sitz der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag. Nun geht seine Zeit in der tschechischen Hauptstadt zu Ende. Ein guter Anlass, um noch einmal Bilanz zu ziehen. Hören Sie welche Erfahrungen den Pater berührt haben und was er vermissen wird. Auch wohin es ihn nach Prag verschlägt und wer sein Nachfolger ist.

Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen (Foto: Tjflex2, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Welche besonderen Erinnerungen werden Sie aus Prag mitnehmen?

„Es gibt natürlich ungemein viele Erinnerungen. Eine ist die, dass wir wirklich eine junge Gemeinde sind. Und wir sind in den letzten Jahren gewachsen. Wenn man die deutschsprachige Kirschenlandschaft anschaut, dann hat man eher den Eindruck, es wird weniger. Und so durften wir in Prag, und durfte auch ich persönlich ein Wachsen gegen den Trend erleben. Das ist die kostbarste Erinnerung. Es ist uns zudem gelungen, sehr viele Familien anzusprechen. So ist der Altersdurchschnitt der Gottesdienstbesucher viel niedriger als in Deutschland, Österreich oder auch woanders in Tschechien. Eine kostbare Erinnerung ist zum Beispiel: Ich lade die Kinder beim Sonntags-Gottesdienst ein, während des Vater-Unsers an den Altar zu kommen. Mit 20 oder 25 Kindern einen großen Kreis um den Altar bilden, das ist etwas ganz Besonderes. Eine andere gute Erinnerung ist, dass unsere Gemeinde 2016 vom Erzbistum Prag zu einer Pfarrei erhoben wurde. Das Jahr 2016 hat sich also in die Gemeindegeschichte als ganz wichtige Zäsur eingeprägt. Vorher waren wir ein eher lockerer Zusammenschluss von deutschsprachigen Katholiken. Seit 2016 sind wir fest in der Struktur des Erzbistums Prags, und damit auch in der Struktur der tschechischen Kirche. Das war auch ein ganz wichtiges Signal, dass die Deutschsprachigen nicht nur ein Gastrecht hier im Land haben, sondern auch, zumindest in der kirchlichen Struktur, richtig dazugehören. Das ging schon unter die Haut. Und dann viele schöne Einzelbegegnungen und Gottesdienste. Auch die zweisprachigen Gottesdienste werden mir in besonderer Weise in Erinnerung bleiben. Also Gottesdienste, die wir auf Deutsch und Tschechisch gefeiert haben. Jetzt vor zwei Wochen an Maria Himmelfahrt, am 15. August haben wir einen Gottesdienst in einem südböhmischen Dorf in der Nähe von Třeboň gefeiert. Eine Familie aus unserer Gemeinde hat dort ein Haus, und sie haben uns dahin eingeladen. Sie haben dann auch die tschechischen Ortsbewohner eingeladen. Das sind die deutsch-tschechischen Begegnungen an der Basis. Eben keine großen Konferenzen, Symposien oder symbolträchtigen Aktionen, sondern so richtig an der Basis. So war es mir immer sehr wichtig an der deutsch-tschechischen Begegnung mitzuarbeiten. Ich hoffe, dass das hier in der Gemeinde so weitergeht.“

Blick vom Vyšehrad auf Prag und die Moldau (Foto: Irina Rutschkina)

Was werden Sie aus Prag am meisten vermissen?

„Vieles werde ich vermissen. Ich bin Ordensmann. Normalerwiese leben wir Ordensmänner mit unseren Mitbrüdern in Klöstern. Hier in Prag war ich acht Jahre lang auf einem Einzelposten. Das hat Nachteile und Vorteile. Zu den Vorteilen gehört, dass man eine gewisse Freiheit genießt. Und etwas von dieser Freiheit werde ich wohl schon vermissen. Ich werde sicher auch die gute böhmische Küche und das Pilsner Bier vermissen, das habe ich sehr gern getrunken. Und auch der eine oder andere schöne Platz in Prag wird mir fehlen. Ich bin immer wieder gerne auf den Vyšehrad gegangen und habe von der Höhe dieses Ortes auf Prag und die Moldau geschaut. Das ist für mich ein besonders schöner Ort. Auch Spaziergänge am Abend in den engen Gassen der Prager Altstadt werde ich vermissen.“

Náměstí Míru mit der Ludmila Kirche (Foto: Svobodat, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Gibt es noch einen anderen Lieblingsplatz in Prag?

„Ein anderer Lieblingsplatz ist der Náměstí Míru. Das ist auch mit einer gewissen Fügung in meinem Prager Leben verbunden. Ich habe immer gesagt, dass der Náměstí Míru für mich persönlich der schönste von allen Prager Plätzen ist. Am Altstädter Ring oder auf der Kleinseite sind mir meist zu viele Touristen. Der Náměstí Míru ist aber ein stolzer Prager Platz. Ich habe die ersten Jahre in Prag in Bubeneč gewohnt. Dann bin ich in das Pfarrhaus von der Ludmila Kirche am Náměstí Míru gezogen. Und natürlich ein Ort, den ich in besondere Weise vermissen werde, ist die wunderschöne Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen. Diese Kirche ist für mich persönlich in den letzten Jahren wirklich zu einer geistlichen Heimat geworden. Ich war zu allen Tages- und Nachtzeiten in der Kirche. Oft auch alleine, zum Beispiel zum Meditieren oder Beten. Wenn es mal sehr stressig war und ich Ruhe und Stille brauchte, bin ich hier in unsere Kirche gegangen. Diese Kirche werde ich wirklich sehr vermissen. Es ist ein wunderschöner Ort und ein prachtvoller Bau. Sie ist aber nicht zu groß und hat einen wunderschönen Garten. Den habe ich in der Corona-Zeit viel genutzt. Gerade in den ersten zwei, drei Wochen, als man noch nicht so recht wusste, ob man einen Spaziergang machen darf. Da war ich viel im Garten. Das werde ich schon vermissen.“

Was wünschen Sie der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag für die Zukunft?

„Da gibt es natürlich etwas. Ein Pfarrer wünscht sich natürlich, dass alle ein gläubiges und vertrauensvolles Herz bewahren. Das wünsche ich jedem Einzelnen. In besonderer Weise aber den Kindern und Jugendlichen. Ich hoffe, dass sie vertrauensvoll, gläubig und mutig in ihr Leben hinein gehen werden. Mal schauen, ob ich den einen oder die andere mal wieder treffe. Es würde mich schon interessieren, was in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aus ihnen wird. Ich wünsche vor allem den Kindern und Jugendlichen Gottes Segen für ihren Lebensweg. Der Gemeinde im Ganzen wünsche ich, dass sie weiterhin nicht nur Gemeinde, sondern auch Gemeinschaft sind. Das vielleicht wieder die eine oder andere Initiative entsteht und Feste gefeiert werden. Was ich mir auch wünsche ist, dass man die bedürftigen Menschen, die es in Prag ohne Zweifel gibt, nicht vergisst. Das war auch eine sehr schöne Erfahrung in den letzten Jahren. Immer wieder kamen Menschen, die teilweise auch gar kein Deutsch sprachen, zu unseren Gottesdiensten. Häufig sind es auch bedürftige Menschen, die sich jetzt bei uns richtig heimisch fühlen. Ich wünsche mir von der Gemeinde, dass solche Menschen weiterhin einen Platz bei uns haben.“

Ellwangen (Foto: Moggosaurier, Wikimedia Commons, CC0)

Wohin geht es denn für Sie jetzt nach Prag?

„Für mich geht es weiter nach Deutschland. Genau genommen nach Baden-Württemberg auf die schwäbische Ostalb. Dort gibt es die Stadt Ellwangen. Meine Ordensgemeinschaft betreut seit mittlerweile 100 Jahren in Ellwangen einen Wallfahrtsort. Dieser Ort heißt Schönenberg. Ein wunderschöner Ort mit einer großen barocken Wallfahrtskirche auf einem Hügel gelegen. Da werde ich ab Mitte September Pfarrer, Leiter eines Seelsorger-Verbandes und Wallfahrtspriester sein.“

Können Sie uns noch etwas über Ihren Nachfolger erzählen?

Thomas Hüsch (Foto: Archiv des Bistums Trier)

„Zum einen freue ich mich, dass wieder ein Nachfolger gefunden werde konnte. Das ist in einer Auslandsgemeinde gar nicht so einfach. Idealerweise ist es natürlich ein deutscher Muttersprachler. Mit Hilfe des Auslandssekretariats der deutschen Bischofskonferenz konnte aber ein Priester gefunden werden, Thomas Hüsch. Er ist nur knapp älter als ich. Er war für 13 Jahre Pfarrer und Dechant in Koblenz, also dem Bistum Trier, hat also Erfahrung. Seine Studienzeit hat er in Rom verbracht und ist somit auch auslandstauglich. Ich habe ihn natürlich schon öfter getroffen und ich denke, das wird gut. Er wird neue Akzente und Impulse mitbringen. Es ist auch nötig, dass es ab und zu einen Seelsorger-Wechsel gibt. So verhärtet sich nichts und es gibt immer neuen Wind im Gemeindeleben.“

Martin Leitgöb (Foto: Sophie Marie Strich)

Was ist denn am Sonntag für eine Veranstaltung hier in der Kirche?

„Der kommende Sonntag, der 30. August ist erstmal ein ganz normaler Gottesdienst. So wie an jedem Sonntag um elf Uhr. Es ist aber auch mein letzter Gottesdienst mit der Gemeinde, also mein Abschiedsgottesdienst. Ich habe mich aus den Vorbereitungen herausgehalten, habe aber gehört, dass vieles vorbereitet wird. Auf der einen Seite musikalisch, und es wird schöne Blumen geben. Blumen sind mir immer sehr wichtig. Danach feiern wir im Garten ein schönes Fest, und wir hoffen auf gutes Wetter. So wird das einfach eine schöne Feier der Begegnung von Ehemaligen und jetzigen Gemeindemitgliedern.“

Das war der erste Teil des Interviews mit dem Seelsorger der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag, Martin Leitgöb. Am Sonntag den 30. August, um elf Uhr findet in der Kirche sein Abschluss-Gottesdienst statt. Er freut sich sicher über zahlreise Besucher. Den zweiten Teil des Interviews hören Sie am nächsten Samstag. Dort erfahren Sie dann, wie Pater Martin eigentlich in Prag gelandet ist, und was die deutschsprachige katholische Gemeinde in Prag so besonders macht.

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