In Lagerfelds Kostümen – Balanchines Ballett „Who Cares?“ in der Prager Staatsoper
Unter dem Titel „Who Cares?“ (Wen kümmert’s?) werden in der Prager Staatsoper zwei Einakter des namhaften Choreografen George Balanchine (1904–1983) aufgeführt. Der Abend besteht aus Balanchines erstem abstrakten Ballett „Brahms-Schoenberg Quartet“ von 1966 und seinem vielleicht berühmtesten und fröhlichsten Stück „Who Cares?“ mit Musik von George Gershwin. Die Premiere des Ballettabends findet an diesem Donnerstag, den 18. Juni, in der Prager Staatsoper statt. Während der Generalprobe sind die folgenden Interviews entstanden: mit dem ersten Solisten des Ballettensembles, Paul Irmatov, und mit dem japanischen Ensemblemitglied, Junta Noda.
Herr Irmatov, wie ist Ihre Erfahrung mit Balanchines Werken? Hierzulande werden diese eher selten aufgeführt…
„Aktiv tanze ich es zum ersten Mal.“
Was ist das Besondere an den Bewegungen im Balanchines Stil? Es handelt sich um Neoklassik – aber was bedeutet das für Sie?
„Es ist einfach nur Körpersprache, die älteste Sprache der Welt. Man kann nichts verheimlichen, auch wenn wir die schönsten Kostüme von Karl Lagerfeld haben. Allgemein betrifft dieser Abend alles, man sieht die ganze Weltlage. Wer sich dafür interessiert, was heutzutage in den Köpfen mancher Menschen abgeht, sollte sich das anschauen. Ansonsten – Otherwise, who cares?“
Bietet die Choreografie von George Balanchine die Möglichkeit eigener Interpretation?
„Es gibt natürlich einen Spielraum, und man zeigt sich ja auf der Bühne. Man sieht, wer wer ist. Und manche Dinge passieren halt erst auf der Bühne. Die Schritte sind alle gestellt, aber wir haben auch ein bisschen Spielraum.“
Ist das eigentlich nicht ein Widerspruch zwischen der Neoklassik und Gershwin?
„Das ist eine gute Frage. Es ist wirklich so, dass wir an einem Abend zwei Pole auf der Bühne haben, die komplett unterschiedlich, aber auch komplett gleich sind. Das erste Stück ist mehr aus der Seele gesprochen. Und das zweite Stück ist eher Jazz. Ich habe mir nämlich ein paar Gedanken gemacht. Dieser Abend heißt ,Who Cares?‘, also ,Wen kümmert's noch?‘. Ich glaube, alles ist aus Liebe gemacht, und auch dieser Abend ist darüber. Als Schlussfolgerung dachte ich daran, wieviel wir von unserer Liebe für die Karriere opfern. Und wofür wir diese Liebe opfern. Oder was kostet die Liebe? Wieso ist es heute so schwer, die Liebe zu finden? Ab wann lässt die Liebe nach? Oder wieso bevorzugen wir meistens die Karriere? Auf das erste Stück ,Brahms-Schoenberg Quartet‘ habe ich mich physisch und auch mental sehr stark vorbereitet und habe einige Wege ausprobiert. George Balanchine stammte aus Georgien. Und in Georgien ist die moralische Vorstellung sehr strikt. Da habe ich mir die Frage gestellt: Kann ein Mensch die Lust besiegen? Ist das überhaupt möglich?“
Hat er – Balanchine – sich die Frage vielleicht auch gestellt?
„Kann schon sein. Er ist ja dort aufgewachsen, und dort ist das ein Thema. Ich habe östliche Wurzeln und bin sehr religiös aufgewachsen, wie manche Menschen wissen. Das Stück hat für mich viele Fragen aufgeworfen. Was macht uns zu Menschen? Was ist der Unterschied? Ist es vielleicht das, was uns so definiert, dass wir darüber überhaupt nachdenken? Oder sind wir nur hier, um Geld zu machen? Wie wird unser Lebensalgorithmus geformt? Das sind die Fragen, die man sich vielleicht heutzutage überlegen sollte. Wie oft trifft man sich im Leben? Und die Schlussfolgerung ist: Es wird einfach nicht genug aufgeklärt auf der Welt.“
Die Spielzeit geht bald zu Ende. Welche Rolle erwartet Sie ?
„Wir schauen mal, was dann nach den Ferien ist. Die nächste Saison wird natürlich auch sehr spannend sein. Wir haben ,Giselle‘ auf dem Programm. Da gibt es auf jeden Fall etwas, worauf man sich freuen kann.“
Herr Noda, ist dies Ihre erste Erfahrung mit Balanchines Werken?
„Ja, ich tanze zum ersten Mal in einem Ballett von George Balanchine.“
Finden Sie etwas Besonderes an seinem Stil?
„Das Stück ,Who Cares?‘ spielt in New York. Es ist meine Lieblingsmusik von George Gershwin. Es ist schön, diese zu hören und dabei zu tanzen.“
Tanzen Sie auch im ersten Stück des Abends?
„Ja. Da haben wir die wunderschönen Kostüme, die aus Paris geliehen wurden. Die Bewegungen in diesem Stück, das aus vier Teilen besteht, sind zwar recht unterschiedlich. Aber die Choreografie hat ein einziges Thema, das sie miteinander verbindet.“
Wie war Ihr Weg in das Ballettensembles des Prager Nationaltheaters?
„Vorher habe ich in Berlin studiert. Prag ist eine schöne Stadt, und das Repertoire der hiesigen Company ist wunderbar. Die Leute sind hier sehr nett. Ich bin froh, dass ich Mitglied dieses internationalen Ensembles bin. Es gibt hier mehrere Japaner, so bin ich nicht allein.“
Die Premiere des Balletts „Who Cares?“ findet am heutigen Donnerstag um 19 Uhr in der Prager Staatsoper statt. Die zweite Premiere steht gleich am Freitag auf dem Programm. Reprisen gibt es am 21., 25., 28. und 30. Juni sowie am 1. Juli. Es gibt noch Restkarten. Das Ballett wird auch in der nächsten Spielzeit aufgeführt.
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