Ladislav Špaček, der Knigge der tschechischen Etikette über Václav Havel (Teil 2)

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Ladislav Špaček ist der Guru der tschechischen Etikette, der Volkstrainer in Sachen Anstand und Umgangsformen. In Fernsehserien und Büchern holt er das zurück, was den Tschechen in 40 Jahren Kommunismus verloren ging. Zuvor war er aber Pressesprecher des ersten Nach-Wende-Präsidenten Václav Havel. Auf den unzähligen Staatsbesuchen konnte der aufmerksame Špaček sein Etiketten-Know-How vervollkommnen. Und so gehörte Präsident Havel selbst hin und wieder zu denen, die er eines besseren belehren musste. Christian Rühmkorf sprach mit Ladislav Špaček über den nicht immer leichten Start eines Dissidenten und Bohème, der ganz plötzlich Präsident wurde.

„Wir hatten damals, zur Zeit der Ersten Republik, unseren großen Meister der Etikette, Jiří Guth Jarkovský. Er war der erste Zeremonienmeister des ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk. Guth Jarkovský übertrug das kaiserliche Protokoll, die kaiserliche Etikette der Habsburgermonarchie in eine republikanische Form und prägte damit die moderne Etikette, die im Grunde bis heute Bestand hat“, erzählt Etiketten-Guru Ladislav Špaček, der tschechische Knigge, stolz.

Als nach der Samtenen Revolution der Dissident, Dichter und Bohème Václav Havel Ende 1989 an der Spitze des neuen demokratischen Staates stand, da versuchte man auf der Prager Burg abermals den alten Glanz der Ersten Republik wieder aufleben zu lassen. Das war nicht ganz leicht, sagt Špaček. Denn Havel war bekannt dafür, dass er gerne mal in einem Frank-Zappa-T-Shirt das Enfant terrible Frank Zappa auf der Burg empfing oder in einem Rolling-Stones-T-Shirt mit Mick Jagger in einer Prager Kneipe verschwand. Damals erlebte Ladislav Špaček das alles in seinen elf Jahren als Präsidentensprecher hautnah mit. Kann ein volksnaher Mensch wie Václav Havel zwischen den verschiedenen präsidialen Anlässen unterscheiden? Ladislav Špaček:

„Kann er. Und zwar sehr genau. Aber Václav Havel musste das erst lernen. Und am Anfang klappte das nicht. Denn Anzüge hatte er zuvor so gut wie keine getragen, mangels Gelegenheit. Er war Hilfsarbeiter, Schriftsteller, Boheme. Er hatte also im Grunde für einen Anzug keine Verwendung. Und als er dann wie durch ein Wunder Ende Dezember 1989 Präsident wurde, da hat er gedacht, er könne noch einige Zeit lang so weiter machen.

Das ging soweit, dass wir auf der Burg jeden Freitag den so genannten Pullover-Tag hatten, einen Casual-Friday, an dem wir in Pullover, Sweat-Shirt und Jeans zur Arbeit kommen durften. An diesem Tag wurde auf der Burg kein Besuch empfangen, es gab Büroarbeit und Sitzungen. Aber diesen Pullover-Tag haben wir nur zwei, drei Wochen durchziehen können. Am zweiten Freitag reichte nämlich der Innenminister seinen Rücktritt ein und wir mussten sofort ins Regierungsamt fahren. Aber vorher eilten wir alle nach Hause, nahmen die Anzüge aus dem Schrank, legten die Krawatten um und merkten, dass das so nicht geht, dass der Präsident eben 24 Stunden am Tag im Anzug stecken muss.“

Aber es gab auch einen anderen Präsidenten Havel, erzählt Špaček.

Václav Havel und Ladislav Špaček  (Foto: ČTK)
„Auf der anderen Seite ist Havel ein echter, ein echter – wie soll ich das sagen? – Havel ist ein echter Gentleman. Er bildet sich viel darauf ein, dass er sich zum Beispiel einen perfekten Krawattenknoten binden kann - und das kann er wirklich perfekt - dass er tadellos gebügelte Hemden hat, einen perfekten Kragen. Da ist er sehr pingelig. Und erst die Schuhe! Einen Fehler hatte er allerdings: Er trug Mokassins zum Anzug. Das war sein größter Fehler.“

Obwohl Havel mit der Zeit ein Gespür für seine Rolle bekam, passierten doch einige Fauxpas. Sie gingen aber nicht immer auf das Konto des Präsidenten, wie zum Beispiel in Finnland:

„Das war eine Konferenz von 51 Staatschefs in Helsinki. 50 Staatschefs standen schon da. Alle in schwarzen Anzügen. Unser Präsident kommt in den Saal, und er und einige Kellner tragen einen Smoking. Er war schlicht overdressed. Er war besser angezogen als die anderen, was ein grober Fehler ist. Ganz einfach schlecht. Er begrüßte also alle schuldbewusst und verschwand dann sofort auf die Toilette. Da saß er dann zwei Stunden lang, rauchte nervös und betete, dass um Gottes Willen die Pein doch bald ein Ende haben möge und verfluchte den Protokollchef, der ihn falsch beraten hatte. Das war nämlich dessen Fehler gewesen. Und noch viele Male später, wenn es hieß: ´Herr Präsident, Smoking bitte!´, dann sagte Havel: ´Wirklich? Wird das nicht wieder so wie damals in Helsinki?´“

Dennoch passierte der Smoking-Fehler noch ein zweites Mal, als zu Ehren des mexikanischen Präsident ein Diner auf der Burg abgehalten wurde. Havel erschien diesmal nicht im Smoking – obwohl es erwartet wurde -, lugte nur in den Saal und verschwand sofort um sich umzuziehen.

„Der Präsident achtete sehr darauf. Sie hätten sehen müssen, wie vollendet er auf Diners zum Beispiel mit der englischen Königin oder dem französischen Präsidenten gekleidet war, das war ein Muster an Vollendung. Ich war immer stolz auf meinen Präsidenten. Aber Sie haben schon recht: Wann immer es ging, nahm er sich ein T-Shirt und ging raus.“

Gab es also Situationen, in denen Pressesprecher und angehender Etiketten-Guru Špaček sagen musste: ´So geht es aber nicht, Herr Präsident´?

„Nein. Nein, das gab es nicht. In Sachen Etikette und Kleidung ganz sicher nicht. Da war er... Aber nein, warten Sie. Sie haben recht! Einmal schon. Das war in einem tropischen Land, ich glaube, es war Brasilien. Es waren 45 Grad im Schatten und wir hatten einige kulturelle Programmpunkte zu absolvieren. Auch immer eine offizielle Angelegenheit mit den Delegationen beider Länder. 30 Journalisten, die permanent fotografierten und filmten. Ich wartete also auf den Präsidenten vor seinem Bungalow. Er kam aus dem oberen Stockwerk herunter und trug eine Shorts. Ich sagte: ´Nein, nein, Herr Präsident. Zurück nach oben bitte, und lange Hosen anziehen.´ Und er: ´Aber es ist doch draußen so heiß´. ´Aber Sie sind der Präsident´, sage ich. ´Aber es ist doch so eine Hitze!´ ´Ja, aber Sie sind der Präsident. Präsidenten laufen nicht in kurzen Hosen durch die Gegend. Sie müssen 24 Stunden täglich Präsident sein, Sie müssen das aushalten, da kann man nichts machen´. Und er hörte wirklich auf mich, ging zurück und das war am Ende auch gut so. Denn ein Staatsoberhaupt in kurzen Hosen sieht einfach nicht gut aus. Das darf man nicht machen.“

Ladislav Špaček durfte das, durfte den Präsidenten korrigeren. Als Pressesprecher war er dafür verantwortlich, welches Bild die Öffentlichkeit von Havel hatte.

„Ich habe also eigentlich über sein Image entschieden und deshalb konnte ich es mir erlauben,ihn zu korrigieren, auch in Angelegenheiten wie eben Kleidung, Benehmen oder Auftreten und Ähnlichem.“

War aber Ladislav Špaček klar, dass Havels größtes Pfund seine Authentizität war? Dass er gerade wegen seiner unkonventionellen Art von den Menschen so gemocht wurde?

„Václav Havel hat sich seine Identität nicht nehmen lassen. Immer wenn ich mich bemüht habe, ihn stärker in eine bestimmte Form zu pressen als er vertrug, dann sagte er immer etwas wie: ´Also das mache ich ganz sicher nicht. Dafür müssen Sie sich einen anderen Präsidenten suchen.´ Er bewahrte sich das, was ihm lieb war, manchmal musste er sich anpassen - was kann man machen? Aber auf seine Identität hat er immer sehr geachtet.“

Und hier musste eben auch der Etiketten-Freund Špaček sich anpassen. Wäre es alles in allem schlechter ausgegangen, wenn Václav Havel keinen Špaček an seiner Seite gehabt hätte?

„Ganz sicher nicht! Für mich wäre es schlechter ausgegangen, denn es war die schönste Zeit meines Lebens. Ich bin also Václav Havel dafür sehr dankbar, dass er mich ausgesucht hat und dass er mir ermöglicht hat, elf Jahre in seiner Gesellschaft zu stehen. Und außerdem habe ich aus dieser Zeit unglaublich viele Informationen und Erlebnisse mitnehmen können für meine jetzige Tätigkeit. Also für mich war das eine wunderschöne Zeit.“