Kritik an der Brünner Erklärung

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Wie wir in der vergangenen Woche bereits berichtet haben, hat der Stadtrat von Brünn eine Erklärung herausgegeben, in der er offiziell sein Bedauern über die Vertreibung der deutschen Einwohner im Jahre 1945 zum Ausdruck brachte. So hat es schließlich 56 Jahre nach dem sog. Brünner Todesmarsch doch noch eine offizielle Stellungnahme der Stadtherren zu diesem traurigen Thema gegeben. Olaf Barth berichtet.

Doch diese Bedauernserklärung, in der an keiner Stelle von einer Entschuldigung die Rede ist, rief nicht nur Kritik von Seiten der deutschen Minderheit in der mährischen Metropole hervor. Wir fragten deshalb Ondrej Liska - den Sprecher der Bewegung "Jugend für interkulturelle Verständigung", die vor einem Jahr mit ihrer Forderung nach einer Stellungnahme der Stadt, den Stein ins Rollen gebracht hatte - ob diese Erklärung seiner Meinung nach ausreiche:

"Das ist eine sehr, sehr wichtige Frage, ob wir mit dieser Erklärung zufrieden sind oder nicht, weil auf der einen Seite muss ich sagen, ich denke im Kontext mit der tschechischen politischen Kultur und der heutigen Politik ist es ein wesentlicher Schritt vorwärts, in Bezug auf die Aussöhnung mit den vertriebenen Deutschen. Auf der anderen Seite muss ich als Sprecher unseres Verbandes und Vertreter von moralischen Werten sagen, diese Erklärung ist sehr unbefriedigend, weil die Politiker im Brünner Rathaus mit dieser Erklärung eigentlich nur allgemein den zweiten Weltkrieg verurteilt haben und nur mit einem Satz haben sie die Vertreibung der Deutschen erwähnt. Wir wollten aber, dass sich der Stadtrat zur Vertreibung der Deutschen äußert und da ist ein Satz einfach nicht genug"

Und erwartet er, dass der Brünner Stadtrat noch eine Entschuldigung oder ausdrückliche Verurteilung folgen lassen wird?

"Nein, ich denke nicht. Ich denke, Politik ist eine symbolische Macht und auf dieser Ebene sind wir uns bewusst, dass das Wesentliche schon passiert ist und das ist, dass über das Thema gesprochen wird, das die Leute viel mehr Fakten über die Vertreibung wissen und dass es einfach zu einem Thema geworden ist."

Die Vereinigung "Jugend für interkulturelle Verständigung" plane aber eine weitere Auseinandersetzung mit den Ereignissen von Brünn, u.a. durch die Einberufung einer Historikerkonferenz, kündigte Herr Liska an.

Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, an Hintergrundberichten zu diesem Thema interessiert sind, dann kann ich Sie auf unseren nächsten Schauplatz am kommenden Sonntag verweisen.

Autor: Olaf Barth
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