Krisenerprobt und flexibel: Klavierhersteller Petrof

Foto: Jiřina Mužíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks

In Krisenzeiten sind Durchhaltevermögen, Beharrlichkeit und Flexibilität gefragt. Das gilt auch für Firmen. Und diese Fähigkeit hat der tschechische Klavierhersteller Petrof wiederholt an den Tag gelegt, weshalb er schon seit 156 Jahren besteht. Zuzana Ceralová Petrofová leitet seit 16 Jahren das Familienunternehmen aus Hradec Králové / Königgrätz. Sie hat die Firma, die zwischenzeitlich auch Möbel produzieren musste, wieder nach oben geführt.

Foto: Jiřina Mužíková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Zuzana Ceralová Petrofová  (Foto: Jana Přinosilová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Klaviere der Marke Petrof sind weltweit gefragt. Die Firma ist der größte Hersteller von Klavieren und Pianos in Europa. Im Jahr 2018 verkaufte sie Musikinstrumente für 285 Millionen Kronen (10,6 Millionen Euro). Und dies, obwohl die Kundschaft in der heutigen Zeit immer kleiner wird. Entsprechend hart ist der Markt umkämpft, erläutert Petrofová:

„Wir sind eine Firma, die ein Produkt für die Freude an der Musik und für ein Hobby herstellt, wenn ich einmal von den professionellen Musikern absehe. Aber sie sind nur eine verschwindend kleine Gruppe. Wir müssen uns den Markt mit anderen Firmen teilen, die auch auf den Spaßfaktor ihrer Produkte setzen. Die Digitalisierung, Computer-Software und Computerspiele sind weiter auf dem Vormarsch. Das bedeutet, dass die Zeit derer, die gerne auf einem Piano spielen, knapper und knapper wird. Damit haben wir zu kämpfen.“

Foto: Archiv der Firma PETROF
Vor einiger Zeit hat das Unternehmen die Nachfrage nach seinen Instrumenten beurteilen lassen. Die Ergebnisse haben die Petrof-Präsidentin zu einer wichtigen Erkenntnis gebracht:

„Wenn ich die Erdteile betrachte, dann stelle ich fest: Östlich von Prag besteht die Tendenz, mehr zu lernen und sich zu bilden, als im Westen.“

Mit Respekt ins Reich der Mitte

Mehr zu lernen heißt auch mehr zu musizieren oder sich überhaupt künstlerisch zu betätigen. Von daher ist es kein Wunder, dass die Firma Petrof unter ihrer jetzigen Chefin längst Fuß gefasst hat auf den östlichen Märkten, und dabei ganz besonders in China. Dies sei aber bei weitem kein Selbstläufer gewesen, schildert Petrofová:

Illustrationsfoto: NICHXAV.,  Flickr,  CC BY-NC-ND 2.0
„Am schwierigsten war es, vor Ort herauszufinden, wie die potenziellen chinesischen Partner reagieren, wie die Leute dort ticken. Man muss ihnen zuhören. Und man muss sich mit Demut mit chinesischen Bräuchen und der Kultur auseinandersetzen.“

Zudem gibt die Inhaberin der renommierten Klavierfirma zu bedenken:

„Am Schlechtesten ist es, China nur als riesiges Land zu betrachten, in dem unendlich viele Produkte und Marken produziert werden und alles billig und schlecht ist. Einige deutsche Firmen sind mit einer solchen Theorie ins Land gekommen. Und ich denke, das war nicht gut für sie.“

Nicht zuletzt dank eines geschickten Vorgehens hat Zuzana Ceralová Petrofová ihr Unternehmen mittlerweile erfolgreich auf dem chinesischen Markt etabliert. Sie nennt einige Fakten:

Foto: Archiv der Firma PETROF
„Wir verkaufen schon seit 15, 16 Jahren intensiv in China. In dieser Zeit haben wir dort viele feste Partner gefunden. Unser Geschäft wächst von Jahr zu Jahr. Dadurch sind wir für China der größte Piano-Importeur aus Europa geworden. Das ist ein toller Erfolg.“

Die Petrof Group produziert derzeit 7000 Musikinstrumente jährlich, davon allein 5000 direkt in China. Doch im Gegensatz zur Konkurrenz lässt das Unternehmen seine Klaviere in China nicht unter dem hauseigenen Label, sondern als Lizenzprodukte unter den Marken Rösler, Scholze und Fibich herstellen. Dies hat einen geschäftlichen Grund, erklärt Petrofová:

„Wir machen es eben nicht wie die Firma Yamaha. Die Japaner produzieren unter ihrer Marke in verschiedenen Ländern. Dadurch sind jedoch unterschiedliche Preis- und Qualitätskategorien entstanden. Mir erscheint dies aber für den Endverbraucher nicht besonders verständlich. Deshalb sind wir einen anderen Weg gegangen. Wir wollten unsere Produkte nicht nur preislich, sondern auch anhand der Marke voneinander unterscheiden. Meiner Meinung nach soll der Endverbraucher genau wissen, wofür er sein Geld in die Hand nimmt. Daher haben wir dann auch für unsere Marken unterschiedliche Preiskategorien festgelegt.“

Klavier Yamaha  (Foto: Nowaja,  Pixabay / CC0)
Für den Kunden sei es so einfacher und übersichtlicher, ein Klavier seiner Wahl aus ihrem Haus im Internet herauszusuchen und es bezüglich des Preises sowie der Marke nach zu vergleichen, ergänzt Petrofová. Der teuerste Konzertflügel, den ihre Firma herstellt, kostet einige Hunderttausend Euro. Dies sei auch der starken Konkurrenz geschuldet, mit der man preislich sehr gut mithalten könne, betont die Firmenchefin:

„Wir haben ein sehr breites Portfolio. Bei den Flügeln und anderen Konzertinstrumenten können wir uns durchaus mit Steinway messen, zumal wir mit zwei Marken vertreten sind: Petrof und Antonín Petrof (Ant. Petrof). Ich wage zu behaupten, dass wir als Petrof bei den Konzertinstrumenten preiswerter sind als Steinway, aber teurer als Yamaha. Und in der absoluten Oberklasse sind wir mit unserem größten Instrument der Marke Antonín Petrof vermutlich sogar teurer als Steinway.“

Unendlicher Kampf gegen Plagiate

Foto: Archiv der Firma PETROF
Das gute Geschäft in China hat jedoch auch eine Kehrseite – je namhafter ein Unternehmen ist, umso mehr Plagiate tauchen im Reich der Mitte von dieser Marke auf. Gegen die massenhaften Kopien und Fälschungen ihrer Produkte kämpfen die Firmen aus dem Westen schon seit Jahren an, doch bisher ohne Erfolg. Zuzana Ceralová Petrofová weiß, wie schwer das ist:

„Ich denke, dass das entsprechende Patentgesetz in China nicht klar und deutlich formuliert ist. Es lässt Raum für Interpretationen, und daher funktioniert es nicht. Ganz Europa und auch die Vereinigten Staaten beschweren sich vermittels ihrer Konsulate und Botschaften deswegen laufend. Ich selbst bin in verschiedenen Verbänden tätig, unter anderem im Europäischen Verband der Musikinstrumente-Hersteller. Wenn unser europäischer Verband mit dem chinesischen zusammentrifft, dann ist das stets ein sehr wichtiger Verhandlungspunkt. Der chinesische Verband versucht uns zu begreifen und an die eigene Regierung zu appellieren. Ein echter Fortschritt aber ist nicht zu erkennen.“

Foto: ČT24
So schwer es den westlichen Industrienationen fällt, ihre Interessen in dieser Frage in China durchzusetzen, umso deutlicher reagiert Peking, wenn es die eigenen Ansprüche verletzt sieht. Auch damit hat Zuzana Ceralová Petrofová erst vor einigen Monaten persönliche Erfahrungen gemacht. Im Oktober vergangenen Jahres kündigte Prag den Partnerschaftsvertrag mit Peking auf, weil die chinesische Seite darin eine Formulierung nicht revidieren wollte, die die tschechische Hauptstadt für unangebracht hielt. Dieses Vorkommnis platzte unmittelbar in die Messe der Musikindustrie in Shanghai, bei der Petrof natürlich auch vertreten war:

Hongkong  (Foto: Raul Cuellar,  Pixabay / CC0)
„Kaum, dass ich zur Messe angereist war, fiel auch schon beim ersten Bankett mit unseren langjährigen Partnern die Frage: ‚Was ist denn da los zwischen Prag und Peking?‘ Ich wurde gefragt, wie ich das sehe. Ich antwortete ihnen, ich sei aus Hradec Králové und nicht aus Prag. Denn ich wollte mich auf keine Diskussion einlassen und schon gar keine Stellung dazu beziehen.“

Wesentlich härter, und das auch für das eigene Geschäft, trifft die Petrof-Präsidentin jedoch der Konflikt zwischen Hongkong und China. Hongkong war 150 Jahre lang eine Kronkolonie der Briten, die diese jedoch laut Vertrag 1997 an China zurückgeben mussten. Seitdem gibt es Unstimmigkeiten zwischen dem Stadtstaat und Festlandschina, doch in letzter Zeit auch immer häufiger Unruhen in Hongkong wegen des Zwists. Zuzana Ceralová Petrofová sieht das mit Sorge.

Situation in Hongkong  (Foto: Etan Liam,  Flickr,  CC BY-ND 2.0)
„Ich bin darüber sehr traurig, denn wir haben in Hongkong eine Unternehmerfamilie, mit der wir schon seit fast 70 Jahren kooperieren. Wir kennen uns alle persönlich. Daher weiß ich auch, dass ein Teil der Familie, der in Kanada lebt, jetzt nicht beabsichtigt, nach Hongkong zu fliegen. Denn dort droht tatsächlich ein Bürgerkrieg. Und zum Zweiten beeinflusst das auch sehr unser beiderseitiges Geschäft. Als wir uns zuletzt bei der Messe in Shanghai getroffen haben, teilte mir unser Partner mit, dass er bereits um seine Existenz kämpfe.“

Im Rundfunk nach ihrer eigenen Meinung zum Konflikt befragt, sagte Petrofová, dass es hierfür so gut wie keine gute Lösung gebe und Hongkong wohl oder übel das chinesische Recht anerkennen müsse.

Gestärkt aus Krisen hervorgehen

Schlacht bei Königgrätz
Als sich die Petrof-Präsidentin zu diesem Thema äußerte, war von der aktuellen Corona-Krise noch nichts zu spüren. Doch ein Blick in die Vergangenheit genügt, um zu wissen, dass gerade die Firma Petrof mehrmals schwere Zeiten gut gemeistert hat. Das begann schon 1866, im zweiten Jahr nach der Firmengründung. Damals wurde direkt vor den Toren der Stadt Königgrätz die entscheidende Schlacht im Deutschen Krieg zwischen den Preußen und den Truppen aus Österreich und Sachsen ausgefochten. Zuzana Ceralová Petrofová:

„Die Zeit der Schlacht bei Königgrätz war die einzige Phase in der 155-jährigen Firmengeschichte, in der die Produktion ruhte. Denn zur Herstellung der Pianos fehlten einfach die Leute.“

Foto: Archiv PETROF Gallery
Noch ärger aber traf es das Unternehmen im Jahr 1948, als die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Macht übernahmen. Petrof wurde verstaatlicht, der Familie wurde sämtliches Eigentum abgenommen. Erst nach der politischen Wende von 1989 war es möglich, die Firma wieder zu privatisieren. Vom Staat bekamen die Petrofs aber nur vier Prozent zurück, den Rest mussten sie sich erkaufen.

Zuzana Ceralová Petrofová leitet bereits in der fünften Generation das Familienunternehmen. Auch sie hat mehrere Höhen und Tiefen als Firmenchefin durchlebt. Sie sagt, in schwierigen Situationen helfe ihr das klassische Motto: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker.“ Und im Gespräch für den Rundfunk verriet sie schließlich, wie sie mit harten Zeiten generell umgeht:

Foto: Philippe Demeyere,  Flickr,  CC BY-NC 2.0
„Das hängt immer von der Beantwortung vieler Fragen ab. Man fragt sich natürlich, wie schwer wird die Krise sein? Wird sie das ganze Land erfassen oder sogar die gesamte Welt? Das gilt es abzuwägen. In unserer langen Firmenära haben wir schon einige Krisen hinter uns gebracht und dafür mittlerweile auch eine Art Konzept entwickelt. Auf der anderen Seite verkaufen wir unsere Instrumente in 65 Länder der Welt. Dann sagen wir uns immer: ‚Nicht alle Gegenden sind von der Krise gleich stark betroffen.‘ Eine Ausnahme war die Finanzkrise im Jahr 2008, die das Bankensystem bedrohte. Gerade in punkto Hypotheken war das ein schwerer Schlag für uns. Ansonsten denke ich: Wir werden die Dinge meistern, wie wir es immer getan haben.“