Kunst, die zur Politik wird – Herbstveranstaltungen in Berlin

Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin

Eines der wichtigsten Themen für alle tschechischen Institutionen ist in diesem Herbst selbstverständlich das 25-jährige Jubiläum der Samtenen Revolution. Der Sturz des Kommunismus ist von daher auch bei den Veranstaltungen des Tschechischen Zentrums in Berlin einer der Schwerpunkte in den kommenden Wochen. Aber bei Weitem nicht der einzige. Dazu mehr im Interview mit der stellvertretenden Direktorin des Zentrums, Christina Frankenberg.

Tschechisches Zentrum Berlin (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)
Frau Frankenberg, kommende Woche findet am Freitag in Berlin ein Kulturtag der europäischen Kulturinstitute statt. Auch das Tschechische Zentrum ist daran beteiligt, und zwar in Kooperation mit weiteren Institutionen. Mit wem haben Sie sich zusammengetan und was ist nun geplant?

„Ich sage vielleicht kurz erst einmal etwas zu diesem Kulturtag der europäischen Kulturinstitute. Wie vielleicht die Hörer und Leser von Radio Prag wissen, haben sich in vielen europäischen Städten die Kulturinstitute in der sogenannten EUNIC zusammengeschlossen. Und da wir in Berlin sehr gut zusammenarbeiten, hatten wir die Idee, einen großen gemeinsamen Tag zu planen, wobei wir die Institute neu mischen – das ist auch der Untertitel des Kulturtages. Und so wurde wirklich per Los bestimmt, welche Partner sich zusammentun, was auf einmal ganz neue Herausforderungen an die Kooperation stellt. Dies zwingt auch Institute, die auf den ersten Blick nicht so viel gemeinsam haben, zum Nachdenken über Gemeinsamkeiten. Dem Tschechischen Zentrum wurden zwei Partner zugelost, das ist zum einen die Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen, also der IfA, hier in Berlin und zum anderen die Schweizerische Botschaft, die mit ihrer Kulturabteilung in der EUNIC Berlin vertreten ist. Wir planen für den Kulturtag zwei Veranstaltungen, eine davon im Tschechischen Zentrum. Die Veranstaltungen stehen unter der Überschrift ‚Wo Kunst zu Politik wird‘ – und wir werden uns bei beiden mit der Lage in Weißrussland, also Belarus beschäftigen. In der IfA-Galerie gibt es dazu einen Dokumentarfilm zu sehen, und bei uns ist am Abend um 19 Uhr eine Diskussion geplant. Aus Tschechien wird dazu Šimon Pánek, der Gründer der Menschenrechtsorganisation ‚People in Need‘ kommen. Dann wird die Aktionsgruppe pARTisan aus Belarus dabei sein sowie die Schweizerin Céline Yvon, die von ihren praktischen Erfahrungen im Bereich der Kulturvermittlung berichtet. Moderiert wird der Abend wiederum von einem Tschechen, und zwar von Tomáš Sacher, der für die Wochenzeitschrift ‚Respekt‘ arbeitet.“

Ausstellung über Rudolf Valenta (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)
Über Kunst, die zur Politik wird, könnte sicher auch Rudolf Valenta erzählen. Der Bildhauer ist 1969, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, in den Westen emigriert. Seit 1974 lebt er nun in Berlin. Und Sie zeigen zu seinem 85. Geburtstag eine Ausstellung. Vielleicht können Sie noch ein bisschen mehr zu Valentas Person und seinem Werk sagen…

„Wichtige Eckdaten haben Sie ja schon erwähnt. Rudolf Valenta lebt seit 1974 in Berlin, als er ein DAAD-Stipendium hier in der Stadt erhielt. Seine Werke sind heute in den Sammlungen großer Museen vertreten, zum Beispiel in der Neuen Nationalgalerie oder im Neuen Berliner Kunstverein, aber auch in der Galerie výtvarného umění in Ostrava, also der Galerie der bildenden Künste. Der Künstler stammt auch ursprünglich aus Ostrava. Rudolf Valenta hat sich einen Namen gemacht als Bildhauer, Maler und Graphiker. Hier im Tschechischen Zentrum werden wir zwei Installationen von ihm zeigen beziehungsweise wieder nachbauen. Das sind die Installationen ‚Räume‘ von 1978 und ‚Tat‘ von 1982 bis 1985. Dazu gibt es auch ein Video mit einem Interview des Künstlers, das er zu der inzwischen verschwundenen ortsspezifischen Arbeit ‚Rekonstruktion eines Raumes‘ von 1979 gegeben hat.“

Wo und in welchem Zeitraum ist die Ausstellung zu sehen?

„Die Ausstellung ist in unserer Galerie TZB zu sehen. Sie wird am Donnerstag, 13. Oktober, um 19 Uhr eröffnet und läuft dann bis zum 27. November. Das ist auch wieder ein Donnerstag, und an diesem Tag ist auch eine Finissage geplant. Und da wird dann ein Sammelband mit Texten und Dokumenten zum Werk von Rudolf Valenta vorgestellt.“

Anfang November findet in Cottbus das Festival des osteuropäischen Films statt. Auch wenn Tschechien ja eher in Mitteleuropa liegt, sind wieder einige Streifen aus dem Land dabei. Haben Sie schon Informationen, ob es davon auch einer in den Wettbewerbsbereich geschafft hat?

Film ‚Líbánky‘ (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)
„Ja, das habe ich schon. Der Begriff osteuropäisch ist wohl eher im Sinne von ost- und mitteleuropäisch zu verstehen. Soweit ich mich richtig erinnere, hieß das Festival früher auch mittel- und osteuropäischer Film, aber der Einfachheit oder der Kürze halber wurde der Titel dann geändert. Cottbus ist nichtsdestotrotz das führende Festival im Bereich des ost- und mitteleuropäischen Films. Und ich freue mich sehr, dass es in diesem Jahr dort wieder fünf Filme aus Tschechien geben wird. Einer davon ist ‚Líbánky‘ oder ‚Honeymoon‘ von Jan Hřebejk, er wird im diesjährigen Focus laufen. Das Filmfestival Cottbus hat neben vielen Wettbewerbssektionen auch immer eine thematische Sektion ‚Focus‘, und die wird sich in diesem Jahr unter dem Titel ‚Queer East‘ mit lesbisch-schwulen Lebensmöglichkeiten in ganz Mittelosteuropa beschäftigen. Und dann sind vier tschechische Arbeiten in einer Sektion vertreten, die sehr zukunftsgerichtet ist und einen Ausblick auf die Trends von morgen gibt.“

Film ‚Schmitke‘
Welche Filme sind das?

„In der Sektion läuft unter anderem der Film ‚Schmitke‘ von Štěpán Altrichter, einem jungen Regisseur, der aus Tschechien stammt - oder seine Familie stammt aus Tschechien und er selber ist in Deutschland großgeworden. Altrichter legt jetzt seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor, in dem er sehr schön reportiert und mit sehr viel Gespür auch für Nuancen auf Schwierigkeiten in der Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen eingeht. Weitere Filme, die auch in Cottbus eben in dieser Sektion ‚Spektrum‘ laufen werden, sind ‚Maria Stock‘ von Jan Březina, ‚Sunrise Supervising‘ von Pavel Göbel oder ‚Bella Mia‘ von Martin Duba. Diese Sektion präsentiert – wie gesagt – Entdeckungen abseits des Mainstreams und zeigt aktuelle Werke von Newcomern. Insofern denke ich, dass dies eine sehr schöne Auswahl für die tschechische Kinematographie ist, die auch Mut macht für die nächsten Jahre. Und ich sollte auf jeden Fall noch sagen, dass das Tschechische Zentrum Berlin wie in den vergangenen Jahren die Vorführungen wieder unterstützt. Das heißt, von 4. bis 10. November ist Cottbus ganz bestimmt für Filmliebhaber eine Reise wert.“

Václav Havel (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Wir sind im Programm des Tschechischen Zentrums bereits in den November gerutscht. Und da steht natürlich ein ganz wichtiges Datum an, der 17. November, also 25 Jahre seit dem Beginn der Samtenen Revolution. Eine der wichtigsten Personen beim Sturz des kommunistischen Regimes war der 2011 verstorbene Ex-Dissident und spätere Präsident Václav Havel. Und auf ihn bezieht sich auch Ihre erste Veranstaltung zum Jubiläum…

„Am 4. November werden das Tschechische Zentrum, die Tschechische Botschaft und der Propyläen-Verlag zusammen die erste große Havel-Biographie vorstellen, die Ende Oktober im Propyläen-Verlag erscheint. Das Werk trägt den einfachen Titel ‚Václav Havel‘ und wurde von Michael Žantovský geschrieben. Der Autor ist heute Diplomat und arbeitet als Botschafter der Tschechischen Republik in London. Er ist ansonsten auch als Journalist und Schriftsteller bekannt. In der Biographie verfolgt er das Leben von Václav Havel. Žantovský war selbst war viele Jahre auch ein enger Weggefährte von Havel.“

Jaroslav Hutka (Foto: Archiv der Tschechischen Zentren)
Was plant das Tschechische Zentrum Berlin noch zum Thema?

„Es wird am 8. November, einem Samstag, ein Konzert mit dem Liedermacher Jaroslav Hutka geben (Hutka hatte zu kommunistischen Zeiten ein Auftrittsverbot, Anm. d. Red.). Dies ist eine Veranstaltung, auf die wir uns schon sehr freuen. An ihr wirken auch einige Partner mit. Und am 17. November werden wir einen neuen tschechischen Dokumentarfilm zeigen, er heißt ‚Hvězdy za železnou oponou‘, also ‚Stars hinter dem Eisernen Vorhang‘. Dieser Film wird zeitgleich am selben Tag auch im Tschechischen Fernsehen Premiere haben. Er thematisiert die Konzerte von Musikern und Musikgruppen aus dem Westen, die vor 1989 in der Tschechoslowakei aufgetreten sind. Der Film schlägt den Bogen von den 1960er bis zu den 1980er Jahren und endet mit dem legendären Konzert der Rolling Stones 1990 in Prag. Gezeigt wird, dass die Musiker aus dem Westen mit ihren Konzerten sehr viel Hoffnung und westliches Lebensgefühl mitbrachten. Einige der Auftritte wurden auch zu politischen Manifestationen, wie zum Beispiel jener von Joan Baez in Bratislava im Jahr 1989.“

Autor: Till Janzer
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